Zinsen oben, Kurse unten – Amerika läuft in die Stagflationsfalle

Die US-Wirtschaft zeigt Anzeichen von Stagflation mit verlangsamten Wachstum und anhaltender Inflation. Die Fed hält die Zinsen hoch, während der S&P 500 wichtige technische Unterstützung verliert.

Auf einen Blick:
  • S&P 500 fällt unter 200-Tage-Linie
  • Fed hält Leitzinsen stabil bei 3,5-3,75%
  • Inflationsprognose für 2026 nach oben korrigiert
  • Arbeitsmarktdaten lösen Sahm-Rezessionsregel aus

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

manchmal verdichten sich Ereignisse innerhalb weniger Tage zu einem Bild, das größer ist als die Summe seiner Teile. Diese Woche war so eine. Am Mittwoch tagte die amerikanische Notenbank. Am Donnerstag rutschte der S&P 500 deutlich unter seine 200-Tage-Linie. Und am Samstag hielt Jerome Powell eine Rede, die weit über eine Preisverleihung hinausging. Wer diese drei Ereignisse zusammenliest, versteht, in welchem Umfeld Anleger derzeit agieren.

Die 200-Tage-Linie ist gefallen

Beginnen wir mit dem S&P 500, denn er zeigt am klarsten, was sich verändert hat. Der wichtigste US-Index schloss am Freitag bei rund 6.506 Punkten. Der 200-Tage-Durchschnitt liegt bei 6.622 Punkten. Der Index notiert also nicht mehr an dieser vielbeachteten Unterstützung, er liegt bereits darunter. Das ist eine andere Ausgangslage als noch wenige Wochen zuvor, als viele Beobachter hofften, der Markt könne sich dort stabilisieren.

Der gleitende 50-Tage-Durchschnitt bei 6.858 Punkten rückt in weite Ferne. Zwischen dem aktuellen Kurs und dem Allzeithoch liegen inzwischen mehrere hundert Punkte. Das ist kein kurzfristiges Rauschen mehr. Wenn ein Index, der monatelang einen stabilen Aufwärtstrend zeigte, die 200-Tage-Linie nach unten durchbricht, ist das ein technisches Signal, das institutionelle Anleger nicht ignorieren. Viele Modelle, die auf diesem Niveau automatisch Absicherungen aktivieren, werden nun ausgelöst.

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, wie ernst dieses Signal zu nehmen ist. In den zwölf Monaten nach einem nachhaltigen Bruch der 200-Tage-Linie verlor der S&P 500 im historischen Durchschnitt weitere zweistellige Prozentwerte, vorausgesetzt, eine Rezession folgte tatsächlich. Blieb sie aus, erholte sich der Index meist innerhalb weniger Monate. Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob die Linie gefallen ist, sondern ob die Wirtschaft hinter den Kursrückgängen folgt.

Die Fed: Zinsen unverändert, Inflationsprognose angehoben

Am Mittwoch dieser Woche traf sich der Offenmarktausschuss der Federal Reserve. Das Ergebnis: Die Leitzinsen bleiben in der Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Die Abstimmung fiel mit elf zu eins aus. Lediglich ein Mitglied votierte für eine Senkung um einen Viertelprozentpunkt.

Wichtiger als der Beschluss selbst war, was die Notenbank in ihren aktualisierten Projektionen mitteilte. Die Inflationsprognose für 2026 wurde auf 2,7 Prozent angehoben nach zuvor 2,4 Prozent. Auch die Kernrate, die volatile Energie- und Nahrungsmittelpreise ausschließt, wurde auf 2,7 Prozent nach oben korrigiert. Das Zwei-Prozent-Ziel der Fed rückt damit weiter in die Ferne.

Powell machte auf der anschließenden Pressekonferenz unmissverständlich klar, welche Bedingungen eine Zinssenkung erfordern würde. Erst wenn die Inflation wieder spürbar zurückgehe, sei Spielraum für Lockerungen. Bis dahin gelte: abwarten. Gleichzeitig räumte er ein, dass der Ausschuss erneut die Möglichkeit einer Zinserhöhung diskutiert habe. Als Basisszenario gilt das zwar nicht, aber allein die Tatsache, dass diese Option debattiert wird, zeigt, wie eng der Handlungsspielraum ist.

Öl, Iran und die Stagflationsfalle

Der Hintergrund dieser Gemengelage ist bekannt, aber in seiner Wirkung nicht zu unterschätzen. Seit dem Beginn der US-israelischen Militäroperationen gegen Iran Ende Februar sind die globalen Ölpreise deutlich gestiegen. Das trifft die Wirtschaft auf zwei Seiten gleichzeitig: höhere Energie- und Transportkosten dämpfen das Wachstum, treiben aber gleichzeitig die Verbraucherpreise. Eine Kombination, die Notenbanker fürchten wie kaum eine andere.

Powell sagte dazu, es sei noch zu früh, um die wirtschaftlichen Folgen des Krieges verlässlich zu beurteilen. Was Zentralbanker üblicherweise bei temporären Energiepreisschocks täten – nämlich wegschauen und abwarten –, sei diesmal schwieriger. Denn die amerikanische Inflation liegt bereits seit fünf Jahren über dem Zwei-Prozent-Ziel. Das Vertrauen der Öffentlichkeit in eine dauerhaft niedrige Inflation ist fragiler als vor einem Jahrzehnt.

Gleichzeitig zeigt sich der Arbeitsmarkt zunehmend anfällig. Der Beschäftigungsbericht für Februar wies einen Rückgang von rund 92.000 Stellen aus. Die Sahm-Regel, ein über 60 Jahre hinweg verlässlicher Frühindikator für Rezessionen, wurde damit ausgelöst. Das reale BIP-Wachstum lag im vierten Quartal 2025 bei lediglich 0,7 Prozent, nach 4,4 Prozent im Vorquartal. Die Wirtschaft verlangsamt sich, die Inflation bleibt hartnäckig. Genau das ist das Szenario, das Ökonomen mit dem Begriff Stagflation beschreiben.

Powells Botschaft: Unabhängigkeit als Programm

Vor diesem Hintergrund erhielt Jerome Powell am Samstag, nur drei Tage nach der Sitzung, den Paul Volcker Public Integrity Award. Seine Dankesrede war keine routinemäßige Lobrede auf einen verstorbenen Kollegen. Sie war ein Statement.

Powell beschrieb Volcker als möglicherweise bedeutendsten Staatsdiener auf wirtschaftlichem Gebiet. Volcker hatte in den frühen 1980er-Jahren die Zinsen auf Rekordhöhen getrieben, um eine zweistellige Inflation zu brechen. Er zog sich damit den offenen Widerstand aus dem Kongress und dem Weißen Haus zu. Er hielt durch. Die Inflation brach. Powell zog die direkte Linie: Unabhängigkeit und Integrität seien untrennbar. Am Ende seiner Rede fasste er zusammen: „Unsere Integrität ist alles, was wir haben.“

Die Worte galten sichtlich nicht nur der Vergangenheit. Präsident Trump hatte die Fed in dieser Woche erneut öffentlich zu Zinssenkungen aufgefordert. Gleichzeitig läuft gegen Powell eine strafrechtliche Untersuchung des Justizministeriums, die Powell selbst als politisch motiviert bezeichnet. Ein Bundesrichter wies die entsprechenden Vorladungen vergangene Woche zurück – die Staatsanwaltschaft kündigte Berufung an. Powells designierter Nachfolger Kevin Warsh steckt im Senat fest, weil ein republikanischer Senator die Bestätigung blockiert, solange die Ermittlungen laufen. Powell hat angekündigt, übergangsweise im Amt zu bleiben.

Was Anleger daraus mitnehmen

Die Lage ist komplex, aber nicht unlesbar. Der S&P 500 hat technisch wichtigen Boden verloren. Die Notenbank kann angesichts hartnäckiger Inflation nicht zu Hilfe eilen. Der Arbeitsmarkt sendet Warnsignale. Und der geopolitische Schock durch den Iran-Krieg macht Prognosen schwieriger.

In einem solchen Umfeld zahlt sich Vorsicht aus. Branchen mit stabilen Erträgen, solider Bilanz und geringer Abhängigkeit von Konjunkturzyklen verdienen Aufmerksamkeit. Wachstumstitel mit hohen Bewertungen und sensiblen Cashflows hingegen sind in einer Stagflationsphase strukturell im Nachteil.

Konkret bedeutet das: Versorger, Basiskonsumgüter und Gesundheitsaktien haben in vergleichbaren Phasen historisch besser abgeschnitten als der breite Markt. Auch Unternehmen mit hohem Anteil an Inlandsumsätzen und geringer Importabhängigkeit dürften sich robuster behaupten, sollte der Iran-Konflikt die globalen Lieferketten weiter belasten. Wer sein Portfolio noch nicht auf diese Verschiebung hin überprüft hat, findet jetzt einen guten Anlass. Das ist keine Panikreaktion, es ist nüchterne Lageeinschätzung.

WTI Crude Oil-Aktie: Kaufen oder verkaufen?! Neue WTI Crude Oil-Analyse vom 22. März liefert die Antwort:

Die neusten WTI Crude Oil-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für WTI Crude Oil-Aktionäre. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 22. März erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

WTI Crude Oil: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Disclaimer

Die auf finanztrends.de angebotenen Beiträge dienen ausschließlich der Information. Die hier angebotenen Beiträge stellen zu keinem Zeitpunkt eine Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlung dar. Sie sind nicht als Zusicherung von Kursentwicklungen der genannten Finanzinstrumente oder als Handlungsaufforderung zu verstehen. Der Erwerb von Wertpapieren ist risikoreich und birgt Risiken, die den Totalverlust des eingesetzten Kapitals bewirken können. Die auf finanztrends.de veröffentlichen Informationen ersetzen keine, auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, fachkundige Anlageberatung. Es wird keinerlei Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit, Angemessenheit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen sowie für Vermögensschäden übernommen. finanztrends.de hat auf die veröffentlichten Inhalte keinen Einfluss und vor Veröffentlichung sämtlicher Beiträge keine Kenntnis über Inhalt und Gegenstand dieser. Die Veröffentlichung der namentlich gekennzeichneten Beiträge erfolgt eigenverantwortlich durch Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen o.ä. Demzufolge kann bezüglich der Inhalte der Beiträge nicht von Anlageinteressen von finanztrends.de und/ oder seinen Mitarbeitern oder Organen zu sprechen sein. Die Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen usw. gehören nicht der Redaktion von finanztrends.de an. Ihre Meinungen spiegeln nicht die Meinungen und Auffassungen von finanztrends.de und deren Mitarbeitern wider. (Ausführlicher Disclaimer)