Die zweite Reihe des KI-Booms

Während die großen KI-Aktien korrigieren, rücken spezialisierte Zulieferer mit Preismacht und planbaren Aufträgen in den Fokus. Die zweite Reihe des Booms bietet Chancen.

Auf einen Blick:
  • Zulieferer profitieren von KI-Infrastruktur
  • 800-Volt-Architektur: Infineon als Spezialist
  • Engpässe bei Silizium und Speicherchips
  • Breite Streuung senkt Risiko

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

an den Technologiebörsen ist die Stimmung in den vergangenen Tagen gekippt. Der Nasdaq 100 hat von seinem Rekord aus dem Juni in der Spitze mehr als zehn Prozent verloren, ein Rückgang, den Börsianer als Korrektur bezeichnen. Bei vielen einzelnen Chip- und Speicherwerten fällt die Bilanz noch härter aus, hier ist von einem Bärenmarkt die Rede. Der Auslöser ist ein alter Zweifel in neuem Gewand. Anleger fragen sich, ob sich die immensen Ausgaben für künstliche Intelligenz am Ende überhaupt rechnen, und zugleich wächst die Sorge vor neuer Konkurrenz aus China.

Für nervöse Gemüter ist das ein Grund zur Flucht. Für den kühlen Kopf ist es eine Einladung. Denn Rückschläge dieser Art trennen die kurzfristige Spekulation von der langfristigen Substanz. Genau in dieser Gemengelage stellt sich die entscheidende Frage: Wo lohnt sich der Einstieg wirklich, wenn die offensichtlichen Gewinner gerade ihre Schwäche zeigen und viele Anleger den ganzen Sektor meiden?

Die Antwort liegt möglicherweise nicht bei den großen Namen, die jeder kennt. Sie liegt eine Ebene tiefer, bei den Zulieferern und Spezialisten, die den KI-Boom mit Bauteilen versorgen. Marktbeobachter sprechen von den Schaufeln und Spitzhacken des Goldrauschs. Wer während des Goldrauschs im 19. Jahrhundert verlässlich Geld verdiente, waren nicht die Schürfer, sondern die Händler, die ihnen das Werkzeug verkauften. Dieses Bild trägt auch heute.

Warum die KI-Zulieferer die spannendere Wette sind

Die Wirtschaft der künstlichen Intelligenz steckt noch in einer frühen Phase. Niemand weiß mit Sicherheit, welche Anwendung sich durchsetzt und welches Unternehmen am Ende das meiste Geld verdient. Doch eine Sache ist bereits heute klar erkennbar. Es fließt sehr viel Kapital in die Infrastruktur, also in Rechenzentren, Chips und die dazugehörige Technik. Diese Ausgaben sind vergleichsweise gut planbar. Sie hängen weniger an kurzfristigen Modeerscheinungen als an handfesten Bauplänen.

Für Anleger ergibt sich daraus ein interessanter Vorteil. Die Zulieferer der KI-Infrastruktur reagieren weniger empfindlich auf Zinsen und die allgemeine Konjunktur. Ihre Auftragsbücher füllen sich, weil die nächste Generation von Chips gebaut werden muss, unabhängig davon, ob die Weltwirtschaft gerade etwas langsamer wächst. Es ist eine Art Wettrüsten um die Technologieführerschaft entstanden. Kein großer Akteur kann es sich leisten, hier zu sparen.

Besonders spannend wird es in den engen Nischen der Halbleiter-Wertschöpfungskette. Die Chips werden immer kleiner. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an ihre Reinheit und Präzision. Die Zahl der Firmen, die auf höchstem Niveau liefern können, wird dadurch immer kleiner. Genau hier entstehen kleine Oligopole, also Märkte mit nur wenigen Anbietern. Solche Firmen besitzen oft eine erstaunliche Preismacht, die von der breiten Masse der Anleger noch unterschätzt wird.

Wo die nächste Generation der KI-Chips ansetzt

Ein konkretes Beispiel zeigt, wie tief dieser Wandel greift. Die kommende Chip-Generation, deren Auslieferung ab 2027 erwartet wird, stellt die Rechenzentren vor ein völlig neues Problem bei der Stromversorgung. Bisher liefen die Server-Schränke mit vergleichsweise niedriger Spannung. Die neuen Systeme verlangen eine Architektur mit 800 Volt Gleichstrom. Der Vollbetrieb dieser 800-Volt-Rechenzentren soll zeitgleich mit den entsprechenden Systemen im Jahr 2027 anlaufen.

Diese hohe Spannung ist kein technisches Detail am Rande. Sie erfordert eine sehr spezialisierte Leistungssteuerung. Nur wenige Unternehmen beherrschen die Kontrolle solcher Spannungen. Der deutsche Halbleiterkonzern Infineon zählt zu diesen Spezialisten und gehört zu den bestätigten Zulieferern für die neue Architektur. Für diese Firmen bedeutet der Umbau der Rechenzentren einen planbaren Nachfrageschub über Jahre hinweg.

Ähnliches gilt für andere Engpässe in der Fertigung. Die neuen Chips packen Milliarden mikroskopisch kleiner Bauteile auf engsten Raum. Das verlangt extrem reines Silizium, damit der Stromfluss ungestört bleibt. Die Herstellung perfekt flacher Halbleiterscheiben mit der richtigen Konsistenz ist eine Kunst für sich. Weltweit gibt es nur eine Handvoll Firmen, die das leisten können. Hinzu kommt ein wachsender Bedarf an Speicherchips, der bereits heute zu Engpässen führt und weitere Investitionen erzwingt.

Der Charme der spezialisierten KI-Ausrüster

Auch innerhalb der Reinräume, in denen Chips gefertigt werden, verbergen sich lohnende Nischen. Die großen Anlagenbauer sind bekannt und ihre Aktien meist teuer. Doch für die Fertigung braucht es auch hochspezialisierte Transportsysteme, die die Halbleiterscheiben durch die Produktion bewegen. Solche Bauteile klingen unscheinbar. Sie sind jedoch unverzichtbar. Wer sie liefert, sitzt an einer Schlüsselstelle des gesamten Prozesses.

Ein weiterer Punkt macht diese Zulieferer attraktiv. Nach dem Chip-Boom der vergangenen Jahre haben viele von ihnen kräftig in ihre Kapazitäten investiert. Sie können nun in diese Kapazitäten hineinwachsen, ohne sofort erneut viel Geld ausgeben zu müssen. Fachleute sprechen vom operativen Hebel. Steigt der Umsatz, wachsen die Gewinne überproportional, weil die Fixkosten bereits gedeckt sind. Zugleich verschiebt sich das Produktangebot hin zu teureren, höherwertigen Komponenten. Beides zusammen kann die Margen deutlich verbessern.

Die Sichtbarkeit für Anleger verbessert sich zudem in den kommenden Monaten. Die neuen Produkte sollen ab Ende dieses Jahres und im Verlauf von 2027 auf den Markt kommen. Die ersten Bestellungen dürften in den nächsten sechs bis zwölf Monaten sichtbar werden. Für geduldige Investoren entsteht so ein seltenes Fenster, in dem sich eine Entwicklung abzeichnet, bevor sie voll eingepreist ist.

Streuung schützt vor dem Irrtum über den Sieger

Bei aller Begeisterung für die Nische bleibt eine Grundregel bestehen. Die eigentlichen Gewinner einer neuen Technologie stehen selten von Anfang an fest. Beim Aufstieg des Internets profitierten am Ende oft nicht jene Firmen am stärksten, die es aufgebaut hatten. Künstliche Intelligenz braucht Strom und Bandbreite. Deshalb könnten auch Versorger und Kommunikationsunternehmen zu den Nutznießern zählen. Sobald die Technologie von der digitalen in die physische Welt übergeht, rücken zudem Hersteller von Industrierobotern und Drohnen in den Blick.

Diese Unsicherheit über den letztlichen Gewinner spricht für eine breite Streuung. Wer sein Kapital über Branchen, Regionen und Unternehmensgrößen verteilt, senkt das Risiko eines einzelnen Fehlgriffs. Historisch hat eine breite Streuung die Erträge oft nicht geschmälert, sondern sogar erhöht. Gerade in einem Markt, der stark von wenigen großen Namen dominiert wird, lohnt es sich, bewusst gegen diese Konzentration anzugehen.

Fazit: Wer eine Ebene tiefer schaut, findet Firmen mit Preismacht, planbaren Aufträgen und unterschätztem Gewinnpotenzial. Gerade jetzt, da die Korrektur die Nerven vieler Anleger strapaziert, verdient die zweite Reihe des Booms Ihre Aufmerksamkeit.

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