Die neue Börsenwoche wird von zwei Größen bestimmt, die sich am Wochenende beide in die für Aktienmärkte ungünstige Richtung bewegt haben: dem Ölpreis und der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen. Auslöser ist das vorläufige Scheitern der Gespräche zwischen Washington und Teheran über eine Wiedereröffnung der Straße von Hormuz.
Hormuz-Gespräche gescheitert, Ölpreis zieht an
Noch am Freitag hatte sich Entspannung angedeutet. Berichten zufolge arbeiteten amerikanische und iranische Unterhändler an einer stufenweisen Lösung, um die Straße von Hormuz wieder zu öffnen – erneut war von einem Zeitraum von sieben Tagen die Rede. Die Anleiherenditen gaben in der Hoffnung auf eine diplomatische Lösung nach, der Ölpreis beruhigte sich, und die Aktienmärkte gingen freundlich ins Wochenende. Diese Hoffnung hielt jedoch nur rund 48 Stunden. Der amerikanische Präsident wies den jüngsten iranischen Vorschlag zurück, Teheran erklärte im Gegenzug, die eigenen Bedingungen nicht aufweichen zu wollen. Zwar signalisieren beide Seiten, die Gespräche in dieser Woche fortsetzen zu wollen, doch die Märkte reagieren auf Fakten, nicht auf Absichtserklärungen.
Am frühen Montagmorgen notierte Brent-Öl in Hongkong bereits wieder deutlich über der Marke von 100 US-Dollar je Barrel. Seit Beginn des Konflikts im Februar hat sich Öl damit deutlich verteuert. Ein aufschlussreiches Detail liefert der Terminmarkt: Der Aufschlag des nächstfälligen Brent-Kontrakts gegenüber dem darauffolgenden hat sich auf rund 7,75 Dollar ausgeweitet, nach etwa 4 Dollar vor einer Woche. Händler zahlen damit derzeit kräftig drauf für sofort verfügbares Öl – ein Muster, das kurzfristige Knappheiten einpreist.
Zinskurve nähert sich der Inversion
Für die Anleihenmärkte ist die Entwicklung eine unangenehme Nachricht. Die Rendite zweijähriger US-Staatsanleihen stieg weiter an. Die zehnjährige Benchmark-Rendite kratzt weiterhin an einer sehr hohen Marke und bleibt damit auf dem höchsten Stand seit 2004. In der vergangenen Woche hatte zudem die Rendite 30-jähriger Anleihen die höchste Marke seit 2004 überschritten. Das Phänomen beschränkt sich nicht auf die USA: Auch japanische, australische, südkoreanische und europäische Staatsanleihen gaben weiter nach.
Hintergrund ist die geldpolitische Wende der US-Notenbank Fed, die Mitte September erstmals seit drei Jahren die Zinsen wieder angehoben hat. Die Terminmärkte preisen inzwischen mindestens eine weitere Erhöhung um 25 Basispunkte bis zum Jahresende ein sowie drei weitere im kommenden Jahr. Das amerikanische Finanzministerium hält dagegen und setzt auf die Hoffnung, dass Produktivitätsgewinne aus künstlicher Intelligenz und Deregulierung die Inflation von selbst dämpfen könnten. Der Anleihenmarkt zeigt sich von dieser Argumentation bislang unbeeindruckt.
Besondere Aufmerksamkeit gilt derzeit der Form der Zinskurve. Der Abstand zwischen zehn- und zweijährigen US-Papieren schmolz in der vergangenen Woche deutlich zusammen – der geringste Wert seit Anfang 2025. Würde diese Differenz negativ, also kurzlaufende Papiere höher rentieren als langlaufende, spräche man von einer inversen Zinskurve. Dieses Signal hat historisch jede der vergangenen acht amerikanischen Rezessionen seit den 1960er-Jahren angekündigt, lag zuletzt aber auch daneben: 2022 waren mehrere Kurvensegmente invers, ohne dass die damals erwartete Rezession eintrat. Manche Marktbeobachter rechnen diesmal eher mit einer Stagnation der Kurve auf niedrigem Niveau, weil bereits viele Zinsschritte eingepreist seien. Unabhängig vom weiteren Verlauf gilt eine inverse Zinskurve als Misstrauensvotum gegenüber Fiskal- und Geldpolitik – der Markt signalisiert damit die Sorge, dass die Notenbank die Zinsen so weit anhebt, bis die Konjunktur abgewürgt wird.
Die Entwicklung trifft bereits Bankaktien, da schrumpfende Zinsdifferenzen die Zinsmarge der Institute belasten. Der wichtigste amerikanische Bankenindex ist in der vergangenen Woche deutlich von seinem jüngsten Hoch gefallen und damit formal in eine Korrektur gerutscht. Auf der Aktienseite sind zudem Immobilienunternehmen betroffen. Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group, die rund 1.700 europäische Unternehmen untersucht hat, zeigt: Jedes sechste Unternehmen in Westeuropa steht unter finanziellem Druck. Der Anteil der Firmen mit Transformationsbedarf ist auf 16,2 Prozent gestiegen, nach 14,3 Prozent im Vorjahr. Die Verschuldung, gemessen am operativen Ergebnis, ist zwischen 2022 und 2025 um 22 Prozent gestiegen. Fast ein Drittel der Unternehmen startete mit mehr als dem Dreifachen der Nettoverschuldung zum EBITDA ins Jahr 2026 – jener Schwelle, die als Beginn finanziellen Stresses gilt. Bei Immobilienfirmen stehen rund 62 Prozent unter Anpassungsdruck, verglichen mit nur 12 Prozent im Vorjahr.
Aktienmärkte zeigen sich bislang robust
Trotz dieser Rahmenbedingungen reagierten die Aktienmärkte zuletzt gelassen. Der S&P 500 bewegte sich in der vergangenen Woche kaum verändert. Meta-Aktien legten in der vergangenen Woche nach der Vorstellung eines neuen KI-Agenten deutlich zu und zogen den gesamten Halbleitersektor mit. Vergleicht man die Gewinnrendite des S&P 500 mit der Rendite zehnjähriger Staatsanleihen, spricht dieser Abstand inzwischen so deutlich für Anleihen wie seit einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Wer in den vergangenen Jahren langlaufende US-Staatsanleihen gehalten hat, musste teils erhebliche Verluste hinnehmen – das macht sie für neue Käufer nun erstmals seit Jahrzehnten wieder attraktiver. Im Aktienmarkt konzentrieren sich Anleger dagegen zunehmend auf jene Werte, die weiterhin Überrenditen erwirtschaften können – vor allem im Technologiesektor.
Terminkalender der Woche
Der Montag verläuft voraussichtlich noch ruhig, am Dienstag nimmt das Geschehen Fahrt auf: In Deutschland legt die Baumarktkette Hornbach ihren vollständigen Quartalsbericht vor. Zudem findet in dieser Woche der zweite Kapitalmarkttag von BMW statt. Der Autobauer bewegt sich derzeit zwischen hohen Finanzierungskosten, schwachem europäischem Konsum und chinesischer Konkurrenz; Mittelfristziele sollen erläutert werden. Aus den USA kommen zudem Zahlen von CarMax und Carnival.
Der Mittwoch bringt mit dem PCE-Preisindex für August die aus Marktsicht wichtigste Kennzahl der Woche – das von der Fed bevorzugte Inflationsmaß. Volkswirte erwarten 3,7 Prozent im Jahresvergleich, in der Kernrate 3,3 Prozent, was den Julíwerten entsprechen würde. Am Mittwochabend folgen nach Börsenschluss die Zahlen von Micron, dem größten amerikanischen Speicherchip-Hersteller – angesichts der Engpässe bei Speicherchips im KI-Rechenzentrumsboom ein wichtiger Stimmungstest für den gesamten Sektor.
Am Donnerstag steht der Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe an, erwartet werden 55 Punkte, was auf weitere Expansion hindeuten würde. Am Freitag richtet sich der Blick auf den amerikanischen Arbeitsmarktbericht für September: Die Konsensschätzung liegt bei 100.000 neuen Stellen außerhalb der Landwirtschaft, nach 162.000 im August. Die Arbeitslosenquote soll unverändert bei 4,1 Prozent bleiben. Für Anleger mit Deutschland-Fokus endet am Freitag zudem die Frist für die vertiefte Prüfung der Übernahme des Media-Markt- und Saturn-Konzerns Ceconomy durch den chinesischen Onlinehändler JD.com. Solange die Verhandlungen über die Straße von Hormuz keine belastbaren Ergebnisse liefern, dürfte der Ölpreis der entscheidende Taktgeber bleiben, während die Konjunkturdaten eher verstärkend wirken.
Biotechnologie: Comeback nach jahrelanger Durststrecke
Der Biotech-Sektor galt lange als Bereich, den Privatanleger eher meiden. Nach der Euphorie der Pandemiejahre folgte ein langer Abstieg – wer 2021 eingestiegen war, verlor in vielen Fällen die Hälfte des Einsatzes oder mehr. Drei Jahre in Folge schnitten große Pharma- und Biotech-Werte schlechter ab als der breite Markt. Der S&P Biotechnology Select Industry Index durchlief zunächst einen Absturz und danach eine lange Bodenbildung. Seit dem Tief im April vergangenen Jahres hat sich das Blatt gewendet: Der Index hat sich seither mehr als verdoppelt.
Für die aktuelle Bewegung werden vier Gründe angeführt. Erstens die Innovationsseite: Im August legten zwei große Konzerne erste Daten aus einer Spätphasen-Studie zu einem personalisierten Krebsimpfstoff auf mRNA-Basis gegen schwarzen Hautkrebs vor. Die Aktie des kleineren Partners Moderna legte daraufhin seit Jahresbeginn deutlich zu. Weitere Daten zum Nierenzellkarzinom werden zum Jahreswechsel erwartet.
Zweitens fließt zunehmend Kapital aus der Pharmaindustrie in den Biotechsektor. Viele große Konzerne stehen bis 2032 vor auslaufenden Patenten wichtiger Medikamente und kaufen deshalb gezielt Wirkstoffe zu, meist nach nachgewiesener klinischer Wirksamkeit. Drittens hat die Preisdebatte in den USA an Schärfe verloren, da große Konzerne firmenspezifische Vereinbarungen mit der Regierung geschlossen haben. Viertens spielt künstliche Intelligenz eine Rolle: Eine Untersuchung von 96 mit KI-Unterstützung entwickelten Wirkstoffkandidaten ergab, dass die Erfolgswahrscheinlichkeit in frühen klinischen Phasen um den Faktor 1,6 über der historischen Quote lag. Als zusätzliches Argument gilt, dass ein Erfolg bei individualisierten Krebstherapien Optionen eröffnen könnte, in der Vergangenheit gescheiterte Wirkstoffkandidaten neu zu testen.
Risiken bleiben dennoch bestehen: Je später eine Studie scheitert, desto teurer wird es für das betroffene Unternehmen. Mehrere große Herz-Kreislauf-Studien enttäuschten in diesem Jahr, die Aktien der betroffenen Unternehmen brachen daraufhin deutlich ein. Anleger im Biotechsektor müssen mit hoher Volatilität rechnen.
Drei Werte im Fokus
Als Beispiele werden drei Unternehmen genannt: Vertex Pharmaceuticals gilt als weltweit dominierender Anbieter von Therapien gegen Mukoviszidose, der Patentschutz reicht bis 2039. Die daraus erzielten Erträge finanzieren vier weitere Standbeine – ein Schmerzmittel ohne Opioide, den Bereich Nierenerkrankungen, eine geneditierte Therapie gegen Sichelzellkrankheit sowie Endokrinologie.
Revolution Medicines erhielt im August die amerikanische Zulassung für ein Medikament gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs, nachdem sich die Gesamtüberlebenszeit in der Studie verdoppelt hatte. Die Aktie legte im laufenden Jahr um rund 150 Prozent zu; weiteres Potenzial wird in der möglichen Ausweitung auf neu diagnostizierte Patienten gesehen.
BridgeBio konzentriert sich auf seltene Erbkrankheiten, drei Produkte sind bereits zugelassen, im Zentrum steht ein Medikament gegen eine seltene Herzmuskelerkrankung. In den kommenden zwölf Monaten werden drei weitere Zulassungen erwartet. Bewertungstechnisch wird BridgeBio als besonders günstig eingestuft, da das Unternehmen gemessen am Verhältnis von Kurs zu Umsatz unterhalb vergleichbarer Wettbewerber notiert.
Für einen breiteren Zugang zum Sektor wird der Global X Genomics and Biotechnology ETF genannt, der den Solactive Genomics Index mit gut 50 Unternehmen abbildet. Der ETF erzielte in den vergangenen zwölf Monaten ein deutliches Plus, auch seit Jahresbeginn liegt er klar im Plus. Größte Position ist Moderna mit knapp 10 Prozent Gewichtung. Der ETF weist eine Volatilität von rund 40 Prozent auf und wird als Beimischung mit einer Gewichtung von 5 bis 10 Prozent im Portfolio eingeordnet.
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