Drei Kräfte zerren gleichzeitig am Rohstoffmarkt: Die militärische Eskalation an der Straße von Hormuz, überraschend starke US-Arbeitsmarktdaten und die wachsende Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung. Das Ergebnis ist ein tiefer Riss quer durch den Rohstoffkomplex. Öl schießt nach oben, Edelmetalle geraten unter Druck — und Kupfer spielt nach eigenen Regeln.
Gold: Zinsfantasie übertrumpft Sicherheitsbedürfnis
Der Goldpreis ist am Mittwoch unter die Marke von 4.500 US-Dollar je Unze gerutscht. Ein Rückgang von 0,65 Prozent auf 4.488,60 US-Dollar setzt die Verluste der Wochenmitte fort. Ausgelöst hat die Schwäche ein ungewöhnliches Zusammenspiel: Die am Dienstag veröffentlichten JOLTS-Daten zeigten offene Stellen auf dem höchsten Stand seit fast zwei Jahren, während gleichzeitig die Entlassungen zurückgingen.
Normalerweise treibt geopolitische Unsicherheit Gold als sicheren Hafen nach oben. Diesmal greift ein anderer Mechanismus: Die Hormuz-Krise lässt Ölpreise steigen, steigende Ölpreise befeuern die Inflation, und Inflation verschiebt die Zinserwartungen. Die Märkte preisen mittlerweile eine Fed-Zinserhöhung vor Jahresende ein. Höhere Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten für das Halten von Gold — einem Asset, das keine laufenden Erträge abwirft.
Mittel- bis langfristig bleiben prominente Häuser deutlich optimistischer. Goldman Sachs hält nach dem Kursrückgang im März an einem Ziel von 5.400 US-Dollar bis Jahresende fest. J.P. Morgan geht sogar von 6.000 bis 6.300 US-Dollar aus. Der Konsens unter professionellen Prognostikern liegt bei rund 5.500 US-Dollar für die kommenden zwölf Monate.
Charttechnisch bleibt die 4.550-Dollar-Marke die entscheidende Unterstützung. Solange sie auf Schlusskursbasis hält, ändert sich am übergeordneten Aufwärtstrend wenig. Der 50-Tage-Durchschnitt bei 4.641 US-Dollar notiert allerdings bereits deutlich über dem aktuellen Kurs — ein Warnsignal für kurzfristig orientierte Anleger.
Silber: Fünf Defizitjahre gegen den Zins-Gegenwind
Silber steht in einem klassischen Zangenangriff. Am Mittwoch fiel der Preis um 0,9 Prozent auf 74,47 US-Dollar je Feinunze. Die ins Stocken geratenen Friedensverhandlungen zwischen den USA und dem Iran rücken Inflationsrisiken in den Vordergrund, ein stärkerer US-Dollar belastet zusätzlich.
Auf der Gegenseite steht eine bemerkenswerte strukturelle Stütze: Der Silbermarkt befindet sich im fünften aufeinanderfolgenden Defizitjahr. Kumuliert summiert sich das Angebotsdefizit von 2021 bis 2026 auf 820 Millionen Unzen. Der wachsende Bedarf aus der Solarindustrie und dem Ausbau erneuerbarer Energien unterscheidet Silber fundamental von rein monetären Edelmetallen.
Das Allzeithoch bei 121,64 US-Dollar vom Januar 2026 liegt weit entfernt. Nach dem März-Tief bei 61 US-Dollar hat sich im Bereich von 70 US-Dollar eine Nachfragezone gebildet, die zusammen mit der steigenden 200-Tage-Linie als Pufferzone wirken dürfte. Kurzfristig dominiert allerdings der Zinsdruck — erst ein Umschwenken der Fed-Rhetorik könnte hier für Entlastung sorgen.
Brent Crude: Dritter Gewinntag dank Hormuz-Prämie
Brent-Futures kletterten am Mittwoch um 2,23 Prozent auf 98,00 US-Dollar je Barrel und markierten damit die dritte Gewinnsitzung in Folge. Die Risikoprämie weicht nicht, obwohl Washington Verhandlungsbereitschaft signalisiert.
Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache:
- Iranische ballistische Raketen auf Nachbarländer, US-Vergeltungsschläge auf die Insel Qeschm
- Branchendaten zeigen einen Rückgang der US-Rohöllagerbestände um 6,8 Millionen Barrel — potenziell der sechste wöchentliche Abbau in Folge
- Präsident Trump besteht darauf, dass die Gespräche mit dem Iran aktiv bleiben
Die EIA rechnet damit, dass die globalen Ölvorräte im zweiten Quartal um durchschnittlich 8,5 Millionen Barrel pro Tag sinken. Für Mai und Juni erwartet die Behörde Brent-Preise um 106 US-Dollar. Erst mit steigender Produktion im Nahen Osten könnte ein Rückgang auf durchschnittlich 89 US-Dollar im vierten Quartal einsetzen. Trotz des jüngsten Anstiegs liegt der Kurs noch immer knapp 14 Prozent unter dem Niveau von vor einem Monat — die Volatilität im Ölmarkt bleibt mit annualisiert über 62 Prozent extrem hoch.
Rohöl WTI: Trendwende nach dem Mai-Deckel?
WTI-Futures durchbrachen am Mittwoch die Marke von 95 US-Dollar und gewannen ebenfalls die dritte Sitzung in Folge. Charttechnisch bedeutsam: Der Preis hat eine absteigende Trendlinie überwunden, die Rallyes im gesamten Mai gedeckelt hatte. Vom Tief bei 86,37 US-Dollar ging es bis auf 94,81 US-Dollar, bevor eine leichte Korrektur einsetzte.
Iranische Medienberichte zweifeln am Fortschritt der Verhandlungen, während Trump auf deren Fortsetzung besteht. Diese Diskrepanz hält die geopolitische Risikoprämie am Leben. Energieexperte Amos Hochstein sieht die Ölpreise für den Rest des Jahres und bis 2027 in einer Spanne von 90 bis 100 US-Dollar — selbst wenn Hormuz Anfang Juni wiedereröffnet werden sollte.
Goldman Sachs kommt zu einem ähnlichen Schluss: Bei einer Wiedereröffnung der Meerenge erwartet die Bank Preise um 90 US-Dollar zum Jahresende. Für Juni prognostizieren Analysten eine breite Handelsspanne zwischen 71,73 und 106,74 US-Dollar — ein Ausdruck der extremen Unsicherheit, die den Markt derzeit prägt.
Kupfer: Citi ruft die nächste Rallye aus
Während Edelmetalle unter Zinsdruck stehen und Öl von Geopolitik lebt, folgt Kupfer einem völlig eigenen Drehbuch. Das Industriemetall notiert bei 6,61 US-Dollar je Pfund — nur 1,57 Prozent unter dem frischen Allzeithoch. Auf Monatssicht liegt der Zugewinn bei fast 13 Prozent.
Die Citigroup hat sich erstmals in diesem Jahr bullish positioniert und ein konkretes Kursziel ausgegeben: 14.500 US-Dollar je Tonne bereits im kommenden Monat, 15.000 US-Dollar innerhalb eines Jahres. Ausgehend vom aktuellen LME-Preis von rund 13.800 US-Dollar entspräche das einem Anstieg von über 8,5 Prozent.
Die Angebotsseite liefert handfeste Argumente für diese These. Chile, weltgrößter Kupferproduzent, meldete die schwächste Aprilproduktion seit 23 Jahren. Gleichzeitig hat China ein Exportverbot für Schwefelsäure verhängt — ein kritischer Stoff für die Kupferraffination — das mindestens bis Dezember 2026 gelten soll. Der Nahost-Konflikt stört zudem Schwefelsäure-Lieferungen weltweit.
Auf der Nachfrageseite treiben gleich mehrere Megatrends den Verbrauch:
- KI-Infrastruktur und der rasante Ausbau von Rechenzentren
- Elektrifizierung und Ausbau globaler Stromnetze
- Elektrofahrzeuge und erneuerbare Energien
UBS erwartet für 2025 und 2026 jeweils ein globales Nachfragewachstum von 2,8 Prozent aus diesen Sektoren.
Nonfarm Payrolls als Weichenstellung für den Rohstoffkomplex
Der Rohstoffmarkt zeigt am 3. Juni eine klare Dreiteilung. Öl baut Geopolitikprämien auf, Edelmetalle leiden unter der Zinswende, Kupfer entkoppelt sich mit strukturellen Angebots- und Nachfragetreibern. Der gemeinsame Nenner für alle drei Segmente heißt: Federal Reserve.
Am Freitag stehen die Nonfarm Payrolls an. Starke Beschäftigungsdaten würden den Druck auf Gold und Silber weiter verschärfen und die Zinserhöhungsfantasie zementieren. Gleichzeitig könnte Wachstumsoptimismus die Öl-Risikoprämie teilweise kompensieren — und Kupfers Nachfragegeschichte zusätzlich untermauern.
Strukturelle Defizite bei Silber und die anhaltende Zentralbanknachfrage bei Gold bilden langfristig ein solides Fundament. Kurzfristig aber regiert die Zinspolitik. Und die Fed hat noch nicht gesprochen.
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