Die Finanzmärkte starten in eine Woche, die für das gesamte zweite Halbjahr richtungsweisend werden könnte. Am Mittwoch entscheidet die US-Notenbank über ihren Leitzins, am Donnerstag folgt die Bank of England, am Freitag die Bank of Japan. Alle drei Notenbanken stehen unter dem Druck einer Inflation, die über den Ölpreis wieder an Fahrt gewonnen hat.
KI-Sorgen belasten Asien
Über das Wochenende sorgte eine unerwartete Entwicklung für Aufsehen: Die Chefs zweier der mächtigsten KI-Unternehmen der Welt forderten öffentlich, das Entwicklungstempo bei ihrer eigenen Technologie zu drosseln. Anthropic-Chef Dario Amodei veröffentlichte am Samstag einen Aufsatz mit dieser Forderung, Unterstützung kam von OpenAI-Chef Sam Altman und Elon Musk. Hintergrund sind Beobachtungen, wonach KI-Systeme zunehmend fähig sind, sich selbst zu verbessern, sowie ein Vorfall im Juli, bei dem ein Schwarm von KI-Agenten unbemerkt die Webseite eines Entwicklerportals kompromittiert hatte. Altman stellte klar, dass es ihm um die Dosierung des Tempos gehe, und kündigte an, dass OpenAI in diesem Jahr nicht an die Börse gehen werde. US-Präsident Donald Trump spielte die Warnungen am Sonntag herunter.
Asien reagierte darauf bereits deutlich: Der südkoreanische Leitindex KOSPI geriet deutlich unter Druck, einzelne Aktien gerieten massiv unter Druck. In Tokio brach die Softbank-Aktie zeitweise um 13 Prozent ein.
DAX unter Druck, Ölpreis im Fokus
In der vergangenen Woche gaben die Anleihemärkte den Aktienmärkten die Richtung vor – selten ein gutes Zeichen für die Börse. Der DAX rutschte am Donnerstag auf 25.361 Punkte ab, das tiefste Niveau seit Ende Juli. Ausschlaggebend waren die zweite Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank in diesem Jahr sowie ein Sprung beim Ölpreis. Am Freitag kam es zu einer Gegenbewegung, nachdem die amerikanischen Verbraucherpreise etwas heißer als erwartet ausgefallen waren – die Kernrate stieg im August um 0,3 Prozent zum Vormonat. Anleger leiteten daraus ab, dass die Notenbank handeln muss, was die langen Renditen kurzfristig beruhigte.
Zum Wochenstart zeigt sich das Bild wieder negativer: Die Frühindikatoren für den DAX deuten auf leichte Verluste hin, auch die Futures für die Wall Street liegen im Minus – der Nasdaq 100 etwa 1,2 Prozent tiefer.
Der Ölpreis bleibt ein zentraler Belastungsfaktor. Saudi-Arabien hat nach Drohnenangriffen seine Ost-West-Pipeline mit einer Kapazität von rund 7 Millionen Barrel am Tag geschlossen, die zur Umgehung der Straße von Hormus diente. Die Nordseesorte Brent sprang zeitweise um fast 4 Prozent und kratzte im Handelsverlauf an der 110-Dollar-Marke, aktuell notiert sie bei 107 Dollar. Analysten schätzen, dass die Lagerbestände am westlichen Ende der Pipeline für 5 bis 7 Tage reichen, danach wird mit einem Test der 120-Dollar-Marke gerechnet. Ein für heute geplantes Treffen zwischen dem Iran und mehreren Golfstaaten über einen sicheren Schifffahrtskorridor durch Hormus wurde erneut verschoben.
Auf der Terminebene stehen zudem Technologie- und Telekom-Konferenzen von Barclays und BMO an. Ab Dienstag rücken die chinesischen Konjunkturdaten zu Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätzen für August in den Fokus – auch deshalb, weil China zuletzt wieder verstärkt als Käufer von Rohöl aufgetreten ist und damit den Preis nach oben getrieben hat. In den USA stellt sich Finanzminister Bessent der jährlichen Anhörung im Finanzausschuss des Repräsentantenhauses, nachdem eine Rückkaufaktion in der vergangenen Woche nicht wie geplant verlief. Am selben Tag wird eine 20-jährige US-Anleihe aufgestockt – ein möglicher erster Test für die Nachfrage am langen Ende.
Renditen nähern sich Schmerzgrenzen
Am Mittwoch entscheidet die US-Notenbank über die Zinsen, anschließend folgt die Pressekonferenz von Notenbankchef Kevin Warsh, der am Markt mehr Bedeutung beigemessen wird als der Zinsentscheidung selbst. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte wird derzeit am Markt eingepreist. Entscheidend dürfte sein, ob es sich um ein einmaliges Ereignis handelt oder der Beginn eines weiteren Zinserhöhungszyklus.
Der Anleihemarkt sendet seit Monaten Signale, die sich mit tagesaktuellen Nachrichten kaum noch erklären lassen. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen liegt bei rund 4,95 Prozent, zeitweise waren es 4,98 Prozent – so nah an der 5-Prozent-Marke wie zuletzt 2023. Die 30-jährige US-Anleihe rentiert bei gut 5,3 Prozent, dem höchsten Niveau seit vielen Jahren. Auch die 10-jährigen Bundesanleihen erreichten in der vergangenen Woche den höchsten Stand seit 2009, britische 30-jährige Papiere rentieren so hoch wie zuletzt 1998. Ein Index über die Staatsanleihen der sieben großen Industrieländer weist die höchste Durchschnittsrendite seit dem Jahr 2000 aus – ein globales Phänomen.
Vier Kräfte treiben die Zinsen
Neben dem Ölpreis und der geldpolitischen Straffung gibt es tiefere strukturelle Ursachen. Der sogenannte „natürliche Zins“, bei dem Sparen und Investieren im Gleichgewicht stehen, war in den USA von rund 5 Prozent in den frühen 80er Jahren bis Mitte der 10er Jahre auf etwa 1,6 Prozent gefallen. Aktuelle Berechnungen von Bloomberg setzen ihn für das zweite Quartal 2026 bei knapp 2,6 Prozent an, was inklusive Inflationserwartung einer 10-Jahres-Rendite von rund 4,7 Prozent entspräche. Die aktuellen Marktrenditen liegen demnach dort, wo die Fundamentaldaten sie hinschieben.
Vier Kräfte haben sich dabei umgekehrt: Erstens lösen die Babyboomer im Ruhestand ihre Ersparnisse auf. Zweitens hat China seine Devisenreserven von fast 4 Billionen Dollar im Jahr 2014 auf etwa 3,4 Billionen Dollar abgebaut und zieht sich als Finanzier der USA zurück. Drittens ist die „Friedensdividende“ aufgebraucht – allein die europäischen NATO-Staaten dürften ihre Schulden im kommenden Jahrzehnt um 1 bis 3 Billionen Dollar erhöhen. Viertens bindet der KI-Ausbau Kapital in einem seit Jahrzehnten nicht gesehenen Umfang.
Amerikas Haushaltslage spitzt sich zu
Das US-Haushaltsdefizit lag in den ersten 11 Monaten des laufenden Fiskaljahres bei 1,97 Billionen Dollar, die reine Zinslast bei einer Billion Dollar – der Schuldendienst übersteigt damit inzwischen den gesamten Verteidigungsetat. Der Durchschnittszins auf marktfähige US-Staatsanleihen kletterte per Ende August auf 3,48 Prozent, mehr als 2 Prozentpunkte über dem Wert vor fünf Jahren. Die Gesamtverschuldung der USA hat die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten.
Das Finanzministerium versucht gegenzusteuern, bislang mit begrenztem Erfolg: Für die erste erweiterte Rückkaufaktion hatte Finanzminister Bessent bis zu 6 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt, gekauft wurden Anleihen für rund 5,2 Milliarden Dollar, obwohl Angebote über 10,5 Milliarden Dollar vorlagen. Die Prämie für lange Laufzeiten liegt Berechnungsmodellen zufolge inzwischen mehr als drei Prozentpunkte über den Tiefständen der Pandemiezeit.
Big Tech konkurriert mit dem Staat um Kapital
Der KI-Ausbau verschlingt gewaltige Summen, die am selben Markt beschafft werden, an dem sich auch Staaten refinanzieren. Unternehmen mit guter Bonität haben in diesem Jahr Anleihen für fast 1,5 Billionen Dollar begeben, ein Zuwachs von rund 36 Prozent zum Vorjahr. Die „Big Tech“-Konzerne steuern davon rund 200 Milliarden Dollar bei – etwa 25 Prozent dessen, was das US-Finanzministerium netto an private Investoren emittiert hat, gegenüber einem Fünftel im Vorjahr. Ökonomen der Bank of America schätzen, dass diese Emissionswelle die 10-jährige US-Rendite in diesem Jahr um rund 30 Basispunkte nach oben gedrückt hat.
Fünf große Technologiekonzerne stehen zusammen für künftige Verpflichtungen von 2,7 Billionen Dollar. Alphabet hat in diesem Jahr 85 Milliarden Dollar aufgenommen, Amazon erstmals den britischen Pfundmarkt angezapft, Meta führt seit einigen Tagen Gespräche mit europäischen Anleiheninvestoren.
Parallel boomt der US-Markt für Wandelanleihen mit einem Rekordvolumen von 131 Milliarden Dollar, wovon rund 44 Prozent aus dem KI-Umfeld stammen. Fast 30 Prozent der neuen Papiere kommen ohne Coupon aus. Bekannte Namen in diesem Bereich sind Alphabet, Oracle, Nebius, CoreWeave und Iron. Eine von BlackRock aufgelegte, an ein Rechenzentrumsprojekt von Meta in Texas gekoppelte Anleihe fand schwächere Nachfrage als üblich und musste mit einem Kupon von mehr als 7,5 Prozent platziert werden.
Auch Nvidia treibt ungewöhnliche Finanzierungskonstruktionen voran: Gemeinsam mit Apollo, BlackRock, Blackstone, Brookfield und Goldman Sachs soll eine Finanzierungsplattform über 500 Milliarden Dollar entstehen, die Unternehmen mit Kapitalzugang zu Rechenleistung verhelfen soll. Nvidia stellt dabei in Aussicht, für den Restwert der Hardware teilweise mitzuhaften, begrenzt auf 25 Prozent eines Geschäfts.
Softbank und Intel als Risikokandidaten
Als mögliche Schwachstellen gelten Unternehmen ein bis zwei Etagen unterhalb der großen Cash-Flow-starken Tech-Konzerne wie Alphabet und Microsoft. Softbank hat sein Investment bei OpenAI bis Ende Oktober auf rund 65 Milliarden Dollar hochgefahren, finanziert unter anderem durch einen Kredit von fast 12 Milliarden Dollar, eine Privatanlegeranleihe über umgerechnet 6,5 Milliarden Dollar, weitere kreditgekoppelte OpenAI-Anteile über 10 Milliarden Dollar sowie eine mögliche weitere Anleihe von bis zu 20 Milliarden Dollar. Die Kreditausfallversicherungen auf das Unternehmen haben sich auf den höchsten Stand seit Ende März ausgeweitet.
Auch Intel steht im Blickfeld: Der Konzern hat frisches Eigenkapital über 20 Milliarden Dollar eingesammelt, trägt aber 50 Milliarden Dollar Schulden und schreibt seit 2022 einen negativen freien Mittelzufluss, der frühestens ab 2028 ins Plus drehen soll. Die Aktienzahl hat sich binnen eines Jahres deutlich erhöht.
Wo die Risiken liegen
In den kommenden zwei Jahren laufen zudem Unternehmensanleihen über mehrere hundert Milliarden Dollar aus, die während der Pandemie zu niedrigen Zinsen begeben wurden – Refinanzierungen könnten künftig zum Zwei- bis Vierfachen der damaligen Konditionen erfolgen.
Für die Aktienmärkte gilt: Eine Zinserhöhung allein ist weniger entscheidend als die Frage, ob daraus ein Zyklus wird. Eine Auswertung der Bärenmärkte seit 1945 zeigt, dass Börsen in zinsgetriebenen Fällen ihr Hoch typischerweise rund acht Monate vor der letzten Zinserhöhung markiert hatten. Über 80 Prozent der von Bloomberg befragten Marktteilnehmer gehen davon aus, dass Notenbankchef Walsh es bei einer ein- bis zweimaligen Anpassung belässt. Rund 30 Prozent halten eine 10-Jahres-Rendite zwischen 5 und 5,25 Prozent für ausreichend, um am Aktienmarkt eine Korrektur von 10 Prozent auszulösen. Mehr als zwei Drittel der Befragten betonen, dass vor allem das Tempo des Zinsanstiegs über eine mögliche Krise entscheidet.
Positiv fällt auf: Die Unternehmen im S&P 500 steuern auf das dritte Quartal in Folge mit einem Gewinnwachstum von mehr als 20 Prozent zu. Der Technologiesektor wird derzeit mit dem 20,5-fachen der erwarteten Gewinne bewertet, gegenüber knapp 26 Anfang Juni, und liegt damit unter seinem 10-Jahresschnitt. Zum Vergleich verweisen Analystenhäuser auf die Zeit zwischen Juni 1999 und Mai 2000, als der Nasdaq 100 trotz eines laufenden Zinserhöhungszyklus um 56 Prozent zulegte.
Fazit
Von einer unmittelbar bevorstehenden Finanzkrise kann derzeit nicht die Rede sein. Die Kombination aus steigenden Finanzierungskosten für Staaten, einem zunehmend fragil finanzierten Investitionsboom und einer Erzählung, die von einem gleichbleibenden Ausbautempo lebt, sorgt jedoch für Unruhe an den Märkten. Als mögliche Frühwarnzeichen gelten das Tempo des Anstiegs der 10-jährigen US-Rendite, die Entwicklung der Kreditausfallversicherungen stark verschuldeter KI-Emittenten sowie die Konditionen neuer Anleiheplatzierungen.
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