Der Bau moderner Rechenzentren für künstliche Intelligenz galt lange Zeit als reines Immobiliengeschäft mit Spezialausstattung. Wer Serverhallen hochzieht, vermietet sie an Hyperscaler und kassiert stabile Erträge. Doch dieser Blickwinkel greift inzwischen viel zu kurz.
Der eigentliche Engpass der gesamten Branche ist längst nicht mehr der Beton, sondern die schiere Verfügbarkeit von elektrischer Leistung im Gigawatt-Bereich. Wie weit dieser Zwang zur eigenen Energieabsicherung reicht, führt Applied Digital gerade vor Augen.
Gestern berichtete die Nachrichtenagentur Reuters, dass das Kraftwerksunternehmen Base Electron vertraulich einen Börsengang in den USA eingereicht hat. Base Electron wurde von Applied Digital ins Leben gerufen, um die KI-Campus-Standorte des Betreibers über gesonderte Vereinbarungen mit Energie zu versorgen.
Zwar nennt der Antrag weder die geplante Aktienanzahl noch eine Preisspanne, doch die strategische Stoßrichtung ist unübersehbar: Wer Rechenleistung für künstliche Intelligenz anbieten will, muss sich am Ende selbst um die Kraftwerke kümmern.
Gigawatt-Projekte und tiefe rote Zahlen
Wie konkret diese Verflechtung bereits ist, zeigte eine Vereinbarung vom 4. Oktober. Für das Großprojekt Polaris Forge 3 schloss Applied Digital einen 15-jährigen Stromabnahmevertrag mit Base Electron über Kapazitäten aus einer geplanten, rund 1.200 Megawatt starken Erdgas-Anlage in Center, North Dakota.
Der Vertrag enthält allerdings eine harte Bedingung: Kann Base Electron die Finanzierung bis zum 31. März 2027 nicht abschließen, darf die Vereinbarung gekündigt werden.
Dass der Ausbau parallel dazu mit erheblichem Tempo vorangetrieben wird, unterstreicht die Inbetriebnahme einer weiteren Ausbaustufe am Standort Polaris Forge 1 am 2. Oktober. Mit zusätzlichen 75 Megawatt stieg die betriebsbereite Kapazität des vollständig vermieteten Campus auf 250 Megawatt, bei einem vertraglichen Endausbau von 400 Megawatt.
Gleichzeitig wagt das Unternehmen den Schritt über den Atlantik: Am Dienstag vermeldete Applied Digital den Zugriff auf bis zu 1 Gigawatt potenzielle Stromkapazität in Finnland ab 2028 – das erste Vorhaben außerhalb der USA, für das derzeit Gespräche mit Hyperscale-Kunden laufen.
Doch dieser gewaltige Expansionsdrang fordert seinen finanziellen Tribut. Am Mittwoch legte das Unternehmen die Zahlen für das erste Quartal des Geschäftsjahres 2027 vor. Der Umsatz explodierte zwar im Jahresvergleich um 322 Prozent auf $341,9 Millionen, das bereinigte EBITDA belief sich auf $64,4 Millionen. Gleichzeitig stand jedoch ein Nettoverlust für die Stammaktionäre von $221,0 Millionen in den Büchern.
Hohe Schulden lasten auf dem Kurs
Kann sich ein Infrastrukturanbieter ein solches Tempo auf Dauer leisten? Zum 31. August 2026 standen liquiden Mitteln und zweckgebundenen Barmitteln von $3,7 Milliarden stolze $6,4 Milliarden an Schulden gegenüber. Das Vertrauen der Anleger in die gigantischen Wachstumspläne hat dadurch spürbare Risse bekommen.
Am Freitag ging die Aktie bei 21,16 Euro aus dem Handel. Gemessen an diesem Niveau liegt das Papier 51 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 43,48 Euro. Die Dimension der aktuellen Bewertung spiegelt vor allem die Skepsis wider, wie die anstehenden Investitionen finanziert werden sollen.
Wenn der vertrauliche Börsengang der Stromtochter Base Electron frisches Kapital in die Kassen spülen soll, zeigt das vor allem eines: Ohne milliardenschwere externe Mittel gerät selbst das rasanteste Wachstum der KI-Ära schnell an seine Grenzen. Der Hunger nach Rechenleistung bleibt gewaltig – die Frage ist, wer am Ende die Rechnung für die Kraftwerke bezahlt.
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