Ausgangslage: Zwei Baustellen laufen parallel
BayWa steckt mitten in der größten Umbauphase seiner Sanierungsgeschichte. Ende August soll das Amtsgericht Essen das Insolvenzverfahren für die Bau- und Gartenmärkte sowie für den Partner Hellweg eröffnen.
Beide Ketten werden voraussichtlich nicht fortgeführt, die Zentralen in Dortmund und Garching sollen schließen. Zugleich arbeitet der Konzern an einem tiefgreifenden Umbau der Ökostromtochter BayWa r.e., die über ein „Shareholding as a Service“-Modell an einen Transformationsgesellschafter übergehen soll.
Für Anleger fällt beides in ein und dasselbe Zeitfenster – und genau deshalb zählt der jetzige Moment: Die Aktie notiert bei 8,80 Euro, nach einem Rückgang von 2,2 Prozent am heutigen Tag und einem Minus von 13 Prozent auf Monatssicht. Der Kurs bewegt sich damit nur noch rund 20 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 7,36 Euro, das erst vor zwei Wochen markiert wurde.
Die entscheidende Frage: Trägt der verlängerte Sanierungsfahrplan bis 2030?
Der zentrale Faktor für die Aktie ist nicht die Baumarktinsolvenz selbst, sondern die Frage, ob das Ende Juni vereinbarte, um zwei Jahre auf 2030 verlängerte Sanierungskonzept tatsächlich hält.
Die beiden Großaktionäre Bayerische Raiffeisen-Beteiligungs-AG und Raiffeisen Agrar Invest AG, die zusammen gut 67 Prozent halten, müssen ihre Anteile an einen Treuhänder übertragen. Nur wenn sie 2029 mindestens 220 Millionen Euro für eine Kapitalerhöhung bereitstellen, bekommen sie die Papiere zurück.
Parallel wandeln die Banken 700 Millionen Euro Kredite in ein Nachranginstrument um – scheitert der neue Fahrplan, verlieren diese Forderungen den Vorrang gegenüter anderen Gläubigern. Damit hängt die Eigenkapitalstruktur der BayWa faktisch am Erfolg eines mehrjährigen Prozesses, dessen Zwischenstationen – Baumarktabbau, r.e.-Verkauf, Kapitalerhöhung 2029 – alle erst noch bewältigt werden müssen.
Bullisches Szenario: Entschlackung schafft Substanz
Für Optimisten liefert die Baumarkt-Insolvenz einen wichtigen Baustein: Ein strukturell defizitäres Segment mit 46 deutschen und sechs österreichischen Standorten verlässt den Konzern, ein Großteil der Standorte findet neue Betreiber, die Beschäftigung an den übernommenen Märkten bleibt weitgehend erhalten. Das entlastet die Bilanz von einem chronischen Verlustbringer.
Auch operativ gibt es Anhaltspunkte für eine Stabilisierung: Im ersten Quartal 2026 lag das bereinigte EBITDA über den Vorgaben des Sanierungsplans und klar über dem Vorjahreswert, während die Liquidität solide blieb – trotz eines auf 2,3 Milliarden Euro von 3,6 Milliarden Euro gesunkenen Umsatzes.
Gelingt zusätzlich der geplante Verkauf von BayWa r.e. an einen Transformationsgesellschafter, könnte der Konzern Kapital freisetzen und sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren. In diesem Szenario wäre die aktuelle Kursschwäche eine Übertreibung, die eine fundamentale Stabilisierung ignoriert.
Bärisches Szenario: Der Fahrplan ist fragil, nicht gesichert
Das Risiko liegt in der zeitlichen Dehnung selbst. Eine Verlängerung der Sanierung um zwei Jahre ist kein Zeichen von Stärke, sondern das Eingeständnis, dass die ursprüngliche Planung nicht aufging.
Die Konstruktion mit Treuhänder und bedingter Rückübertragung der Aktien bindet das Schicksal der Großaktionäre an eine Kapitalerhöhung, die erst 2029 fällig wird – bis dahin bleibt offen, ob die Mittel überhaupt aufgebracht werden. Scheitert dieser Schritt, kann der Treuhänder das Aktienpaket verkaufen, was die Eigentümerstruktur grundlegend verändern würde.
Auch der Umsatzeinbruch von 3,6 auf 2,3 Milliarden Euro im ersten Quartal zeigt, wie stark das operative Geschäft bereits schrumpft. Die Standstill-Vereinbarung mit den Banken lief nur bis Herbst 2026 – ob sie verlängert oder durch das neue Konzept dauerhaft ersetzt wird, ist noch nicht abschließend geklärt. Die hohe Volatilität von 99 Prozent auf 30-Tage-Basis spiegelt genau diese Unsicherheit.
Ausblick: Die nächsten Wochen entscheiden über die Richtung
Solange die Sanierungsvereinbarung mit Banken und Großaktionären trägt und das operative EBITDA die Planvorgaben weiter übertrifft, bleibt ein Stabilisierungsszenario denkbar – auch wenn der Kurs mit einem Abstand von 37 Prozent zum 200-Tage-Durchschnitt tief in einem Abwärtstrend steckt.
Kippt hingegen die Standstill-Vereinbarung, verzögert sich der r.e.-Verkauf oder gerät die Kapitalerhöhung 2029 schon jetzt in Zweifel, dürfte der Druck auf die Aktie zunehmen.
Der nächste konkrete Wegpunkt ist die für Ende August erwartete gerichtliche Eröffnung des Insolvenzverfahrens für die Baumärkte – ein Verfahrensschritt, der Klarheit über den Umfang der Marktschließungen bringen soll, aber noch keine Entscheidung über den Ausgang der Gesamtsanierung darstellt.
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