Ein neuer Fed-Chef, ein fragiler 60-Tage-Fahrplan für den Iran und Frostgefahr in Brasiliens Kaffeeregionen: Am Rohstoffmarkt prallen gerade drei Kräfte aufeinander, die Gold, Silber, Öl und Kaffee in unterschiedliche Richtungen zerren. Wer nur auf den Dollar schaut, verpasst die halbe Geschichte.
Gold: Korrektur trotz Notenbankgold-Käufen
Die hawkishe Premiere von Fed-Chef Kevin Warsh hat den Goldmarkt kalt erwischt. Neun Entscheidungsträger rechnen nun mit mindestens einer Zinserhöhung im laufenden Jahr — Gift für ein Edelmetall ohne laufende Erträge. Der Dollar kletterte auf den höchsten Stand seit über einem Jahr, US-Staatsanleiherenditen zogen an. Gold rutschte nach der Fed-Sitzung auf rund 4.150 USD je Feinunze, bevor eine Erholung auf aktuell 4.206 USD einsetzte.
Vom Allzeithoch bei rund 5.598 Dollar hat sich der Preis mittlerweile weit entfernt. Auf Monatssicht steht ein Minus von knapp sieben Prozent. Gold befindet sich 2026 in einer ausgeprägten Korrekturphase.
Strukturell bleibt das Bild allerdings zweigeteilt. Der World Gold Council meldet, dass offizielle Käufer im April wieder zu Nettokäufern wurden — 19 Tonnen flossen in die Reserven. Rund 45 Prozent der befragten Notenbanken planen, ihre Bestände im kommenden Jahr aufzustocken. Dieses Nachfragefundament stützt den Preis auf mittlere Sicht.
Goldman Sachs kappte sein Jahresziel um 500 Dollar auf 4.900 USD je Feinunze. Im Falle einer tatsächlichen Zinserhöhung sehen die Analysten Gold bis Jahresende bei 4.400 USD. Ihre Einschätzung: „Strukturell konstruktiv, aber taktisch vorsichtig.“ J.P. Morgan hält dagegen an einer weit optimistischeren Prognose von 6.000 bis 6.300 Dollar fest. Selten lagen die großen Häuser so weit auseinander.
Silber Preis: Industriedefizit trifft auf Zinsangst
Silber leidet unter denselben Makro-Kräften wie Gold, hat aber ein zusätzliches Problem: Sein industrieller Doppelcharakter verstärkt den Preisdruck in einem Umfeld schwächerer Konjunkturerwartungen. Der Kurs fiel in der Vorwoche unter 65 Dollar pro Unze und verzeichnete einen wöchentlichen Verlust von rund 4,5 Prozent. Auf Monatssicht beträgt das Minus über 14 Prozent.
Charttechnisch fungieren 71,80 und 83,75 Dollar als Widerstände. Unterstützungen liegen bei 61,02 und 54,46 Dollar. Die schnelle Rückkehr der Märkte zu einer „Higher for longer“-Zinserwartung lastet schwer auf dem Metall.
Langfristig spricht ein Argument für Silber, das kaum ein anderer Rohstoff aufweisen kann: Industriell verbrauchtes Silber lässt sich in den meisten Anwendungen nicht zurückgewinnen. Es wird dem Markt dauerhaft entzogen. Das Silver Institute schätzt die industrielle Nachfrage bis 2030 auf über 700 Millionen Feinunzen pro Jahr. Bei stabiler Minenproduktion entsteht ein strukturelles Angebotsdefizit.
UBS reagierte dennoch bearish und senkte die Prognosen über alle wichtigen Zeiträume. Für Ende Juni erwartet die Bank 85 Dollar je Unze (zuvor 100 Dollar), für Dezember nur noch 80 Dollar. Die Gründe: gedämpfte Investmentnachfrage, schwächere industrielle Nutzung und steigende Minenversorgung.
Brent Crude: 60-Tage-Fahrplan nimmt Risikoprämie heraus
Brent Crude notiert heute bei 78,18 USD je Barrel — ein Tagesverlust von knapp drei Prozent. Auf Monatssicht summiert sich der Rückgang auf fast 25 Prozent. Der internationale Benchmark liegt damit rund 38 Prozent unter seinem Konflikthoch.
Auslöser der jüngsten Schwäche: Katar und Pakistan gaben bekannt, dass US-amerikanische und iranische Vertreter im schweizerischen Bürgenstock-Resort einen Fahrplan vereinbart haben. Das Ziel ist ein endgültiger Deal innerhalb von 60 Tagen. Ein hochrangiger Ausschuss soll den Mediationsprozess überwachen, technische Verhandlungen laufen diese Woche weiter.
Die diplomatischen Fortschritte haben die geopolitische Risikoprämie deutlich reduziert. Die meisten Gewinne, die während des Konflikthöhepunkts erzielt wurden, sind wieder abgeschmolzen. Analysten erwarten kurzfristig eine Handelsspanne zwischen 75 und 82 Dollar je Barrel. Die fragile Lage im Nahen Osten dürfte aber weiterhin einen gewissen Aufschlag rechtfertigen.
Rohöl WTI: Hormuz bleibt der Joker
WTI-Futures werden aktuell bei rund 77 Dollar je Barrel gehandelt. Ein zwischenzeitlicher Anstieg von drei Prozent wurde wieder abverkauft. Die Sieben-Tage-Bilanz zeigt einen Verlust von gut acht Prozent, auf Monatssicht sind es rund 25 Prozent.
Der Grund für die Nervosität: Teheran kündigte an, die Straße von Hormuz erneut geschlossen zu haben — ein zentraler Engpass für den globalen Ölhandel. Am Donnerstag wurden dennoch fast zehn Millionen Barrel Rohöl beobachtet, die die Passage durchquerten oder sich in der Nähe positionierten. Darunter befanden sich erstmals seit Beginn des Konflikts vor über drei Monaten auch saudi-arabische Tanker.
Die zentrale Erkenntnis für den WTI-Markt:
- Solange Hormuz nicht vollständig offen ist, bleibt ein erheblicher Risikoaufschlag im Preis
- Jede Eskalation oder Deeskalation kann Kursbewegungen von fünf bis 15 Dollar pro Tag auslösen
- Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei über 41 Prozent — ein extremer Wert
Die Bürgenstock-Gespräche markierten die ersten Verhandlungen seit Unterzeichnung eines Memorandum of Understanding zwischen Washington und Teheran. Iran wirft den USA jedoch vor, keinen Waffenstillstand im Libanon sicherzustellen. Der Fahrplan steht auf wackligen Beinen.
Kaffeepreis: El Niño gegen Rekordernte
Arabica-Futures notieren bei rund 266 US-Cent je Pfund — ein Tagesverlust von gut drei Prozent. Seit Jahresbeginn hat der Kaffeepreis über 25 Prozent verloren und liegt damit weit entfernt vom 52-Wochen-Hoch bei knapp 438 US-Cent.
Die Ausgangslage wirkt zunächst klar bearish: Das USDA prognostiziert die brasilianische Ernte 2026/27 auf einen Rekord von 71,9 Millionen Säcken. Die Arabica-Ernte allein soll 47,5 Millionen Säcke erreichen — ein Anstieg von 25 Prozent im Jahresvergleich und das Ende eines fünfjährigen Schwächezyklus. Rabobank erhöhte ihre Schätzung für den globalen Kaffeeüberschuss auf 9,5 Millionen Säcke.
Gleichzeitig erzählen die Lagerbestände eine andere Geschichte. Die ICE-zertifizierten Arabica-Vorräte fielen auf 396.171 Säcke — weniger als die Hälfte des Vorjahreswerts. Kurzfristig bleibt das Angebot eng.
Und dann ist da El Niño. Eine aktive Kaltfront hält die Temperaturen in Brasiliens Süden niedrig und erhöht das Frostrisiko. Starke Regenfälle in der zweiten Junihälfte dürften die landwirtschaftliche Aktivität beeinträchtigen. Kritischer noch: Ein stärkeres El-Niño-Ereignis könnte die Rückkehr der Regenfälle zwischen September und Oktober verzögern — genau in der Blütezeit der Kaffeekulturen. Für das vierte Quartal erwarten Experten extreme Hitze in Südostasien, die die Robusta-Ernte in Vietnam und Indonesien massiv schmälern könnte.
An der Supermarktkasse wird man von den fallenden Terminmarktpreisen übrigens noch wenig bemerken. Röstereien sichern ihren Rohkaffee über Lieferverträge oft Monate im Voraus ab.
Drei Kräfte, fünf Märkte — und eine offene Rechnung
Der Rohstoffmarkt wird gerade von drei Variablen gleichzeitig neu kalibriert: Geldpolitik, Geopolitik und Klima. Ihre Gewichtung verschiebt sich je nach Asset.
Für Gold und Silber richtet sich der Blick auf den US-PCE-Inflationsindex — das bevorzugte Preismaß der Fed. Fällt die Inflation höher aus als erwartet, dürfte der Zinsdruck zunehmen und beide Metalle weiter belasten. Goldman-Ökonomen haben die nächsten zwei Zinssenkungen bereits auf Juni und Dezember 2027 verschoben.
Bei Brent und WTI entscheidet der Bürgenstock-Prozess. Der 60-Tage-Fahrplan ist fragil, und die Hormuz-Passage bleibt ein Nadelöhr. Jede Nachricht aus der Schweiz oder vom Persischen Golf kann den Ölpreis innerhalb von Stunden um mehrere Dollar bewegen.
Beim Kaffee wird das Wetter zum entscheidenden Faktor. Rekordernten auf dem Papier nützen wenig, wenn Frost und El Niño die tatsächliche Produktion schmälern. Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die bearishe Grundtendenz hält — oder ob die Natur die Rechnung der Bullen und der Bären gleichermaßen durchkreuzt.
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