Der globale Rausch um künstliche Intelligenz stößt an eine harte, physikalische Grenze: das Stromnetz. Wer die nächste Generation gigantischer Rechenzentren errichten will, feilscht längst nicht mehr nur um die neuesten Grafikprozessoren, sondern um jedes verfügbare Megawatt.
Oracle demonstriert heute eindrucksvoll, welche Dimensionen dieser Wettlauf mittlerweile annimmt. Um den immensen Energiehunger seines geplanten Rechenzentrums im US-Bundesstaat Wisconsin zu stillen, bindet sich der Softwarekonzern direkt an einen Kernreaktor.
Der heute mit dem Versorger We Energies vorgestellte Pakt sieht vor, dass Oracle einen Teil des Strombezugs aus dem Kernkraftwerk Point Beach übernimmt. Das Unternehmen verpflichtet sich, die Energiekosten für den geplanten Großcampus „Project Lighthouse“ in Port Washington vollständig zu tragen.
Für mehr als eine Million Bürger in Wisconsin soll das rechnerisch Brennstoffkosten von rund 300 Millionen US-Dollar einsparen. Was auf den ersten Blick wie ein PR-Coup für die Nachbarschaft wirkt, markiert den Beginn einer neuen Ära: Tech-Konzerne treten zunehmend als direkte Abnehmer klassischer Kraftwerkskapazitäten auf, um ihre digitale Expansion gegen Versorgungsengpässe abzusichern.
Teurer Hunger nach Rechenleistung
Doch dieser Vorstoß ist kein Selbstläufer. Die Vereinbarung bedarf noch der Zustimmung der zuständigen Regulierungsbehörde Public Service Commission of Wisconsin, und Marktbeobachter warnen bereits vor möglichen Verzögerungen bei der Netzanbindung. Ursprünglich peilte der Konzern eine Belieferung ab 2027 an, während unabhängige Schätzungen nennenswerte Strommengen für das 11-Milliarden-Dollar-Projekt womöglich erst Mitte 2028 erwarten.
Hinter der energischen Standortpolitik steht der Druck, gewaltige Vorleistungen zu monetarisieren. Allein im jüngsten Quartal flossen 28,499 Milliarden US-Dollar in die Investitionsausgaben. Für das gesamte Geschäftsjahr stellte das Finanzressort eine astronomische Investitionssumme von 90 bis 95 Milliarden US-Dollar in Aussicht.
Wie lange lässt sich ein derart kapitalintensives Wachstum stemmen, bevor die Bilanz überdehnt wird? Die Ratingagentur Moody’s mahnt bereits zur Vorsicht und stuft Oracle mit der Note „Baa2“ bei negativem Ausblick ein, nur zwei Stufen über dem Ramschniveau. Die Ratinganalysten verweisen auf branchenweit rasant wachsende, schuldenähnliche Leasingverpflichtungen für Rechenzentren.
Milliardenschwere Aufträge und offene Fragen
Gleichzeitig muss die Nachfrage mit den Kapazitäten Schritt halten. Nach Berichten der Financial Times und von Reuters soll der chinesische Konzern Tencent einen fünfjährigen Leasingvertrag über rund 100.000 KI-Chips in südostasiatischen Oracle-Rechenzentren planen. Das Volumen wird auf rund 7 Milliarden US-Dollar beziffert.
Bestätigt ist dieser Kontrakt bislang von keinem der beiden Unternehmen. Er unterstreicht aber das strategische Dilemma der Branche: Um die immensen Investitionen einzuspielen, sind die Cloud-Giganten auf globale Großkunden angewiesen, während geopolitische Prüfungen den grenzüberschreitenden Zugang zu fortschrittlicher Chip-Rechenleistung zunehmend erschweren.
An der Wall Street spaltet dieser Balanceakt die Gemüter. Das Analysehaus Citizens bekräftigte die Einstufung „Market Outperform“ mit einem Kursziel von 285 US-Dollar, während Freedom Broker den Zielwert wegen Margensorgen auf 205 US-Dollar stutzte, die Einstufung „Buy“ jedoch beibehielt.
Im deutschen Handel notiert das Papier heute bei 124,92 Euro, was einem Tagesgewinn von 1,7 Prozent entspricht. Der übergeordnete Trend spiegelt die wachsende Skepsis der Marktteilnehmer wider: Seit Jahresanfang verzeichnet die Aktie ein Minus von 25 Prozent.
Oracles Pakt mit der Kernkraft zeigt, wie bedingungslos der Konzern seine Zukunft auf die KI-Karte setzt. Ob die Rechnung aufgeht, hängt letztlich nicht nur von funktionierenden Algorithmen ab, sondern schlicht davon, ob pünktlich genügend Strom aus der Steckdose fließt.
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