Rekordjagd an den Börsen gerät ins Stocken – Chipwerte belasten, Gold glänzt

Die globale Aktienrally verliert an Schwung, während Halbleiteraktien korrigieren. Gold verbucht den stärksten Tagesanstieg seit Monaten, getrieben von geopolitischen und charttechnischen Faktoren.

Auf einen Blick:
  • MSCI-Weltindex gibt nach fünf Gewinntagen nach
  • Halbleiter-Sektor rutscht in Korrekturzone
  • Goldpreis steigt um über vier Prozent
  • IonQ übertrifft Erwartungen mit Umsatzplus

Die Rekordjagd an den weltweiten Aktienmärkten hat zuletzt eine Pause eingelegt. Die großen Indizes kamen von ihren Höchstständen zurück, und ausgerechnet die Chipwerte, die den jüngsten Aufschwung maßgeblich getragen hatten, gaben insgesamt nach. Damit stellt sich die zentrale Frage, ob die Rally fundamental untermauert ist oder ob sich Anleger zu stark auf wenige Technologietitel verlassen.

Chipwerte unter Druck, Volatilität bleibt hoch

Der Weltaktienindex MSCI All Country World beendete zuletzt eine Serie von fünf Gewinntagen und gab leicht nach. Grund dafür war der Halbleitersektor: In Asien und den USA gerieten Chipwerte erneut unter Druck – nach zuvor teils exorbitanten Kursgewinnen allerdings keine große Überraschung. In Asien zeigten sich SK Hynix und Samsung schwach, was dem Kospi einen Einbruch um 2,75 Prozent bescherte.

Der Halbleiter-Weltindex befindet sich inzwischen in einer Korrektur von mehr als 20 Prozent. Getrieben wird diese Entwicklung von Zweifeln an der Nachhaltigkeit der KI-Investitionen sowie von Fortschritten in der chinesischen Chip-Produktion, die westliche Wettbewerber unter Druck bringen. Ein wachsender Teil der Anleger diskutiert offen, ob gerade ein Wechsel der Marktführung stattfindet – Stichwort Rotation: Kapital könnte aus hochbewerteten Technologiewerten in andere Sektoren und Rohstoffe fließen. Diese Rotation könnte die Rekordjagd entweder auf ein breiteres Fundament stellen oder die Indizes insgesamt stärker unter Druck bringen.

Value-Experte sieht fundamentale Basis intakt

Zu dieser Frage äußerte sich Heiko Böhmer, Marktexperte von Shareholder Value Management. Seiner Einschätzung nach zeigt die laufende Quartalssaison eine solide Basis: Viele Unternehmen hätten positiv überrascht, auch die europäischen Chipwerte hätten starke Zahlen vorgelegt – dennoch gehe es aktuell abwärts. Das deute auf eine Übertreibungsphase in bestimmten Sektoren hin, in denen Kursschwankungen von 20 Prozent nach vorherigen Anstiegen von 100 bis 150 Prozent in wenigen Monaten durchaus möglich seien. Auf Marktbasis seien die Bewertungen insgesamt aber nicht extrem, abgesehen von einzelnen Ausreißern nach oben.

Shareholder Value Management verfolgt nach eigenen Angaben einen modernen Value-Ansatz, der neben der Bewertung auch Qualität des Geschäftsmodells und Wachstum berücksichtigt. Auf der Watchlist des Unternehmens finden sich derzeit besonders viele europäische Titel, da viele Investoren in den vergangenen zwölf Monaten kaum auf Bewertungen geachtet hätten. Als Beispiel nannte Böhmer die Deutsche Börse, die neu ins Portfolio aufgenommen wurde und als Substanzwert mit europäischer Technologie gilt. Zudem ist Shareholder Value Management stark im Finanzbereich engagiert, insbesondere bei Versicherern und Rückversicherern. Größte Position im Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen ist demnach die norwegische Storebrand, ein auf Altersvorsorge in Skandinavien fokussiertes Unternehmen, das von einer laufenden Reform und freigesetztem Kapital profitiert und zusätzlich eine Dividende zahlt.

Zur Deutschen Börse merkte Böhmer an, dass die zuletzt starken Ergebnisse von der hohen Marktvolatilität profitiert hätten. Für das zweite Halbjahr erwartet er weiterhin hohe Schwankungen, da sich starke Zuwächse in einzelnen Sektoren normalisieren dürften. Als Beispiel nannte er Infineon, das trotz Rekordergebnissen im Chip-Bereich einen Kursverlust von 1,26 Prozent verzeichnete – ein Zeichen für vorangegangene Übertreibungen. Die Deutsche Börse profitiere unabhängig von der Marktrichtung vom Handelsvolumen und biete zudem über ihre Softwareunternehmen einen Technologiebezug.

Deutsche Telekom und Siemens mit unterschiedlichen Signalen

Bei den deutschen Schwergewichten lieferte die Berichtssaison unterschiedliche Bilder. Die Deutsche Telekom konnte den Wachstumspfad fortsetzen: Der Umsatz stieg um 4,4 Prozent, der operative Gewinn um 7,5 Prozent. Der freie Mittelzufluss, Basis für die Dividende, legte auf gut 5 Milliarden Euro zu. Das Unternehmen hob sein Jahresziel beim Cashflow auf rund 20 Milliarden Euro an und stockte das laufende Aktienrückkaufprogramm um bis zu 3 Milliarden Euro auf insgesamt 5 Milliarden Euro auf. Die Börse reagierte positiv auf die Zahlen.

Ein Wermutstropfen zeigte sich im US-Geschäft mit der Tochter T-Mobile US, die rund zwei Drittel des Konzernumsatzes beisteuert. Trotz eines Plus von 13 Prozent beim Serviceumsatz, 277.000 neuen Vertragskunden und eines Cashflows deutlich über den Erwartungen war die Aktie zuvor eingebrochen, weil das Unternehmen nicht über alle Kennziffern hinweg die Prognose anhob und für das laufende Quartal nur noch 250.000 neue Vertragskunden in Aussicht stellte. Der wichtigste Wachstumsmotor der Telekom läuft damit zwar weiter, aber etwas langsamer.

Siemens hat seine Gewinnprognose bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr angehoben, getragen von der Nachfrage rund um Rechenzentren und höheren Erträgen aus dem Softwaregeschäft. Während der Halbleitersektor um die Nachhaltigkeit des KI-Booms ringt, verdient Siemens damit direkt an der dafür nötigen Infrastruktur. Die bisherigen Standardwerte am deutschen Markt haben sich in der laufenden Berichtssaison insgesamt bewährt gezeigt, was sich auch im DAX niederschlägt.

Quantencomputer-Aktien: IonQ übertrifft Erwartungen

Im Fokus steht derzeit auch der Bereich der Quantencomputer-Aktien, der nach früheren, teils euphorischen Kursgewinnen und anschließenden Verlusten nun einen Nachweis liefern muss. Den Auftakt bei den Quartalszahlen machte IonQ, das US-Schwergewicht der Branche. Der Umsatz vervierfachte sich nahezu gegenüber dem Vorjahr: Erwartet hatte der Markt rund 66 Millionen Dollar, geliefert wurden über 80 Millionen Dollar – ein Plus von fast 290 Prozent. Der bereinigte Verlust je Aktie lag bei 33 Cent und damit deutlich unter dem erwarteten Verlust von 56 Cent. Das Management hob die Umsatzprognose für das Gesamtjahr von zuvor 260 bis 270 Millionen Dollar auf 280 bis 290 Millionen Dollar an.

Getrieben wird das Wachstum von der Nachfrage nach dem firmeneigenen Quantencomputer Tempo sowie den Cloud-Diensten des Unternehmens. Zusätzlich hat IonQ vergangene Woche die 1,8 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Chip-Herstellers Skywater abgeschlossen und verfügt damit über eine eigene Halbleiterfertigung, mit der ein größerer Teil der Lieferkette selbst kontrolliert wird. Das Unternehmen positioniert sich damit zunehmend nicht nur als Hersteller von Quantencomputern, sondern auch als Zulieferer für die Branche, etwa mit Atomuhren und Netzwerken. Unterm Strich blieb IonQ jedoch mit einem Nettoverlust von fast 1,9 Milliarden Dollar in den roten Zahlen, vor allem wegen der Übernahmekosten für Skywater. Die Aktie reagierte mit einem leichten Abschlag, nachdem sie zuvor bereits wieder leicht zugelegt hatte.

Am selben Handelstag berichten zudem D-Wave Quantum und Rigetti Computing, deren Aktien im zweiten Quartal zeitweise stark gestiegen waren, bevor eine Korrektur folgte. Für D-Wave wird ein Umsatz von rund 3,8 Millionen Dollar erwartet, ein Plus von rund 23 Prozent zum Vorjahr, bei einem erwarteten Verlust je Aktie von rund 9 Cent. Bei Rigetti liegen die Erwartungen bei einem Umsatz von rund 4,9 Millionen Dollar, einem Plus von 170 Prozent, bei einem erwarteten Verlust von etwa 30 Cent. Der Vergleich zeigt die Bandbreite im Quantencomputing-Segment: von IonQ als spezialisiertem Marktführer mit bereits signifikanten Umsätzen bis zu Unternehmen wie D-Wave und Rigetti, die noch am Anfang ihrer kommerziellen Entwicklung stehen. Die Zahlen von IonQ belegen zwar echtes kommerzielles Wachstum in diesem Bereich, die Bewertungen laufen dem operativen Geschäft aber weiterhin voraus.

Gold mit stärkstem Tagesgewinn seit Monaten

Am Rohstoffmarkt verzeichnete Gold seinen ersten Tagesgewinn seit Februar. Der Preis kletterte um mehr als 4 Prozent und setzte diese Bewegung fort. Zwei Impulse spielten dabei eine Rolle: Zum einen erklärte der Iran, sich mit dem Oman auf einen vorgeschlagenen Schifffahrtsweg durch die Straße von Hormus geeinigt zu haben – ein möglicher Schritt hin zu einer Wiederöffnung dieser für die Energieversorgung wichtigen Wasserstraße. Allerdings handelt es sich vorerst nur um eine vorläufige Route, die zwei bis vier Monate aktiv sein soll; eine vollständige Öffnung der Straße von Hormus ist damit noch nicht verbunden. Im Ergebnis wurden die Ölpreise gedrückt, was Druck von der Inflation nimmt und geringeren Druck auf die Notenbanken, insbesondere die US-Notenbank, bedeutet, weitere Zinserhöhungen kurzfristig durchzuführen. Das wirkt sich positiv auf den Goldpreis aus.

Hinzu kommt ein charttechnischer Faktor: Der Kurs durchbrach mit seiner Erholung eine wichtige Widerstandsmarke nach oben, was zusätzliche Käufer anzog. Zuvor hatte Gold nach einer starken Rallye zum Jahresbeginn seitwärts tendiert. Nach Ansicht von Marktteilnehmern bleibt mit Blick auf die September-Sitzung der Notenbank noch Spielraum nach oben. Dabei bleibt jedoch zu berücksichtigen, dass bei der jüngsten Fed-Sitzung drei Gegenstimmen explizit eine Zinserhöhung gefordert hatten – so viele Gouverneure im Offenmarktausschuss wie seit über zehn Jahren nicht mehr. Solange der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nicht endgültig beigelegt ist, dürfte sich der Ölpreis weiterhin volatil zeigen und entsprechend beobachtet werden müssen.

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