Zum ersten Mal leitet Kevin Warsh eine FOMC-Sitzung — und der Silbermarkt schaut genau hin. Die Kombination aus Zinspause, Waffenstillstand im Nahen Osten und einem strukturellen Angebotsdefizit macht diese Woche zum wichtigsten Kurstreiber seit Monaten.
Waffenstillstand löst Rallye aus
Am Montag eröffneten Silver-Juli-Futures bei 68,90 Dollar je Unze — 1,4 Prozent über dem Freitagsschluss. Im frühen Handel kletterte der Preis weiter auf 70,75 Dollar.
Auslöser war ein US-iranisches Waffenstillstandsabkommen. Es öffnet die Meerenge von Hormuz wieder, über die rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels laufen. Fallende Ölpreise dämpften die Inflationssorgen. Das verbesserte die Aussichten für Edelmetalle spürbar.
Warsh im Rampenlicht
Die Märkte gehen mit 97-prozentiger Wahrscheinlichkeit von einer Zinspause aus. Der Fed-Leitzins liegt seit drei Sitzungen unverändert bei 3,50 bis 3,75 Prozent.
Trotzdem herrscht Nervosität. Warsh ist neu im Amt — sein Kommunikationsstil ist unbekannt. Institutionelle Anleger reduzieren vor solchen Sitzungen typischerweise ihre Positionen in volatilen, nicht-zinstragendem Assets wie Silber. Das erzeugt Verkaufsdruck, unabhängig von Angebot und Nachfrage.
Hinzu kommt: Der Verbraucherpreisindex stieg im Mai um 4,2 Prozent im Jahresvergleich — der höchste Wert seit April 2023. Die Fed beobachtet, wie die Energiepreisverzerrungen durch den Iran-Krieg die Gesamtwirtschaft belasten. Warsh’s Pressekonferenz nach der Sitzung wird zeigen, wohin die Zentralbank steuert.
Defizit und Ratio als Fundament
Jenseits der Zinsdebatte bleibt der Silbermarkt strukturell angespannt. Das Angebotsdefizit liegt 2026 bei 46,3 Millionen Unzen — das sechste Jahresdefizit in Folge und eine Beschleunigung gegenüber dem Vorjahr mit 40,3 Millionen Unzen.
Auf der Nachfrageseite gibt es eine Verschiebung. Die Photovoltaik-Industrie verbraucht 2026 weniger Silber. Silberpaste macht 10 bis 20 Prozent der Solarzellenkosten aus — bei Überkapazitäten und sinkenden Margen sparen Hersteller hier zuerst. Andere industrielle Abnehmer aus Elektromobilität, KI-Infrastruktur und Elektronik laufen dagegen unabhängig von Fed-Entscheidungen weiter.
Das Gold-Silber-Ratio liegt aktuell bei rund 62. Gold notiert deutlich höher als Silber — ein Zeichen relativer Unterbewertung des Edelmetalls. Je klarer Warsh einen zinsneutralen oder taubenhaften Kurs signalisiert, desto stärker dürfte Investitionskapital in den Silbermarkt zurückfließen — und das physische Defizit als Preistreiber wieder in den Vordergrund rücken.
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