Ein verpasstes Gewinnziel, und trotzdem ein Kurssprung von mehr als drei Prozent im vorbörslichen Handel: Bei Equinor zählt derzeit offenbar mehr, was unter dem Ergebnis steckt, als die Zahl selbst. Der norwegische Energiekonzern legte am Mittwoch Quartalszahlen vor, die auf den ersten Blick enttäuschten – und auf den zweiten Blick genau das lieferten, was der Markt wollte.
Das bereinigte Ergebnis je Aktie lag bei 1,33 Dollar und damit unter der Analystenschätzung von 1,38 Dollar. Auch der Umsatz blieb mit 35,18 Milliarden Dollar knapp unter der Prognose von 35,21 Milliarden Dollar. Im Jahresvergleich bedeutet das trotzdem ein Plus von rund 40 Prozent.
Hinter dem Preisschub steht die Angebotsverknappung im Nahen Osten: Der Brent-Preis kletterte wieder auf rund 90 Dollar je Barrel, europäisches Gas kostet inzwischen etwa 60 Euro. Als größter westeuropäischer Erdgasproduzent profitiert Equinor davon direkt.
Cashflow und Rückkauf überstrahlen die Ergebnislücke
Was die Anleger tatsächlich bewegte, war die operative Substanz hinter der Zahl. Equinor erzielte ein bereinigtes operatives Ergebnis vor Steuern von 11,5 Milliarden Dollar, der IFRS-Nettogewinn lag bei 4,8 Milliarden Dollar. Der operative Cashflow nach Steuern summierte sich im ersten Halbjahr auf 13,7 Milliarden Dollar.
Auf dieser Basis verdoppelte Equinor das Aktienrückkaufprogramm für 2026 von 1,5 Milliarden auf 3 Milliarden Dollar – der Vorstand hatte das bereits auf dem Capital Markets Day angekündigt und setzt es nun mit einer weiteren Tranche um. Hinzu kommt eine Bardividende von 0,39 Dollar je Aktie, die der Aufsichtsrat für das Quartal beschlossen hat. Finanzchef Torgrim Reitan machte klar, dass darüber hinaus für dieses Jahr keine weiteren Rückkäufe geplant sind – zusätzliches Kapital fließe stattdessen in mehr Investitionen und den Bilanzaufbau.
Die Produktion legte um drei Prozent auf 2,165 Millionen Barrel Öläquivalent pro Tag zu, getragen von neuen Feldern wie Eirin und Symra. Besonders auffällig: Beim Feld Johan Sverdrup hat Equinor die ursprünglich erwartete Förderrate von 65 Prozent inzwischen auf 75 Prozent angehoben – ein Ergebnis besseren Wassermanagements und neuer Mehrfachbohrungen in bestehenden Bohrlöchern.
Bilanz bleibt solide, ein Ausfall bremst das dritte Quartal
Die Nettoverschuldungsquote sank auf 10,4 Prozent, Equinor sitzt derzeit auf rund 24 Milliarden Dollar an Kassenbeständen. Ganz ohne Schönheitsfehler ist das Quartal allerdings nicht: Die Anlage Johan Castberg fiel wegen technischer Probleme 18 Tage aus, was im dritten Quartal einen Nettoausfall von rund 14.000 Barrel pro Tag bedeutet. Seit Mitte Juli läuft die Förderung wieder auf Plateauniveau.
An der Jahresprognose von drei Prozent Produktionswachstum hält das Management fest, obwohl die Fördermenge im ersten Halbjahr bereits um sechs Prozent zulegte. Das Unternehmen wertet das Ziel damit als deutlich abgesicherter, ohne es offiziell anzuheben.
Für das laufende dritte Quartal bleibt der Castberg-Ausfall die größte operative Bremse, während das brasilianische Bacalhau-Feld bis Jahresende sein Förderplateau erreichen soll. Über das laufende Jahr hinaus hält Equinor an den auf dem Capital Markets Day genannten Zielen fest: 150.000 Barrel pro Tag zusätzliche Produktion bis 2030, mehr als 40 Milliarden Dollar freier Cashflow im gleichen Zeitraum und eine Kapitalrendite von 15 Prozent.
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