Goldman Sachs hebt seine Ölpreisprognosen kräftig an und liefert Ölkonzernen wie Shell damit höhere Preisannahmen. Der Grund ist allerdings weniger ein akuter Mangel als die Erwartung, dass die nächste Lieferstörung kommt.
Brent-Ziel steigt auf 105 Dollar
Für Dezember erwartet die Bank nun 105 Dollar je Barrel Brent, bisher waren es 90 Dollar. Das Ziel für die US-Sorte WTI steigt von 81 auf 94 Dollar. Auch für 2027 rechnet Goldman mit mehr: Im Jahresschnitt sieht die Bank Brent bei 88 statt 80 Dollar.
Die Studie unter Federführung von Rohstoffstratege Daan Struyven verweist auf die Konflikte im Nahen Osten sowie zwischen Russland und der Ukraine. Zusammen mit der geopolitischen Zersplitterung erhöhten sie das Risiko von Lieferunterbrechungen. Weil sich Zeitpunkt und Ort kaum vorhersagen lassen, enthält das Basisszenario für 2027 pauschal einen weltweiten Angebotsausfall von einer Million Barrel pro Tag.
Extremszenario bis 140 Dollar
Goldman skizziert zudem eine schärfere Variante. Bleibt die Fördermenge am Persischen Golf 2027 um 3,5 Millionen Barrel täglich unter dem Niveau von 2025, könnte Brent bis auf 140 Dollar steigen. Als Auslöser nennt die Bank Angriffe auf die Schifffahrt, Schäden an der Infrastruktur und eine hartnäckigere Risikoprämie.
Bemerkenswert ist, worauf die Anhebung nicht beruht. Die Ölexporte vom Golf lagen Ende September 2026 bei rund 23,3 Millionen Barrel täglich und damit wieder etwa auf dem Durchschnitt von 2025. Ein wachsender Teil der Prognose entfällt also auf Risikoprämie. Sie könnte sinken, falls sich die diplomatische Lage nachhaltig entspannt. Morgan Stanley hatte sein Brent-Ziel für das vierte Quartal bereits im Oktober von 100 auf 105 Dollar angehoben.
Was das für Shell bedeutet
Höhere Ölpreise stärken bei integrierten Konzernen wie Shell, TotalEnergies oder BP vor allem das Fördergeschäft. Das stützt die Erwartungen an Cashflow und Ausschüttungen. Allerdings hängt diese Stütze nun an geopolitischen Annahmen und nicht an einer knappen Versorgungslage.
Formal gibt es bei Shell selbst keine Veränderung: Zum 30. Oktober bestand das Kapital aus rund 5,70 Milliarden Aktien mit Stimmrecht, eigene Aktien hielt der Konzern keine. Diese Zahl dient Aktionären als Bezugsgröße für Meldeschwellen.
Für die Preisannahmen zählt nun, ob sich die Risiken tatsächlich in sinkenden Exportmengen niederschlagen. Bleiben die Lieferströme stabil, dürfte die eingepreiste Risikoprämie schrumpfen, und das Dezemberziel von 105 Dollar geriete unter Druck.
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