Siemens Energy erscheint im Vergleich zu GE Vernova günstig – eine eindeutige Unterbewertung folgt daraus jedoch nicht. Das Wall Street Journal beschreibt das Unternehmen heute als möglicherweise übersehene Anlage im Umfeld künstlicher Intelligenz. Gemessen am erwarteten Gewinn liegt die Bewertung demnach rund 40% unter jener des Wettbewerbers. Eine cashflowbasierte Modellrechnung kommt dagegen zu einem deutlich vorsichtigeren Ergebnis.
Vergleichbare Geschäfte, unterschiedliche Bewertung
Für den Vergleich spricht laut Wall Street Journal die geschäftliche Nähe beider Unternehmen. Sie verkaufen stark nachgefragte Elektrifizierungstechnik, erzielen ähnlich hohe Umsätze und verfügen über Windkraftgeschäfte mit schwieriger Vergangenheit. Der Bewertungsabstand betrifft damit Unternehmen mit mehreren gemeinsamen Geschäftsfeldern.
Nach Angaben von BloombergNEF waren Siemens Energy und GE Vernova seit 2016 gemessen an bestätigten Aufträgen die weltweit größten Gasturbinenhersteller. Bis zum ersten Halbjahr 2026 erhielt jeder der beiden Hersteller Aufträge über rund 150 GW.
Diese Auftragsposition stützt die These, Siemens Energy nicht allein an den Schwierigkeiten seines Windkraftgeschäfts zu messen. Für Anleger bleibt aber entscheidend, welchen Gewinn und welchen Zahlungsmittelzufluss das Unternehmen aus seiner Nachfrageposition erwirtschaftet. Ein niedrigeres Bewertungsmultiple als beim Wettbewerber beantwortet diese Frage noch nicht.
Cashflow-Modell setzt einen Gegenpunkt
Medienberichten zufolge erzielte Siemens Energy in den vergangenen zwölf Monaten einen freien Cashflow von etwa 7,8 Milliarden Euro. Zugleich wird ein Rekordauftragsbestand von 162 Milliarden Euro genannt.
Eine heute veröffentlichte Bewertung auf Basis abgezinster künftiger Zahlungsströme setzt dennoch einen Unternehmenswert deutlich unter dem Börsenkurs an. Das Modell unterstellt künftig sinkende Cashflows. Der Gegensatz zur günstigeren relativen Bewertung entsteht somit aus unterschiedlichen Maßstäben: Der Wettbewerbsvergleich betrachtet erwartete Gewinne, das Cashflow-Modell die langfristige Entwicklung der Zahlungsüberschüsse.
Für die Einordnung ist diese Unterscheidung zentral. Der Abschlag gegenüber GE Vernova kann eine Anlagechance anzeigen. Er ersetzt aber keine Prüfung der Annahmen darüber, wie nachhaltig die jüngsten Mittelzuflüsse sind.
Ergebnisvorlage als nächster Prüfstein
Siemens Energy veröffentlicht voraussichtlich am 11. November die nächsten Quartalszahlen. Analysten erwarten einen Gewinn je Aktie von 1,33 Euro nach 0,190 Euro im Vorjahresquartal.
Damit liegt die Messlatte für eine Bestätigung der günstigeren Bewertung hoch. Die erwartete Ergebnisverbesserung ist bereits Teil der Anlagethese und noch kein gemeldeter Geschäftserfolg.
Beim Quartalsumsatz liegt der Konsens bei 12,72 Milliarden Euro. Das entspräche einem Wachstum von 21,99% gegenüber dem Vorjahreswert von 10,43 Milliarden Euro.
Die Ergebnisvorlage wird damit zum nächsten konkreten Prüfstein für die Bewertungsdebatte. Entscheidend ist nicht allein der Abstand zum Wettbewerber, sondern ob Siemens Energy die hohen Wachstumserwartungen erfüllt und damit die gewinnbasierte Bewertung untermauert. Die vorsichtigere Cashflow-Modellrechnung mahnt zugleich, kurzfristige Ergebnisstärke nicht automatisch fortzuschreiben.
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