Zinsschock erfasst die Aktienmärkte: Anleiherenditen auf höchstem Niveau seit 2007

Höhere Realzinsen setzen Aktien unter Druck; Secunet und LPKF steigen nach Meldungen zu möglichen Aufträgen.

Auf einen Blick:
  • Zehnjährige US-Rendite bei knapp 5,11 Prozent
  • DAX verliert 0,66 Prozent, MDAX rund 1 Prozent
  • Secunet profitiert von berichteter Bundeswehr-Modernisierung
  • LPKF steigt nach asiatischer Kaufabsichtserklärung

Der Donnerstag steht im Zeichen der Anleihemärkte. Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen sprang am Mittwoch auf den höchsten Stand seit 2007, am Donnerstagmorgen lag sie bei knapp 5,11 %. Auch fünfjährige US-Papiere rentierten erstmals seit 19 Jahren über der Marke von 5 %. Die Aktienmärkte bekamen diese Entwicklung binnen weniger Stunden zu spüren.

DAX scheitert erneut an wichtigen Marken

Der DAX schloss mit einem Minus von 0,66 % ein. Bereits am Vortag war der Index an der 50-Tage-Linie gescheitert, für eine Erholung fehlte zuletzt die Kraft. Auch der MDAX verlor rund 1 %. Im September summiert sich damit ein spürbares Minus im DAX. Angesichts der Gemengelage aus steigenden Anleiherenditen, hohen Inflationsraten, Spekulationen über weitere Zinsschritte und dem anhaltenden Konflikt im Nahen Osten, der die Ölpreise immer wieder antreibt, lässt sich dieser Rückgang aber auch als vergleichsweise moderate Reaktion einordnen.

Charttechnisch bleibt die Lage im DAX angespannt: Der Index läuft erneut auf die 100-Tage-Linie zu. Ein Rutsch darunter würde als ernsthaftes Warnsignal für den weiteren Jahresverlauf gewertet.

Secunet und LPKF sorgen für Kursfeuerwerk im SDAX

Für Aufsehen sorgten am deutschen Nebenwertemarkt gleich zwei Meldungen. Die Aktie von Secunet schoss deutlich nach oben, nachdem die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hatte, die Bundesregierung wolle die Kommunikationsnetze der Bundeswehr mit neuer Verschlüsselungstechnik modernisieren und deshalb einen Rahmenvertrag an Secunet vergeben haben soll. Ein solcher Rahmenvertrag berechtigt das Unternehmen zunächst nur zur Lieferung – tatsächlich verdient Secunet erst, wenn der Bund die Leistungen abruft, was sich erfahrungsgemäß über einen längeren Zeitraum hinzieht. Für die Aktie spricht das wachsende Budget des Bundes für Verteidigung und IT-Sicherheit, allerdings nimmt das deutliche Kursplus bereits einiges an künftiger Entwicklung vorweg.

Ebenfalls deutlich zulegen konnte LPKF: Die Aktie des Laserspezialisten legte kräftig zu, nachdem ein asiatischer Kunde eine Absichtserklärung zum Kauf des LIDE-Glasbearbeitungssystems abgegeben hatte. Hintergrund ist der zunehmende Einsatz von Glas in modernen Chip-Gehäusen, das extrem feine Bohrungen erfordert – genau dafür liefert LPKF seine Anlagen. Der Name des Kunden wurde nicht genannt, es soll sich um einen namhaften Spezialisten für Advanced Packaging handeln. Auch hier gilt: Die Kursreaktion nimmt eine Entwicklung vorweg, die sich erst in kommenden Quartalen oder Jahren bilanziell niederschlagen dürfte.

Wall Street im Minus, Ölpreis als Belastungsfaktor

In New York schloss der Dow Jones Industrial 0,68 % tiefer, der S&P 500 gab 0,75 % ab und der Nasdaq 100 verlor 0,85 %. Bei Technologiewerten bewegt sich der Markt weiterhin nahe Rekordniveaus, sodass schwächere Handelstage nicht überraschen. Zusätzlichen Druck erzeugte der Ölpreis: Die Nordseesorte Brent zog deutlich an, nachdem ein Frachtschiff in der Straße von Hormus angegriffen wurde. Konstruktive Gespräche zwischen den USA und dem Iran am Rande der UN-Generalversammlung konnten daran wenig ändern. Für den Donnerstag wird mit weiteren moderaten Verlusten gerechnet.

Rentenmarkt erlebt einen der schwächsten Tage seit über einem Jahr

Der amerikanische Anleihemarkt verzeichnete einen der schlechtesten Handelstage seit mehr als einem Jahr. Auslöser waren ein deutlich stärker als erwartet ausgefallener Einkaufsmanagerindex für die USA, der steigende Ölpreis sowie eine schwach nachgefragte Auktion fünfjähriger US-Staatsanleihen über 70 Milliarden Dollar, bei der das Finanzministerium die höchste Rendite seit 2006 bieten musste.

Die Zinserwartungen haben sich entsprechend verschoben: Die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Zinsanhebung um einen Viertelpunkt bei der Fed-Sitzung im Oktober ist deutlich gestiegen. Am Swapmarkt sind mittlerweile drei Zinsschritte binnen zwölf Monaten eingepreist.

Der Renditeanstieg ist kein rein amerikanisches Phänomen: Ein globaler Index für Staatsanleihen kletterte um 8 Basispunkte auf 3,99 % – ebenfalls ein Niveau von 2007. In Japan stieg die zehnjährige Rendite auf 3,04 %, den höchsten Stand seit 30 Jahren. Auch in Europa zogen die Renditen an, die zehnjährige deutsche Bundesanleihe rentiert derzeit bei rund 3,5 %.

Anderer Zinsanstieg als 2022

Entscheidend für die Bewertung der Aktienmärkte ist die Ursache des Renditeanstiegs. Eine Anleiherendite setzt sich aus erwarteter Inflation und Realzins zusammen – der gesamte Anstieg der vergangenen Tage geht auf den Realzins zurück. Der Markt traut der US-Wirtschaft demnach mehr Wachstum zu, während das Vertrauen in die Inflationsbekämpfung intakt bleibt. Damit unterscheidet sich die aktuelle Situation qualitativ vom Zinsschock 2022, als ein Inflationsschock die Notenbanken zu einer Notbremsung zwang. Für die Unternehmensgewinne ist ein wachstumsgetriebener Zinsanstieg grundsätzlich eine bessere Ausgangslage.

Für die Aktienbewertung bleibt es dennoch anspruchsvoll: Bei rund 5 % Rendite auf risikofreie Staatsanleihen müssen Aktien eine überzeugende Wachstumsgeschichte liefern, um im Vergleich zu bestehen. Unter Druck stehen zinsempfindliche Sektoren wie Versorger und Immobilien sowie Gold, das keine laufenden Erträge abwirft – wenngleich Gold als strategisches Asset zur Wertbewahrung weiterhin in ein ausgewogenes Depot gehört. Besonders gefährdet sind hochverschuldete Unternehmen, Immobilienwerte mit hohem Fremdkapitalanteil sowie Staaten mit angespannten Haushalten wie Frankreich, Italien und Griechenland.

Zollstreit zwischen USA und China entschärft

Beim Staatsbesuch von Xi Jinping in Washington gab es bereits vor Beginn der eigentlichen Gespräche eine handfeste Nachricht: US-Finanzminister Scott Bessent erklärte, man habe sich auf eine Verlängerung des sogenannten Busan-Abkommens verständigt. Die bis zum 10. November ausgesetzten Zölle auf chinesische Importe sollen nun bis zum 10. Januar aufgeschoben bleiben. Ohne diese Einigung hätte China nach eigener Ankündigung seine Exportkontrollen bei seltenen Erden ausgeweitet – ein Thema mit hoher Relevanz für europäische Industrien, da seltene Erden unter anderem in Elektromotoren, Windkraftanlagen und Rüstungselektronik verbaut werden. Der Westen versucht zwar, das bestehende Versorgungsdefizit aufzuholen, liegt hier aber weiterhin deutlich hinter China zurück. Investoren richten ihren Blick nun auf mögliche Gegengeschäfte bei Agrarprodukten, Flüssigerdgas und Boeing-Flugzeugen sowie auf heikle Themen wie Taiwan oder chinesische Autobauer in den USA.

Quantencomputer-Aktien trotzen dem schwachen Techtag

Gegen den allgemein negativen Trend bei Technologiewerten legten Quantencomputer-Aktien zu. IonQ legte deutlich zu, befeuert vom Quantum World Congress in Maryland. Das Unternehmen teilte mit, dass sein System „Superion 256“ als erste Maschine im neuen Quanten-Forschungszentrum von Nvidia installiert wird, wo es als Spezialprozessor neben einem Cluster aus Nvidia-Grafikchips arbeiten soll. Die Branche profitiert zudem von politischem Rückenwind, etwa durch eine Zusage des US-Handelsministeriums über 2 Milliarden Dollar. IonQ hat zuletzt seine Umsatzprognose auf 285 Millionen Dollar angehoben.

Nebenwerte zwischen Zinsdruck und Übernahmefantasie

Nach einem Jahrzehnt, in dem große Standardwerte den Markt dominierten, hatte der Russell 2000 im vergangenen Jahr zeitweise eine Outperformance von 14 % gegenüber dem S&P 500 erzielt. Zuletzt hat sich dieser Vorsprung wieder eingeebnet: Über die vergangenen drei Monate verlor der Russell 2000 knapp 4 %, während der S&P 500 4 % zulegte. Kleinere Unternehmen sind tendenziell höher verschuldet und finanzieren sich häufiger variabel, weshalb steigende Zinsen direkt auf die Gewinn- und Verlustrechnung durchschlagen. Fundamental sprechen die Zahlen dennoch für das Segment: Das Gewinnwachstum je Aktie lag im Russell 2000 im zweiten Quartal 2026 bei rund 43 %.

Ein aktuelles Beispiel für Übernahmeaktivität im Nebenwertesektor liefert der französische Elektrokonzern Schneider Electric: Er will die bulgarische Shelley Group übernehmen und bietet 70 Euro je Aktie in bar. Shelley, Anbieter vernetzter Geräte für den Haushalt, gehört zum SDAX. Das Muster ist bekannt: Erreicht ein kleineres Unternehmen eine gewisse Größe oder reift eine Technologie zur Marktfähigkeit, greifen größere Konzerne häufig lieber zur Übernahme als zur eigenen Entwicklung. Übernahmeprämien bei Nebenwerten bewegen sich häufig zwischen 30 % und 35 %. Für Anleger ist das eine zweischneidige Angelegenheit: Einerseits eröffnet sich eine zusätzliche Renditequelle, andererseits endet mit der Übernahme die eigenständige Investmentgeschichte des Unternehmens.

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