Marvell will Umsatz verzehnfachen, Google sichert sich Atomstrom, Quanten-Neulinge mit starkem Comeback

Marvell hebt die Umsatzplanung für 2028 an, Constellation rüstet Reaktoren für Google-Verträge auf und drei Quantenwerte legen zu.

Auf einen Blick:
  • Marvell zielt auf 70 bis 90 Milliarden Dollar
  • Google-Stromverträge finanzieren elf Reaktor-Upgrades
  • SGL Carbon bestätigt Ergebnisprognose
  • Pasqal, IQM und Xanadu gewinnen hinzu

Die Wall Street hat frische Rekorde geliefert, und im Windschatten der großen Technologiewerte ist eine Branche wieder erwacht, die über Monate fast nur gefallen ist: Quanten-Aktien. Daneben sorgten ein ambitioniertes Umsatzziel von Marvell, ein großer Stromdeal zwischen Constellation Energy und Google sowie eine bestätigte Prognose von SGL Carbon für Bewegung an den Märkten.

Rekorde bei schmaler Marktbreite

Der S&P 500 markierte im Handelsverlauf bei knapp 7845 Punkten ein neues Rekordhoch und schloss mit einem Plus von 0,58 Prozent. Der Nasdaq 100 beendete den Tag ebenfalls auf einer neuen Bestmarke, mit einem Tagesgewinn von 0,48 Prozent. Nvidia erreichte im frühen Handel ein weiteres Rekordhoch, am Ende blieb ein Plus von 0,1 Prozent übrig – der Börsenwert bewegt sich weiterhin im Bereich von mehreren Billionen Dollar.

Bemerkenswert ist das Umfeld dieser Rekorde: Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen verharrt auf Rekordniveau um die 5,3 Prozent. Dass der Markt dennoch standhält, hängt stark mit dem Ölpreis zusammen, da die Renditen seit Monaten im Gleichschritt mit dem Rohölpreis laufen. Am Ölmarkt wächst derzeit die Hoffnung auf ein Ende des Iran-Krieges, der inzwischen in den achten Monat geht – obwohl echte Fortschritte bislang nicht erkennbar sind. Hinzu kommen ein eher schwacher Arbeitsmarkt, nachlassender Inflationsdruck und zurückgenommene Wetten auf eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank.

Allerdings steht die Rallye auf einer schmalen Basis. Auf Monatssicht liegt von den elf Sektoren im S&P 500 allein die Technologie im Plus, mit gut 7 Prozent. Goldman Sachs weist darauf hin, dass die Marktbreite so gering ist wie seit Anfang der 2000er Jahre nicht mehr. Nach Daten von LSEG steuern derzeit nur drei Sektoren – jene, in denen die großen Technologiekonzerne zu Hause sind – knapp die Hälfte der erwarteten Quartalsgewinne beim S&P 500 bei. Liefern diese Unternehmen in der laufenden Berichtssaison, trägt das die Rallye weiter. Enttäuschen sie, gibt es kaum einen Sektor, der einspringen könnte.

Der DAX legte auf Tagesbasis um 0,77 Prozent zu, begünstigt durch eine Entspannung an den europäischen Anleihenmärkten, allen voran in Frankreich. Marine Le Pen hatte einen Haushaltsplan vorgelegt, der das Staatsdefizit bis 2032 unter 3 Prozent der Wirtschaftsleistung drücken soll, was dem Markt für den Moment genügte. Charttechnisch steht der DAX an einer wichtigen Stelle: Das jüngste Tief lag bei rund 24.831 Zählern, nahezu genau auf der 200-Tage-Linie. Von dort erholte sich der Index um gut 600 Punkte und schaffte auch den – vorerst schmalen – Sprung über die 100-Tage-Linie. Diese Bewegung muss sich nun bestätigen, sonst bleibt es bei einer Erholung im Rahmen der laufenden Korrektur.

Marvell peilt Verzehnfachung des Umsatzes an

Marvell Technology hielt einen Investorentag ab mit einer klaren Ansage: Der Konzern will seinen Umsatz innerhalb von fünf Jahren ungefähr verzehnfachen. Für das Geschäftsjahr 2031 peilt das Management Erlöse zwischen 70 und 90 Milliarden Dollar an – im zuletzt abgeschlossenen Geschäftsjahr 2026 waren es 8,2 Milliarden Dollar. Das entspricht einem erwarteten jährlichen Wachstum von 55 bis 60 Prozent. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll auf mehr als 30 Dollar steigen, nach einem deutlich niedrigeren Wert im vergangenen Geschäftsjahr. Für das Geschäftsjahr 2028 hat Marvell die Umsatzschätzung von 18 auf 20 Milliarden Dollar angehoben, was die positive Kursreaktion auslöste.

Getragen wird der Plan von zwei Geschäftsfeldern. Zum einen maßgeschneiderte Chips für Hyperscaler wie Alphabet und Amazon, die zunehmend individuelle Halbleiterlösungen neben Nvidia-Chips einsetzen – dieses Geschäft soll 2031 bei 30 Milliarden Dollar liegen. Zum anderen Verbindungstechnik für den Datentransport innerhalb und zwischen Rechenzentren, wofür Marvell mit 37,5 Milliarden Dollar rechnet. Der Konzern will den Wechsel von Kupferkabeln auf optische Verbindungen anführen, bei denen Daten per Laser und Licht übertragen werden.

Für die Glaubwürdigkeit der Prognosen spricht, dass sich das einst stark auf Amazon konzentrierte Spezialchip-Geschäft inzwischen auf mehrere Kunden verteilt und das Management betont, die Prognose beruhe auf bereits gewonnenen Aufträgen. Der Markt übertrug die positive Botschaft auf die gesamte Branche: Ciena gewann 14 Prozent, Broadcom und der Laserspezialist Lumentum jeweils knapp 4 Prozent.

Zur Bewertung: Marvell ist in diesem Jahr deutlich gelaufen, nachdem die Aktie 2025 trotz guter Geschäftszahlen 23 Prozent verlor. Aktuell wird sie mit einem hohen Vielfachen der für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinne bezahlt. Legt man die angepeilten 30 Dollar Gewinn je Aktie aus der neuen Planung zugrunde, kostet Marvell weniger als das 10-fache des für 2031 erwarteten Gewinns. Risiken bleiben die Abhängigkeit von den Investitionsplänen der Hyperscaler sowie eine möglicherweise sinkende Bruttomarge.

Constellation Energy verkauft Strom an Google

Ein zentrales Thema beim KI-Ausbau ist die Energieversorgung. Constellation Energy, einer der größten US-Energieversorger und Betreiber von Kernkraftwerken, gewann 12 Prozent. Hintergrund ist die Mitteilung, über langfristige Verträge Strom an Google zu verkaufen. Mit diesen Verträgen im Rücken rüstet Constellation elf Reaktoren auf, unter anderem in New Jersey und Illinois, und investiert dafür 4,3 Milliarden Dollar. Die zusätzliche Leistung entspricht ungefähr der eines kompletten neuen Reaktors.

Die Vertragskonstruktion sieht vor, dass Google einen festen Preis für den Strom zahlt, die Kraftwerke aber am öffentlichen Netz bleiben, sodass auch private Haushalte versorgt werden. Damit kommt zusätzlicher Strom ins Netz, ohne dass die Kosten bei den Verbrauchern landen – ein Ansatz, der ein Problem adressiert, das der Branche zuletzt Sorgen bereitet hat: In den USA wächst der Unmut über steigende Strompreise, die vielerorts dem Rechenzentrumsboom zugeschrieben werden. Mit dem Google-Vertrag scheint sich die Stimmung zu drehen. Wettbewerber wie Vistra Energy gewannen ebenfalls 12 Prozent, PSEG 11 Prozent und Entergy 7 Prozent. Bei Constellation war der Kurssprung auch charttechnisch bedeutsam, da die Aktie bei sehr hohen Umsätzen die 200-Tage-Linie überwinden konnte.

SGL Carbon bestätigt Prognose

In Deutschland war SGL Carbon mit einem Kursplus von fast 11 Prozent stärkster Wert im SDAX. Der Hersteller von Spezialgraphit und Carbonfasern bestätigte seine Ergebnisprognose: Das bereinigte EBITDA soll im laufenden Jahr zwischen 110 und 130 Millionen Euro liegen. Beim Umsatz erwartet das Unternehmen das obere Ende der bisherigen Spanne von 720 bis 770 Millionen Euro.

In den ersten neun Monaten sank der Umsatz von knapp 653 Millionen auf 595 Millionen Euro, das bereinigte EBITDA stieg dagegen leicht von 100,6 auf rund 106 Millionen Euro. Die Marge stieg damit von knapp 17 auf knapp 18 Prozent. Die Prognose für das vierte Quartal gilt als eher konservativ angesetzt.

Quantum Computing: Neulinge mischen den Markt auf

Im Fokus stehen zudem drei neue Akteure im Quantencomputing-Markt: Pasqal aus Frankreich, IQM aus Finnland und Xanadu aus Kanada. Alle drei gingen in diesem Jahr an die Nasdaq, verfolgen jeweils eigene technische Ansätze und fordern etablierte Namen wie IBM, Google und IonQ heraus. Nach einem euphorischen Start waren die Kurse zuletzt eingebrochen – die erste Blase ist geplatzt.

Die Branche hat 2026 mit dem Börsengang von Quantinuum und einer Welle weiterer Listings einen großen Schritt gemacht; aus einem Forschungsthema ist ein früher kommerzieller Markt geworden. Der Pharmakonzern Amgen nutzt Quantenrechner, um das Verhalten von Molekülen zu simulieren. IBM sorgte zuletzt für Aufsehen, da der Prozessor Nighthawk eine Aufgabe in 19 Sekunden löste, für die ein Supercomputer 110 Jahre gebraucht hätte. Wichtigster Geldgeber der Branche bleibt der Staat: Das US-Handelsministerium legte im Mai ein Paket über 2 Milliarden Dollar auf.

Pasqal arbeitet mit neutralen Atomen, die im Vakuum von Laserstrahlen festgehalten und gesteuert werden – ein Ansatz, der die Fertigung eines Chips überflüssig macht. An die Börse kam Pasqal Ende August über eine Fusion mit einem Börsenmantel. Nach einem deutlichen Kursrückgang stieg die Aktie deutlich, ausgelöst durch die zweite Kaufempfehlung eines US-Analysehauses. Pasqal erzielt bereits Umsätze mit vor Ort installierten Rechnern, unter anderem beim französischen Supercomputing-Betreiber GENCI und im Forschungszentrum Jülich.

Xanadu aus Kanada setzt auf Licht als Rechenbasis und meldete eine mehrjährige Partnerschaft mit dem Chip-Hersteller GlobalFoundries, der künftig Spezialsensoren und Chip-Materialien für das Unternehmen produzieren soll. Beide Partner sprechen vom Schritt aus dem Labormaßstab in die industrielle Produktion. Die Xanadu-Aktie legte um rund 12 Prozent zu.

IQM aus Finnland setzt auf supraleitende Schaltkreise, die nahe am absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Seit Juli notieren Hinterlegungsscheine des Unternehmens an der Nasdaq. Analysten von TD Cowen haben die Aktie mit einer Kaufempfehlung versehen und verweisen auf die installierte Basis: IQM hat bereits mehrere Systeme verkauft und liegt damit vor IBM. Rechner des Unternehmens laufen in vier der zehn größten Supercomputing-Zentren der Welt.

Auffällig ist, dass mit Pasqal und IQM zwei europäische Unternehmen technisch in der Spitzengruppe mitspielen, den Weg an den Kapitalmarkt aber beide über New York genommen haben – Europa liefert die Technik, das Wachstumskapital kommt aus den USA.

Alle drei Unternehmen werden in den kommenden Jahren mehr Geld ausgeben als einnehmen und frisches Kapital benötigen – ein hochspekulatives Feld. Unter den etablierten reinen Quantenunternehmen gilt IonQ weiterhin als Marktführer: Der Umsatz hat sich im zweiten Quartal deutlich gesteigert, mit dem Kauf des Chipfertigers SkyWater holt sich das Unternehmen die Produktion ins Haus, und die Zusammenarbeit mit Nvidia verankert IonQ im Schnittfeld von KI und Quantencomputing. Die Aktie notiert bei rund 43 Dollar genau auf der 200-Tage-Linie; ein Sprung über das September-Hoch bei rund 48 Dollar würde als Signal für weiteres Aufwärtsmomentum gelten.

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