Eine ereignisreiche Börsenwoche hat begonnen: Zwischenwahlen in den USA, der Arbeitsmarktbericht und eine Flut an Quartalszahlen von Apple über Palantir und AMD bis BMW und Commerzbank bestimmen das Geschehen. Gleichzeitig geraten zwei lange als sicher geltende Anlagen ins Wanken – Gold und die großen US-Technologiewerte.
Nasdaq-Ausverkauf belastet, DAX startet freundlich
Der NASDAQ 100 verlor am Freitag knapp 3,5 Prozent – der stärkste Tagesverlust seit Anfang Juni. Seit dem Rekordhoch Anfang Oktober summierte sich das Minus zeitweise deutlich, nahe der technischen Schwelle zu einer Korrektur. Für den gesamten Oktober steht beim Nasdaq 100 ein Verlust von 6,7 Prozent zu Buche. Der S&P 500 gab am Freitag 1,8 Prozent nach, der Dow Jones 1,1 Prozent – Letzterer weist für Oktober trotz der jüngsten Schwäche immer noch ein Plus von 1,7 Prozent aus.
Auslöser der Verkaufswelle war vor allem Intel: Der Chipkonzern verfehlte mit seinem Ausblick auf das vierte Quartal die Erwartungen deutlich, die Aktie verlor fast 29 Prozent. Im Sog der Intel-Schwäche gaben auch Qualcomm und Centene zweistellig nach. Auch Nvidia blieb nicht verschont und verlor deutlich an Börsenwert. Umgekehrt erreichten Gesundheitswerte im S&P 500 ein 52-Wochen-Hoch, auch Finanz- und Energiewerte schlossen im Plus. Nebenwerte aus dem Russell 2000 legten auf Wochenbasis 1,3 Prozent zu.
Der DAX konnte am Donnerstag erstmals seit Anfang September wieder deutlich zulegen, bevor ihn am Freitag die US-Technologieschwäche einholte. Vorbörslich zeichnete sich zu Wochenbeginn ein Plus von rund 0,2 Prozent ab. In Asien zeigte sich der Wochenstart uneinheitlich: auch chinesische Aktien waren gefragt, während der japanische Nikkei moderat nachgab. JPMorgan äußerte sich zuletzt optimistisch, dass bei den gebeutelten Halbleiterwerten eine Bodenbildung möglich sei.
Für zusätzliche Unsicherheit sorgt der Ölpreis: Die Sorte Brent war Ende vergangener Woche deutlich gestiegen, zu Wochenbeginn gab der Preis leicht nach. Hintergrund ist die Sorge, nach den US-Zwischenwahlen könnten militärische Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran neu aufflammen – ein Szenario, das angesichts bereits schwacher Inflationsdaten die Inflationserwartungen zusätzlich belastet.
Gold rutscht weiter ab
Der Goldpreis ist deutlich gefallen. Seit September hat sich ein deutlicher Abwärtstrend ausgebildet, der maßgeblich mit steigenden Zinsen zusammenhängt – ein Umfeld, in dem zinslose Anlagen wie Gold gegenüber Anleihen an Attraktivität verlieren. Gegenläufig wirken jedoch die Notenbanken, die seit dem Frühjahr verstärkt Gold kaufen. Einer neuen Umfrage des World Gold Council zufolge gehen fast 90 Prozent der befragten Zentralbanken davon aus, dass die Goldbestände der Notenbanken auch in den kommenden zwölf Monaten weiter steigen werden. Zusätzlich greifen Chinas private Haushalte bei den aktuell niedrigeren Preisen wieder zu, die Umsätze an der Goldbörse in Shanghai erreichten den höchsten Stand seit April.
Die Woche der Quartalszahlen
Politisch stehen die US-Zwischenwahlen im Fokus: Neu gewählt werden das gesamte Repräsentantenhaus und rund ein Drittel des Senats. Derzeit halten die Republikaner in beiden Kammern knappe Mehrheiten, Umfragen sehen die Demokraten zumindest im Repräsentantenhaus als Favoriten. Belastbare Ergebnisse werden wegen der Zeitverschiebung erst am Mittwochmorgen erwartet.
Die Berichtssaison läuft parallel auf Hochtouren: Allein aus dem S&P 500 legen in dieser Woche rund 135 Unternehmen ihre Zahlen vor. Den Auftakt machen Apple und Palantir – für Apple ist es der erste Quartalsbericht unter dem neuen Konzernchef. Der Optionsmarkt preist nach den Zahlen eine Kursbewegung von rund 4,3 Prozent in jegliche Richtung ein. Am Dienstag folgen AMD, Supermicro, Arista Networks, Shopify, Amgen und Pfizer sowie hierzulande Bayer und Lufthansa. Am Mittwoch stehen BMW, Continental, Qualcomm, Arm, Uber, McDonald’s und Novo Nordisk auf dem Programm. Der Donnerstag gilt als dichtester Tag in Deutschland mit Deutscher Telekom, Commerzbank und DHL; in London wird erwartet, dass die Bank of England ihren Leitzins von 3,75 auf 4 Prozent anhebt. In den USA berichten unter anderem Airbnb, Toyota, Cloudflare und IonQ.
Auf dem Konjunkturkalender steht am Montag der Einkaufsmanagerindex für die US-Industrie, den Abschluss bildet am Freitag der US-Arbeitsmarktbericht für Oktober. Die Prognosen gehen von gut 60.000 neuen Stellen nach 29.000 im September aus, die Arbeitslosenquote soll unverändert bei 4,2 Prozent bleiben.
Die „Glorreichen 7“ laufen auseinander
Jahrelang haben Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla die US-Indizes nahezu im Alleingang nach oben getragen – 2023 stammten 70 Prozent des Jahresgewinns im S&P 500 von diesen sieben Aktien. Inzwischen zeigt sich jedoch eine deutliche Auffächerung der Gruppe. Eine Auswertung des Handelsblatts zur Gleichförmigkeit der Kursbewegungen über jeweils 60 Tage kam in der Spitze auf einen Wert von fast 0,8 (bei 1 als völligem Gleichlauf). Mitte Oktober lag der Wert nur noch bei 0,12, zuletzt bei 0,2 – deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt von 0,49 und der niedrigste Stand seit mindestens zehn Jahren. Die DZ Bank sieht die Zeit der „Glorreichen 7“ als geschlossenen Block als beendet an. Seit Jahresbeginn schlagen nur zwei der sieben Werte den S&P 500, drei liegen sogar unter ihrem Jahresanfangsstand.
Hintergrund der Spaltung sind die massiv gestiegenen Investitionen in den KI-Ausbau: Alphabet, Amazon, Microsoft und Meta investierten im laufenden Jahr zusammen gut 750 Milliarden Dollar, vor einem Jahr waren es noch gut 400 Milliarden, vor drei Jahren 157 Milliarden. Bei Alphabet, Amazon und Meta war der freie Cashflow im dritten Quartal sogar negativ. Die Börse reagierte entsprechend: Die Alphabet-Aktie brach deutlich ein – der schwerste Tagesverlust der Unternehmensgeschichte, wodurch sich ein erheblicher Börsenwert auflöste. Meta verlor nach den Zahlen rund 12 Prozent, Amazon gab am Freitag zeitweise 6 Prozent ab.
Microsoft konnte sich dem Abwärtssog weitgehend entziehen, da weniger investiert wurde als erwartet – als einziger der vier großen Rechenzentren-Investoren weist der Konzern einen positiven freien Cashflow aus. Auch Apple liegt, nach langer Kritik an seiner KI-Zurückhaltung, seit Jahresbeginn vorn.
Eine Umfrage des US-Finanzmagazins Barron’s unter rund 80 Vermögensverwaltern zeigt die gespaltene Stimmung: Die Hälfte der Befragten ist für die kommenden zwölf Monate optimistisch für US-Aktien, der Anteil war zuvor etwas höher. Der Anteil der Pessimisten ist gestiegen. Mehr als ein Viertel nennt eine Abkühlung beim KI-Ausbau als größtes Risiko für die kommenden sechs Monate, nur 37 Prozent glauben, dass sich die aktuellen KI-Infrastrukturinvestitionen innerhalb von zwei Jahren auszahlen.
Auch am Anleihemarkt zeigen sich Warnsignale: Die Kosten für die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall sind bei Nvidia und Amazon auf Rekordstände gestiegen, bei Meta liegen sie nahe ihrem Höchststand. Die Ratingagentur S&P senkte den Bonitätsausblick für Meta wegen der Bilanzbelastung durch die KI-Ausgaben auf negativ.
Abseits der Rechenzentren rückt zudem die Robotik in den Fokus: Goldman Sachs erwartet bis 2035 rund 6,5 Millionen humanoide Roboter im Einsatz – ein Vielfaches der noch vor wenigen Wochen genannten Schätzung.
Commerzbank: Große Fonds reduzieren ihre Bestände
Bei der Commerzbank sortieren sich Investoren derzeit neu. Seit dem Einstieg der italienischen Unicredit im September 2024 hat sich der Kurs deutlich erhöht, doch mit der bevorstehenden Kontrolle durch die Italiener wächst die Skepsis gegenüber der eigenständigen Erfolgsgeschichte des Instituts.
Die Zahlen sprechen für sich: Union Investment reduzierte ihren Bestand von 15 Millionen Aktien (Stand Mitte 2025) auf 5,8 Millionen Ende Juli. Die Deka baute ihre Beteiligung von 3,1 auf 4,9 Millionen Aktien ab, die DWS von 15,3 auf 11,2 Millionen Aktien – Letztere also ebenfalls deutlich reduziert. Barclays, RBC und die Deutsche Bank stuften die Aktie herunter.
Unicredit hält derzeit einen bedeutenden Anteil und dürfte diesen Anteil über das im Sommer abgeschlossene Übernahmeangebot weiter ausbauen. Unicredit-Chef Andrea Orcel plant einen Umbau der Commerzbank, der unter anderem den Abbau von 7.000 Vollzeitstellen in Deutschland vorsieht. Zudem sollen nach der Kontrollübernahme 2,2 Milliarden Euro investiert und zusätzlich 500 Millionen Euro für Kreditrisiken zurückgelegt werden – Kosten, die alle Aktionäre tragen würden, mit möglichen Folgen für Gewinn und Ausschüttung bereits ab dem Geschäftsjahr 2026.
Im Markt wird erwartet, dass die Commerzbank künftig weniger großzügig ausschüttet als die bislang geplanten 100 Prozent des Gewinns – ein Kernproblem, da die Aktie zuletzt stark von der Aussicht auf hohe Ausschüttungen profitiert hatte.
Es gibt jedoch auch eine optimistischere Sichtweise: Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp hat bis 2030 eine Eigenkapitalrendite von 21 Prozent in Aussicht gestellt, Orcel strebt sogar mehr als 25 Prozent an. Ein Bewertungsgutachten im Zusammenhang mit dem Übernahmeangebot setzte den fairen Wert der Commerzbank-Aktie über dem aktuellen Kurs an. Einzelne Investoren setzen darauf, dass der Weg zu einer europäischen Großbank gelingt und dadurch höhere Bewertungen ermöglicht werden. Entscheidende Hinweise dürften die Quartalszahlen am Donnerstag liefern.
General Motors profitiert von Zollschutz
Während die europäische Automobilindustrie unter Druck steht, zeigt sich General Motors in den USA robust aufgestellt. Zölle von praktisch 100 Prozent sowie ein Verbot chinesischer Fahrzeugsoftware halten die Konkurrenz aus Fernost vorerst fern. General Motors verdient sein Geld vor allem mit SUVs und Pickups – Segmenten, in denen chinesische Hersteller bislang kaum vertreten sind.
Auffällig ist zudem der Umgang mit dem Kapital: Seit Ende 2020 hat der Konzern für rund 30 Milliarden Dollar eigene Aktien zurückgekauft. Die Zahl der ausstehenden Aktien sank von 1,4 Milliarden auf weniger als 850 Millionen – ohne zusätzliche Schulden. Ermöglicht wird dies durch einen freien Cashflow von zuletzt regelmäßig mehr als 10 Milliarden Dollar jährlich; für 2027 werden rund 11 Milliarden Dollar erwartet. Fließen diese Mittel vollständig in Rückkäufe, würde dies den Gewinn pro Aktie um rund 18 Prozent steigern.
General Motors verfügt zudem über Werke und Anlagen im Wert von rund 87 Milliarden Dollar, während der Konzern – bereinigt um Schulden und die Finanzierungssparte – an der Börse derzeit nur mit etwa 55 Milliarden Dollar bewertet wird. Risiken bestehen allerdings durch die politische Natur des Zollschutzes, der sich bei einem Regierungswechsel ändern könnte, sowie durch den Nachholbedarf der US-Hersteller bei günstigen Elektrofahrzeugen.
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