Die Lage im Nahen Osten dominiert weiterhin das Marktgeschehen, doch zur Wochenmitte kommen mit überraschend milden US-Inflationsdaten und dem ersten großen Auftritt des neuen Notenbankchefs Kevin Warsh neue Impulse hinzu. Die Gemengelage aus geopolitischer Eskalation und geldpolitischen Signalen sorgt für ein zweigeteiltes Bild an den Börsen.
Ölpreise ziehen kräftig an, Trump agiert widersprüchlich
Die Straße von Hormuz bleibt der wunde Punkt der Weltwirtschaft. US-Präsident Trump hatte am Montag angekündigt, für die Durchfahrt eine Gebühr von 20 Prozent auf Frachten zu erheben, nahm den Plan jedoch einen Tag später nach Druck der Golfstaaten wieder zurück. Als Ersatz stellte er Investitionszusagen der Golfstaaten in Aussicht, ohne konkrete Zahlen oder Namen zu nennen. Parallel nahm das US-Militär die Seeblockade iranischer Häfen wieder auf und flog eine mehrstündige Angriffswelle auf Ziele nahe der Meerenge. Für die kommende Woche droht Trump zudem, die Angriffe auf Brücken und Kraftwerke auszuweiten, sollte Teheran nicht an den Verhandlungstisch zurückkehren.
Diese Abfolge aus Ankündigung, Rückzieher und neuen Drohungen binnen kurzer Zeit lässt sich kaum seriös prognostiziert werden. Deutlich beobachtbar ist dagegen die Reaktion an den Rohstoffmärkten: Der Brent-Ölpreis zog in den vergangenen zwei Handelstagen um rund 11 Prozent an und bewegt sich nun knapp unterhalb der 85-Dollar-Marke. Auch die US-Sorte WTI verzeichnete deutliche Zugewinne. Ein anhaltend hoher Ölpreis dürfte über kurz oder lang auf die Inflationszahlen durchschlagen.
Milde US-Inflationsdaten und neuer Notenbankkurs
Die am Dienstag veröffentlichten US-Verbraucherpreise für Juni fielen überraschend mild aus: Auf Monatsbasis sanken die Preise um 0,4 Prozent – der erste monatliche Rückgang seit sechs Jahren, getrieben vor allem von deutlich billigerem Benzin. Die Jahresrate ging auf 3,5 Prozent zurück, erwartet worden waren 3,8 Prozent. Die Kernrate blieb im Monatsvergleich unverändert. Die Wahrscheinlichkeit für eine Zinserhöhung im Juli sank daraufhin von 42 Prozent auf nur noch 17 Prozent.
Kevin Warsh, der neue Notenbankchef, trat anschließend vor den US-Kongress und machte unmissverständlich klar, dass die Notenbank eine erhöhte Inflation nicht tolerieren werde. Das 2020 eingeführte Konzept der durchschnittlichen Inflationsziele bezeichnete er als fehlerhaft und signalisierte eine restriktivere Linie. Zugleich kündigte er einen Umbau der Kommunikation an: Die Notenbank werde sich künftig weniger im Voraus auf kommende Zinsschritte festlegen und stärker von den aktuellen Konjunkturdaten abhängig machen. Für Anleger bedeutet das, dass einzelne Konjunkturzahlen künftig mehr Gewicht bekommen dürften und die Ausschläge rund um Notenbanktermine zunehmen könnten. Warsh hält die Tür für Zinssenkungen zudem bewusst geschlossen, solange die Inflation nicht überzeugend im Zaum ist.
Indizes: DAX hält Marke, Nasdaq mit klarem Plus
Der DAX schloss zuletzt mit einem Mini-Plus von 0,13 Prozent bei gut 25.147 Punkten und damit den vierten Handelstag in Folge über der Marke von 25.000 Zählern – ein kleiner Etappensieg der Bullen. Zum Zeitpunkt der aktuellen Berichterstattung notiert der Index allerdings gut 1 Prozent im Minus, was die weiterhin angespannte geopolitische Lage widerspiegelt.
An der Wall Street verlief der Handel zweigeteilt: Der Dow Jones schloss mit einem Mini-Plus von 0,02 Prozent, der marktbreite S&P 500 gewann 0,38 Prozent hinzu und verteidigte damit seine 50-Tage-Linie. Der Nasdaq 100 legte sogar um 1,1 Prozent zu.
Micron: Wilde Kursfahrt bei Speicherchip-Hersteller
Micron Technology hat in den vergangenen Wochen eine volatile Phase durchlaufen. Am Montag ging es im Zuge eines breiten Chip-Ausverkaufs um rund 4 Prozent nach unten, am Dienstag folgte ein Anstieg von knapp 5 Prozent. Vom Rekordhoch Ende Juni bei über 1200 Dollar ist die Aktie derzeit rund 20 Prozent entfernt, auf Jahressicht steht aber immer noch ein Plus von 250 Prozent zu Buche.
Auslöser des jüngsten Kurssprungs war eine Analyse von KeyBank, die das Kursziel für Micron von 1600 auf 1750 Dollar anhob. Die Bank rechnet damit, dass die Speicherkapazitätsknappheit bis ins kommende Jahr anhält. Für klassische Arbeitsspeicher werden im dritten Quartal Preissteigerungen von 15 bis 20 Prozent erwartet, bei Flash-Speichern sogar von 30 bis 40 Prozent. Bei den teuren HBM-Spezialspeichern für KI-Prozessoren könnte sich der Preis im kommenden Jahr sogar mehr als verdoppeln – eine Entwicklung, die auch Konkurrenten wie SK Hynix und Samsung stützt.
Asml hebt Ausblick an, Zulieferer profitieren
ASML, der Hersteller von Lithografie-Maschinen für die modernste Chipfertigung mit faktischem Monopol, legte am Morgen Zahlen zum zweiten Quartal vor. Entscheidend für die Marktreaktion war der angehobene Ausblick, der die zuvor beobachtete Korrektur im Sektor als weitgehend überwunden erscheinen lässt.
Davon profitierten auch andere Chipzulieferer: Infineon, Aixtron, Citronic und Süss MicroTec verbuchten am Morgen ebenfalls Gewinne. Ein Vorbehalt bleibt das China-Geschäft: ASML darf moderne Anlagen dort nicht exportieren und rechnet in diesem Jahr mit einem China-Anteil am Umsatz von rund 20 Prozent. Im Vorjahr hatte das Unternehmen eine ähnliche Prognose abgegeben, am Ende kam jedoch rund ein Drittel des Umsatzes aus China.
BYD: Auslieferungsrekord trotz schwächelndem Heimatmarkt
Der chinesische Autobauer BYD stand in den vergangenen zwölf Monaten eher für Enttäuschung – von Höchstständen bei knapp 18 Euro fiel die Aktie zeitweise auf ein Zwei-Jahres-Tief. Seit Anfang Juli hat sich das Papier jedoch um gut 15 Prozent erholt. Ein Gerücht über eine mögliche Übernahme von Volkswagen durch BYD erwies sich dabei als Spekulation ohne Substanz.
Fundamental bemerkenswerter sind die Auslieferungszahlen: Im Juni meldete BYD mit 403.472 Fahrzeugen das höchste Monatsvolumen der Firmengeschichte, im zweiten Quartal summierten sich die Auslieferungen auf über 1,1 Millionen Fahrzeuge. Im Gesamtjahr liegt der Konzern mit rund 1,8 Millionen Fahrzeugen dennoch noch knapp 16 Prozent unter dem Vorjahreswert, was am schwächelnden Heimatmarkt liegt. In China verkaufte BYD im Juni nur noch rund 228.000 Fahrzeuge. Der Preiskrieg mit Wettbewerbern wie Xiaomi, Nio und Xpeng verschärft sich. BYD setzt daher verstärkt auf das Auslandsgeschäft, dessen Anteil im Vergleich zum Vorjahr auf rund 43 Prozent nahezu verdoppelt werden konnte.
IBM bricht historisch ein
Die Aktie des IT-Konzerns IBM brach zeitweise um mehr als 25 Prozent ein – der höchste Tagesverlust in der Unternehmensgeschichte. Grund waren vorläufige Zahlen für das zweite Quartal: IBM rechnet nun mit einem Umsatz von 17,2 Milliarden Dollar statt der erwarteten 17,9 Milliarden Dollar, der erwartete Gewinn je Aktie soll bei 2,93 statt 3,00 Dollar liegen.
Nicht die Zahlen allein lösten den Kurssturz aus, sondern die Aussagen von Konzernchef Arvind Krishna: Viele Kunden hätten ihre Budgets zum Quartalsende kurzfristig umgeschichtet – weg vom klassischen IBM-Geschäft hin zu Servern, Speicher und Infrastruktur, um sich vor Preissteigerungen bei knappen Komponenten einzudecken. IBM habe das Ausmaß dieser Verschiebung unterschätzt. Die Nachricht wirkte als Warnsignal für die gesamte Softwarebranche: Salesforce, Adobe, Accenture und Microsoft gaben ebenfalls nach, auch die SAP-Aktie in Deutschland verlor 2,8 Prozent.
Zwei Lesarten stehen sich gegenüber: Die pessimistische Sicht sieht den Beginn einer strukturellen Verdrängung, bei der klassische Software und das Mainframe-Geschäft durch KI unter Druck geraten. Die optimistischere Lesart geht von einer temporären Investitionsverschiebung aus. Für IBM spricht das Softwaregeschäft rund um die Linux-Plattform Red Hat, das im Quartalsvergleich um 11 Prozent wuchs. Auch beim Thema Quantencomputer sieht sich das Unternehmen weiterhin im Zeitplan, bis 2029 einen fehlerkorrigierten Rechner liefern zu können.
Deutsche Unternehmen: Schaeffler, Contron, Friedrich Vorwerk
Schaeffler legte vorläufige Zahlen für das zweite Quartal vor. Die um Sondereffekte bereinigte operative Marge verbesserte sich gegenüber dem Vorjahreswert von 3,5 Prozent, der Umsatz blieb mit rund 5,9 Milliarden Euro stabil. Die Aktie gab nachbörslich dennoch leicht um gut 1 Prozent nach, da der Markt bereits mit einer Verbesserung gerechnet hatte.
Contron hat einen Großauftrag über knapp 100 Millionen Euro erhalten: Die Tochter Contron Transport verlängert einen Rahmenvertrag über Wartungs- und Sicherheitsleistungen mit einem europäischen Bahnbetreiber bis Ende 2025, mit Option auf Verlängerung bis 2040. Für Anleger ist dies wegen der planbaren, wiederkehrenden Einnahmen im Bahnfunk interessant.
Friedrich Vorwerk erhielt als Teil einer Arbeitsgemeinschaft einen Großauftrag für die Wasserstoffleitung „H2 Coastlink One“. Der auf das Unternehmen entfallende Auftragswert liegt im zweistelligen Millionenbereich. Die Aktie reagierte vorbörslich mit deutlichen Gewinnen – Friedrich Vorwerk gilt als einer der Profiteure beim Umbau der deutschen Energieinfrastruktur.
Kryptomarkt: Clarity Act soll Rahmen schaffen
In Washington wird derzeit intensiv über den „Clarity Act“ debattiert, der einen umfassenden regulatorischen Rahmen für Kryptowährungen schaffen soll. US-Präsident Trump hat den Senat aufgefordert, das Gesetz zügig zu verabschieden, um die Führungsrolle der USA bei KI und digitalen Vermögenswerten gegenüber China zu verteidigen.
Streit entzündet sich an der Verzinsung von Stablecoins: Der Gesetzentwurf verbietet es Herausgebern zwar, direkt Zinsen zu zahlen, lässt aber eine Hintertür offen, wonach Kryptobörsen weiterhin zinsähnliche Prämien ausschütten dürften. Bankenverbände warnen vor ungleichen Wettbewerbsbedingungen, da Einlagen aus dem klassischen Bankensystem abwandern könnten. Sollte der Clarity Act mit dieser Regelung in Kraft treten, dürfte dies dem Stablecoin-Segment zusätzlichen Rückenwind verleihen.
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