Eine Woche, zwei Gesichter: Friedrich Vorwerk schießt nach einer Prognoseanhebung in die Höhe – und gibt am Freitag einen Teil der Gewinne wieder ab. Die Aktie des Energieinfrastruktur-Spezialisten aus Tostedt schloss bei 70,85 Euro, ein Minus von 1,60 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht bleibt dennoch ein Plus von 16,15 Prozent stehen.
Der Kurssprung kam nicht aus dem Nichts. Zunächst bestätigte die Privatbank Berenberg ihre Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 110 Euro. Dazu kam ein neuer Wasserstoff-Großauftrag für die Pipeline H2Coastlink 1.
Starkes Halbjahr treibt die Prognose nach oben
Den eigentlichen Schub lieferte dann die Zahlenvorlage. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 11 Prozent auf 337,3 Millionen Euro. Die Produktionsleistung legte sogar um 35 Prozent auf 448,1 Millionen Euro zu.
Am stärksten wuchs das operative Ergebnis. Das EBITDA kletterte um 70 Prozent auf 92,6 Millionen Euro. Der Vorstand reagierte prompt und hob die EBITDA-Prognose für 2026 auf 180 bis 200 Millionen Euro an. Zuvor hatte das Ziel bei 160 bis 180 Millionen Euro gelegen. Die Umsatzerwartung von 730 bis 780 Millionen Euro blieb unverändert.
Erdkabel-Gesetz bleibt der wunde Punkt
Der Auslöser für die vorherige Kursschwäche liegt in Berlin. Die Bundesregierung plant einen Gesetzentwurf, der Freileitungen gegenüber teureren Erdkabeln bevorzugen soll. Für Vorwerk als Spezialist für unterirdische Hochspannungskabel ist das ein Angriff auf das Kerngeschäft.
Berenberg hält die Reaktion des Marktes für übertrieben. Analyst Lasse Stueben argumentiert, der Markt überschätze die negativen Folgen der Gesetzesänderung. Gleichzeitig unterschätze er das Wachstumspotenzial aus Gasnetz-Modernisierung, CO₂-Transport und Wasserstoffspeicherung. Berenberg bekräftigte deshalb sein Kursziel von 110 Euro.
Analysten weit auseinander
Selten liegen die Einschätzungen zu einer Aktie so weit auseinander wie derzeit bei Friedrich Vorwerk. Jefferies hatte die Titel zuvor deutlich vorsichtiger gesehen und stufte sie nun von „Underperform“ auf „Hold“ hoch – bei unverändertem Kursziel von 65 Euro. Analyst Martin Comtesse begründet dies damit, dass die Risiken nach der Kurskorrektur weitgehend eingepreist seien. Zudem gehe er von einer besseren Projektausführung im zweiten Quartal aus. Die Studie erschien am 13. Juli 2026.
Die Bandbreite der Kursziele zeigt das Dilemma: Konsens (86,50 Euro) und Berenberg (110 Euro) sehen deutliches Aufwärtspotenzial. Bewertungsmodelle (Fair Value 71,62 Euro) und Jefferies (65 Euro) liegen dagegen bereits unter dem aktuellen Kurs. Ein typisches Muster nach einer schnellen Rally.
Seit dem 52-Wochen-Tief Anfang Juni hat sich die Aktie bereits um 28,58 Prozent erholt. Vom Rekordhoch aus dem vergangenen Oktober bleibt sie dennoch weit entfernt.
Für die kommende Woche dürfte vor allem die politische Debatte um die Erdverkabelung im Mittelpunkt stehen. Von ihrem Ausgang hängt die mittelfristige Auftragslage im Kerngeschäft ab. Zusätzliche Substanz zur Auftragsstruktur soll der Halbjahresfinanzbericht liefern, den das Unternehmen für den 13. August angekündigt hat.
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