Zinshoffnung treibt Wall Street an – Nvidia bleibt trotz starker Zahlen zurück

Zinssenkungshoffnungen treiben US-Börsen an, während Nvidia trotz starker Geschäftszahlen hinter Wettbewerbern zurückbleibt. Auch die EU plant neue Impulse für den Aktienmarkt.

Auf einen Blick:
  • Schwache Erzeugerpreise beflügeln Zinssenkungsfantasie
  • Sandisk-Aktie springt nach Investorentag um 14 Prozent
  • Cisco und Coherent trotz guter Zahlen unter Druck
  • SEC plant Regeln für rund-um-die-Uhr-Handel

Die Börsenwoche endet mit spürbarem Rückenwind, nachdem zuvor eher eine abwartende Stimmung vorherrschte. Seit dem Vorabend beschäftigt die Anleger an der Wall Street vor allem ein Thema: die Zinsen. Die Hoffnung, dass die US-Notenbank im September die Zinsen senken könnte, hat die Stimmung gedreht und vor allem Technologiewerte beflügelt.

Schwächere Erzeugerpreise beflügeln die Zinsfantasie

Auslöser war die Veröffentlichung der US-Erzeugerpreise für Juli, die schwächer ausfielen als befürchtet. Für die Börse war das eine Erleichterung, denn schwächer steigende Preise nehmen Druck von der Notenbank. Sowohl bei den Verbraucherpreisen als auch bei den Erzeugerpreisen gab es zuletzt leichte Rückgänge. Gleichzeitig halten die Marktrenditen das Zinsniveau hoch und wirken bremsend – ein Umstand, den der neue Notenbankchef explizit als Hilfsmittel benannt hat. Hinzu kommt ein Arbeitsmarkt, der sich zuletzt überraschend schwach zeigte. All das nährt Spekulationen auf eine Lockerung der Zinsschraube.

Der breite Markt legte entsprechend zu. Beim S&P 500 deutete sich in den vergangenen Tagen eine Top-Bildung nach dem kräftigen Sprung der Vorwoche an. Mit dem jüngsten Handelstag sieht es danach aus, als sei diese Konsolidierung auf hohem Niveau abgeschlossen – getragen von einem kräftigen Plus einzelner Unternehmen.

Speicherwerte im Fokus, Cisco und Coherent enttäuschen trotz guter Zahlen

Auffälligster Gewinner war Sandisk. Der Speicherhersteller sprang um 14 Prozent nach oben, ausgelöst durch einen Investorentag mit ehrgeizigen Zielen für die Jahre 2028 bis 2030 – das Unternehmen stellt ein jährliches Umsatzwachstum im mittleren bis hohen 10-Prozent-Bereich in Aussicht. Auch Micron legte um gut 4 Prozent zu, nach einem Plus von fast 5 Prozent am Vortag. Damit steht der Titel im laufenden Jahr bei einem Kursgewinn von rund 190 Prozent.

Dass gute Zahlen nicht automatisch zu steigenden Kursen führen, zeigte Cisco Systems. Der Netzwerkausrüster übertraf bei Umsatz und Gewinn die Erwartungen, die Aktie fiel dennoch um über 8 Prozent. Grund war eine im Jahresvergleich rückläufige Bruttomarge, die von vielen Marktteilnehmern als Warnsignal gewertet wurde. Ähnlich erging es Coherent, einem Hersteller optischer Netzwerktechnik: Trotz guter Zahlen verlor die Aktie 8 Prozent, nachdem ein Wettbewerber zuvor die Erwartungen stark angehoben hatte. Dass Anleger derzeit gezielt nach Schwachstellen suchen statt unterschiedslos zu kaufen, lässt sich durchaus als positives Signal für die Marktreife lesen.

In Deutschland eröffnete der DAX heute freundlich und bewegte sich im Schlepptau der globalen Zinshoffnungen, wenngleich sich nach dem Großteil der Berichtssaison gewisse Abkühlungserscheinungen zeigen.

Rund-um-die-Uhr-Handel: SEC prüft neue Krypto-Regeln

Am Markt wird derzeit intensiv über die Zukunft des Aktienhandels diskutiert: Was, wenn Aktien nicht nur während der Börsenzeiten, sondern rund um die Uhr, sieben Tage die Woche, gehandelt werden könnten? Getrieben durch die Blockchain-Technologie rückt dieses Szenario in den USA näher. Die amerikanische Börsenaufsicht SEC bereitet Berichten zufolge neue Vorschläge im Kryptobereich vor. Eine für diese Woche angesetzte öffentliche Sitzung wurde kurzfristig auf einen unbestimmten Termin verschoben – ein Hinweis darauf, dass man sich im zuständigen Gremium noch nicht einig ist.

Im Kern geht es um zwei Ansätze: Erstens sollen Kryptofirmen künftig leichter Kapital über Tokenverkäufe einsammeln können. Zweitens arbeitet die SEC an einer sogenannten Innovationsausnahme, die es ermöglichen soll, reale Vermögenswerte wie Aktien auf die Blockchain zu bringen. Der SEC-Vorsitzende hatte bereits im Frühjahr angekündigt, einen Rahmen für den regelkonformen Handel tokenisierter Wertpapiere schaffen zu wollen. Für Anleger wäre der Vorteil handfest: Während beim klassischen Aktienhandel in der Regel ein Geschäftstag bis zur Abwicklung vergeht, könnte ein tokenisierter Handel theoretisch sofort gerichtsfest abgeschlossen werden. In Kombination mit Stablecoins würde damit eine zentrale Hürde für einen echten Rund-um-die-Uhr-Handel fallen.

Nvidia: Starke Zahlen, schwacher Kurs – ein Rätsel

Ein besonderes Augenmerk verdient Nvidia, eine Aktie, die wie keine andere für KI und Halbleiter steht, bei der Kursentwicklung im Branchenvergleich zuletzt aber enttäuschte. Der Kurs hat sich zuletzt kräftig nach oben entwickelt, der kurzfristige Abwärtstrend wurde gebrochen, die Aktie kletterte über ihre wichtigen gleitenden Durchschnitte. Aktuell notiert sie bei rund 225 Dollar, in Reichweite des Jahreshochs von etwa 240 Dollar.

Der Widerspruch: Auf Sicht von zwölf Monaten hat Nvidia deutlich weniger zugelegt als der Wettbewerb. AMD gewann im selben Zeitraum rund 175 Prozent, Micron mehr als 600 Prozent. Damit ist das nach eigener Einschätzung profitabelste Chip-Geschäft der Branche binnen eines Jahres der schwächste Wert im Wettbewerbsumfeld – obwohl operativ nichts schiefgelaufen ist. Im ersten Quartal steigerte Nvidia den Umsatz um 85 Prozent, der Nettogewinn legte um über 200 Prozent zu, das Rechenzentrumsgeschäft wuchs um 92 Prozent. Für das laufende zweite Quartal stellt das Management einen Umsatz von rund 91 Milliarden Dollar in Aussicht. Seit vier Quartalen in Folge hat Nvidia die eigene Prognose übertroffen. Bei der nächsten Zahlenvorlage am 26. August dürfte es weniger um die Erreichung der Prognose gehen als um die Frage, wie deutlich sie übertroffen wird.

Ein Erklärungsansatz für den Bewertungsabschlag liegt im Detail der Bilanz: Nvidia wird derzeit mit dem 23-fachen des für das kommende Jahr erwarteten Gewinns bewertet – ein deutlicher Abschlag gegenüber dem Sektor-Median und dem eigenen 5-Jahres-Durchschnitt. Das Unternehmen hält Beteiligungen an anderen Unternehmen. Allein in einem Quartal flossen mehr als 18 Milliarden Dollar in private Beteiligungen an KI-Firmen, die zugleich Kunden von Nvidia sind. Diese Beteiligungen erzeugten im vergangenen Quartal Buchgewinne von knapp 16 Milliarden Dollar. Nach den geltenden Bilanzregeln müssen solche Beteiligungen quartalsweise neu bewertet werden – der Gewinn landet in der Bilanz, obwohl nichts verkauft wurde und kein Geld geflossen ist. Diese 16 Milliarden Dollar erklären einen Großteil der Differenz zwischen dem ausgewiesenen und dem bereinigten operativen Gewinn: Rund ein Fünftel des Gewinns stammt somit nicht aus dem Chipgeschäft, sondern aus Neubewertungen. Rechnet man auf Basis des operativen Gewinns, schrumpft der vermeintliche Bewertungsabschlag deutlich.

Als entscheidende operative Werttreiber gelten drei Punkte: das Wachstum jenes Geschäftsbereichs, der Kunden jenseits der großen Cloud-Konzerne abdeckt, das neue Geschäft mit einem eigens für KI-Anwendungen entwickelten Hauptprozessor, für den das Management eine Umsatzsichtbarkeit von rund 20 Milliarden Dollar in Aussicht gestellt hat, sowie die Bruttomarge, die vom Management bei 75 Prozent erwartet wird.

Ein Risikofaktor bleiben die Zinsen: Nur einen Tag nach der nächsten Nvidia-Zahlenvorlage treffen sich die Notenbanker in Jackson Hole. Steigen die Zinserwartungen, würde das rechnerisch den Wert der Beteiligungen drücken – mit direkter Auswirkung auf den ausgewiesenen Gewinn. Zudem finanzieren viele KI-Kunden ihren Ausbau mit frischem Kapital, das empfindlich auf Zinsen reagiert. Nvidia versucht gegenzusteuern und hat gemeinsam mit Wall-Street-Banken einen 500-Milliarden-Dollar-Fonds für Kredite aufgesetzt, die mit Chip-Lagerbeständen abgesichert sind.

Brüssel will Europas Ersparnisse mobilisieren

Während viele Anleger auf die Wall Street blicken, tut sich auch in Europa etwas: Auf europäischen Bankkonten liegen rund 11 Billionen Euro, weitgehend unverzinst geparkt. Die EU will dieses Kapital verstärkt in die Aktienmärkte lenken. Europäer halten derzeit weniger als 10 Prozent ihres Finanzvermögens in direkt gehaltenen Aktien, in den USA liegt dieser Anteil bei rund einem Viertel. Brüssel wirbt deshalb für neue, teils steuerlich begünstigte Investmentkonten – nicht nur im Interesse der Sparer, sondern auch als Antwort auf die Frage, wie Europas Wirtschaft künftig finanziert werden soll.

Gleichzeitig gibt es gegenläufige Entwicklungen auf nationaler Ebene: In den Niederlanden gab es einen Vorstoß für eine Steuer von 36 Prozent auf Kursgewinne, die auch reine Buchgewinne erfassen soll. Lettland hat die Steuer auf Kapitalerträge angehoben, Rumänien die Steuer auf Dividenden. Ein früherer französischer Notenbankchef brachte den Widerspruch auf den Punkt: Man spreche von einem einheitlichen Kapitalmarkt, organisiere in der Praxis aber weiterhin den Abfluss von Kapital.

Ein boomender europäischer Aktienmarkt ist zudem kein Beleg für eine florierende Wirtschaft. Am Beispiel DAX zeigt sich, dass ein großer Teil der dort gelisteten Unternehmen sein Geld im Ausland verdient – der Aktienmarkt war deshalb nie ein besonders verlässlicher Spiegel der heimischen Wirtschaftslage. Der globale Erfolg der europäischen Konzerne überdeckt eine schleichende Stagnation: Die Wachstumsrate der europäischen Wirtschaft lag zuletzt bei etwa 1 Prozent.

Wie belastbar dieses Modell des importierten Wachstums ist, wird sich zeigen, sollten die globalen Rahmenbedingungen sich eintrüben. Seit die USA ihre Zollrunden angekündigt haben, entwickeln sich europäische Aktien mit Fokus auf das Heimatgeschäft bereits besser als ihre global ausgerichteten Pendants – ein Indiz dafür, dass diese Sorge am Markt durchaus ernst genommen wird.

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