Zinsdoppelschlag und Ölschock belasten Märkte – Adobe fällt trotz Rekordzahlen, Oracle im Höhenflug

Steigende Renditen, teures Öl und höhere EZB-Zinsen belasten die Börsen, während Oracle mit Cloud-Wachstum überzeugt und Adobe nach Zahlen nachgibt.

Auf einen Blick:
  • DAX unterschreitet seine 50-Tage-Linie
  • Brent erreicht zwischenzeitlich 110 Dollar
  • Adobe steigert KI-Umsatz um über 150 Prozent
  • Oracle meldet 664 Milliarden Dollar Auftragsbestand

DAX und Wall Street rutschen unter wichtige Marken

Der deutsche Aktienmarkt hat einen ungemütlichen Handelstag hinter sich. Der DAX gab um 0,84 % nach, der MDAX der mittelgroßen Werte gab ebenfalls nach. Damit setzt sich die Schwäche fort, die sich bereits über die gesamte Woche angedeutet hatte. Auslöser waren ein Doppelschlag aus der Zinserhöhung der Europäischen Zentralbank und ein erneuter Sprung beim Ölpreis – beide Faktoren nähren die Sorge vor einer hartnäckigen Inflation.

Charttechnisch hat der DAX mit dem jüngsten Rückgang seine 50-Tage-Linie deutlich unterschritten, nachdem er bereits am Vortag kurz darunter gerutscht war. Diese Linie hatte im August noch als Sprungbrett gedient, mit dem der Index seine Rekorde auf über 26.500 Punkte ausbauen konnte. Nun flacht sich auch die 50-Tage-Linie ab, ebenso wie die als nächste Unterstützung geltende 100-Tage-Linie. Der übergeordnete Aufwärtstrend ist zwar noch nicht gebrochen, aber zunehmend fragil. In den kommenden Tagen erscheint ein Test der Zone um 25.000 Punkte möglich. Hält diese Marke, wäre dies als gesunde Korrektur zu werten – reißt sie, dürfte die Luft zum Jahresende hin dünner werden.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in den USA. Der marktbreite S&P 500 verlor knapp 0,6 %, ebenfalls unterhalb seiner 50-Tage-Linie. Auch hier bleibt der Aufwärtstrend intakt, wird aber dünner. Der Dow Jones gab 0,6 % ab, der Nasdaq 100 verlor gut 1 %. Besonders Chip- und Speicherwerte wie Western Digital, Intel und Micron brachen um 4 bis 5 % ein. Der Abgabedruck kam erneut aus China: Der KI-Modellanbieter DeepSeek hatte ein neues Modell vorgestellt, was die Konkurrenzsorgen in der Branche verschärfte.

Anleihemarkt als Taktgeber der Woche

Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen kletterte auf den höchsten Stand seit 2023. Die psychologisch bedeutsame Marke von 5 % rückt damit in greifbare Nähe. Die Rendite der Zehnjährigen gilt als wichtigster Zinssatz der Welt, an dem die Finanzierungskosten von der amerikanischen Baufinanzierung bis zur Aktienbewertung hängen. Im Markt gilt die 5-%-Marke inzwischen als kaum noch vermeidbar. Auch die 30-jährigen Renditen zogen mit. Die zehnjährige deutsche Bundesanleihe rentiert inzwischen auf einem mehrjährigen Höchststand.

Bemerkenswert ist der Versuch des amerikanischen Finanzministeriums, mit einem aufgestockten Rückkaufprogramm gegenzuhalten: Geplant waren Rückkäufe von bis zu 6 Milliarden Dollar, tatsächlich wurden aber nur gut 5 Milliarden Dollar an Anleihen zurückgekauft, da Investoren ihre langlaufenden Papiere nicht abgeben wollten. Für Anleger bedeutet dies, dass das Fundament aus günstigem Geld, auf dem viele Bewertungen der vergangenen Jahre ruhten, ins Wanken gerät.

Ölpreis auf Eskalationskurs im Nahen Osten

Der Ölpreis der Nordseesorte Brent kam zuletzt wieder etwas zurück auf rund 107 Dollar je Fass, hatte zwischenzeitlich aber bereits 110 Dollar erreicht. Er steuert auf den stärksten Wochengewinn seit Juli zu und liegt im Jahresverlauf inzwischen deutlich im Plus. Für Bewertungen, Inflation und eine weiterhin stark von fossilen Brennstoffen abhängige Weltwirtschaft ist das ein erhebliches Belastungsmoment. Ursache ist die Eskalation im Nahen Osten: Die vom Iran unterstützte Houthi-Miliz hat im Jemen die strategisch wichtige Hafenstadt Mokka eingenommen und rückt damit näher an die für den weltweiten Schiffsverkehr bedeutende Meerenge Bab-el-Mandeb heran.

EZB erhöht Zinsen erneut, Fed vor schwieriger Entscheidung

Die Europäische Zentralbank hat gestern den Einlagenzins von 2,25 % auf 2,50 % angehoben – die zweite Erhöhung in diesem Jahr und weitgehend erwartet im Kampf gegen eine hartnäckigere Inflation als bislang angenommen. EZB-Chefin Christine Lagarde bezeichnete den einstimmig gefällten Beschluss als „glasklaren Fall“. Gleichzeitig hob die Notenbank ihre Inflationsprognose für dieses Jahr auf durchschnittlich 3 % an. Die EZB gilt damit inzwischen als der schärfste Zinsfalke unter den großen Notenbanken. An den Terminmärkten werden bis Ende 2027 drei weitere Zinsschritte eingepreist, die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Erhöhung im Oktober ist von 50 % auf 70 % gestiegen.

Auch die US-Notenbank steht am kommenden Mittwoch vor einer wegweisenden Entscheidung. Bereits gestern überraschten die Erzeugerpreise mit einem deutlichen Anstieg, heute stehen die Verbraucherpreise an. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in der kommenden Woche wird am Markt inzwischen mit 70 % veranschlagt.

Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist die Entwicklung des japanischen Yen, der in diesem Monat rund 3 % aufgewertet hat und so stark notiert wie seit Februar nicht mehr. Grund war eine konzertierte Stützungsaktion von Japan und den USA. Die Aufwertung birgt Risiken für sogenannte Carry Trades, bei denen sich Investoren über Jahre günstig in Yen verschuldet haben, um das Kapital etwa in amerikanischen Technologieaktien anzulegen. Steigt der Yen kräftig, verteuert sich die Rückzahlung solcher Kredite – im Extremfall müssen Aktienpositionen verkauft werden, um Liquidität zu beschaffen. Ein solches Auflösen von Carry Trades hatte im Sommer 2024 bereits einen heftigen Kursrutsch ausgelöst.

Adobe verfehlt trotz Rekordzahlen die Gunst der Anleger

Nach Börsenschluss legten mit Adobe und Oracle zwei Schwergewichte aus dem Softwaresektor ihre Quartalszahlen vor. Adobe erzielte im dritten Geschäftsquartal einen Rekordumsatz und lag damit über den Analystenerwartungen, ebenso wie beim Gewinn je Aktie. Der Konzern hob zudem seine Jahresprognose an. Besonders auffällig: Der Umsatz mit KI-Produkten stieg gegenüber dem Vorjahr um mehr als 150 % und widerlegte damit Befürchtungen, die KI-Entwicklung könnte das klassische Geschäft mit Kreativsoftware kannibalisieren.

Trotz dieser starken Zahlen gab die Aktie im nachbörslichen Handel nach. Ein Grund liegt in der hohen Erwartungshaltung: Adobe hatte bereits in 15 der vergangenen 20 Quartale die Analystenschätzungen übertroffen, sodass ein weiterer positiver Bericht am Markt eher mit Achselzucken quittiert wurde. Hinzu kommt eine im September angekündigte Änderung an der Unternehmensspitze.

Oracle wandelt sich zum Investitionsgiganten

Bei Oracle fällt die Marktreaktion anders aus. Der Datenbankkonzern steigerte seinen Umsatz im ersten Geschäftsquartal auf 19,3 Milliarden Dollar, ein Plus von 30 %. Treiber ist das Cloud-Geschäft, in dem Oracle Rechenkapazitäten für KI-Anwendungen vermietet und das um 121 % wuchs. Der Auftragsbestand erreichte mit 664 Milliarden Dollar einen Rekordwert.

Dieses Wachstum hat jedoch seinen Preis: Die Investitionen lagen im vergangenen Quartal bei 28 Milliarden Dollar, für das laufende Geschäftsjahr rechnet Oracle mit bis zu 95 Milliarden Dollar. Der freie Cashflow ist infolgedessen ins Minus gerutscht, Aktienrückkäufe wurden gestoppt und der Konzern hat sich hoch verschuldet. Analysten erwarten frühestens 2030 wieder einen positiven Mittelzufluss. Zusätzlich besteht ein Klumpenrisiko durch einen Großvertrag mit OpenAI. Aus dem einst als eher bieder geltenden Softwarekonzern ist damit ein hungriger Investitionsgigant geworden.

Tesla gegen BYD: Zwei unterschiedliche Wetten

Bei den reinen Auslieferungszahlen ist die Frage nach dem größten Elektroautobauer der Welt entschieden. Im zweiten Quartal 2026 lieferte BYD weltweit 557.090 reine Elektrofahrzeuge aus, Tesla kam auf gut 480.000 – ein Vorsprung von rund 16 % für die Chinesen. Allerdings bedeutet dieser Wert gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang um gut 8 % für BYD, während Tesla im selben Zeitraum rund 25 % zulegte. Der chinesische Hersteller verliert also an Schwung, während der amerikanische Konkurrent sich aus einer Schwächephase zurückkämpft.

Ursache für die BYD-Schwäche ist der brutale Preiskrieg in China, wo rund 100 Marken um Marktanteile kämpfen und der Staat seine Kaufförderung zurückgefahren hat. Im vergangenen Jahr meldete BYD einen Gewinnrückgang von 19 %. Der Ausweg liegt im Export: Im August konnte BYD den Auslandsabsatz mehr als verdoppeln. In Deutschland gewinnt der Hersteller Marktanteile vor allem über niedrige Listenpreise, die häufig mit mehr als 30 % Rabatt angeboten werden.

Tesla wird an der Börse längst nicht mehr primär als klassischer Autobauer bewertet. Im Vordergrund stehen die Wetten auf autonomes Fahren mit dem RoboTaxi und die Robotik rund um den humanoiden Roboter Optimus. Der Konzern soll sich vom Autoverkäufer zu einem Anbieter von Software- und Dienstleistungserlösen entwickeln.

Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate hat die BYD-Aktie rund 24 % verloren, während Tesla ein leichtes Plus verzeichnete. Tesla kommt auf eine Marktkapitalisierung von rund 1,2 Billionen Dollar, BYD auf umgerechnet rund 84 Milliarden Euro. Der Markt bewertet bei Tesla damit vor allem die Option auf eine andere Wachstumszukunft, bei BYD dagegen die harte Realität des Preiskampfes. Wer BYD kauft, erhält einen operativ starken Hersteller zu moderater Bewertung, muss aber den anhaltenden Margendruck in Kauf nehmen. Wer Tesla kauft, bezahlt eine teure Wette auf Robotaxis und Roboter.

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