Sechs Rekordquartale in Folge, ein deutliches Gewinnplus: TSMC, der wichtigste Auftragsfertiger der Chip-Welt, liefert damit das Sinnbild einer Woche, in der selbst glänzende Zahlen im Halbleitersektor nicht mehr ausreichen, um Kurse nach oben zu treiben. Der Halbleitersektor ist in einen Bärenmarkt gerutscht, Anleger flüchten in Staatsanleihen, Gesundheitswerte und Konsumgüter. Die zentrale Frage lautet, ob es sich um den Anfang vom Ende des KI-Booms handelt oder um eine Gelegenheit, die sich im Rückblick als günstiger Einstiegspunkt erweisen könnte.
DAX bleibt gelassen, Chip-Zulieferer unter Druck
Der deutsche Leitindex hat die Turbulenzen der Woche bemerkenswert ruhig weggesteckt. Am Donnerstag schloss der DAX 0,33 Prozent fester und notierte über der Marke von 25.000 Punkten. Der Grund: Im DAX gibt es kaum ausgewiesene KI-Profiteure, und die wenigen vorhandenen haben nur geringes Indexgewicht. Spurlos ging die Woche dennoch nicht vorüber – Infineon verlor am Donnerstag deutlich, auch Siemens Energy und Hochtief, die beide vom Rechenzentren-Boom profitieren, gaben deutlich nach. In der zweiten Reihe traf es Chip-Zulieferer wie Elmos, Jenoptik und Süss MicroTec mit Verlusten zwischen 5 und fast 13 Prozent deutlich härter.
An der Wall Street drehte die Stimmung im Tagesverlauf: Der Nasdaq 100 lag zwischenzeitlich 1,8 Prozent im Minus, schloss am Ende aber praktisch unverändert. Der Dow Jones gewann rund ein Prozent hinzu, getragen von Nike und Home Depot, die nach längerer Durststrecke inzwischen als günstig bewertete Substanzwerte gelten.
Belastend bleibt die Inflation auf beiden Seiten des Atlantiks. In der Eurozone liegt die Teuerung nach vorläufigen Zahlen bei 3,8 Prozent, dem höchsten Stand seit drei Jahren. Die hohen Energiepreise infolge des Kriegs im Nahen Osten schlagen weiter durch, Öl kostet weiterhin mehr als 100 Dollar je Barrel.
Einzeltitel: Aixtron, Nordex und eBay im Fokus
Aixtron steht exemplarisch für die Achterbahnfahrt der Woche: Nach einem Minus von fast 13 Prozent am Donnerstag – einem der größten Verluste im MDAX – zeigte die Aktie am Freitagmorgen eine deutliche Erholung in der Frühindikation. Der Anlagenbauer für die Halbleiterindustrie hat im dritten Quartal deutlich mehr Aufträge eingesammelt als von Analysten erwartet. Da Auftragseingänge als Blick in die Zukunft eines Unternehmens gelten, ist das ein Signal, dass die Nachfrage nach Fertigungsanlagen weiterhin vorhanden ist. Der Kurseinbruch vom Donnerstag hatte demnach wenig mit dem eigenen Geschäft zu tun, sondern war Sippenhaft für den gesamten Sektor. Die Aktie bleibt allerdings schwankungsanfällig und spekulativ.
Noch kräftiger ging es bei Nordex nach oben, der Kurs legte deutlich zu. Der Windanlagenbauer hat sich im dritten Quartal besser entwickelt als erwartet – passend zu einer Woche, in der Anleger gezielt nach Geschichten abseits der KI-Thematik suchen. Die hohen Öl- und Gaspreise verleihen der Energiewende zusätzliche Dringlichkeit. Ein Risiko bleibt jedoch die überwiegende Fremdkapitalfinanzierung von Windparks, die bei steigenden Zinsen bremsend wirken könnte.
In den USA sorgte eBay für Aufsehen: Die Aktie legte um über 5 Prozent zu und erreichte ein neues Rekordhoch. Seit Jahresbeginn steht ein deutliches Plus zu Buche, mehr als beim S&P 500 mit 13 Prozent. Treiber ist ausgerechnet die Inflation: Wenn das Leben teurer wird, greifen mehr Menschen zu Gebrauchtware. Einer eigenen Umfrage des Unternehmens zufolge halten 70 Prozent der Verbraucher weltweit Secondhand-Käufe für wichtig, um ihr Haushaltsbudget im Griff zu behalten.
Wie berechtigt ist der Ausverkauf?
Drei Faktoren haben sich in dieser Woche zu einer Kettenreaktion summiert. Erstens die Inflation: Am Mittwoch zeigten die US-Verbraucherpreise für September einen Anstieg um 0,6 Prozent zum Vormonat, die Jahresrate kletterte von 3,4 auf 3,7 Prozent, auch die Kernrate lag über den Erwartungen. Am Donnerstag folgten die Erzeugerpreise mit einem Sprung von 1,3 Prozent im Monatsvergleich – auf Jahressicht 6,3 Prozent, der höchste Wert seit fast vier Jahren, getrieben vor allem von Benzin und Diesel.
Zweitens die Zinsen: Die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen fiel zuletzt auf gut 5 Prozent. Für Unternehmen, die ihre Expansion mit Schulden finanzieren, bleibt das ein deutliches Warnsignal.
Drittens die Finanzierung: Der Aufbau der KI-Infrastruktur verschlingt hunderte Milliarden Dollar, ein erheblicher Teil davon ist geliehen. Besonders sichtbar wird das bei den sogenannten Neo-Clouds. CoreWeave, ein enger Partner von Nvidia, brach am Mittwoch um über 15 Prozent ein, nachdem die Anleihen des Unternehmens auf ein Niveau gefallen waren, das normalerweise auf finanzielle Schwierigkeiten hindeutet. Die Absicherung gegen einen Zahlungsausfall ist inzwischen so teuer, dass der Markt mit einer hohen Wahrscheinlichkeit für ein Kreditereignis rechnet.
Hinzu kommt eine Studie von Gartner, wonach bis zum Ende des Jahrzehnts KI-Investitionen von mehr als 3,5 Billionen Dollar abschreibungsgefährdet sein könnten. Auch Anthropic legte Zahlen vor: Der Umsatz wuchs deutlich, allerdings langsamer als im Vorquartal, in dem das Wachstum noch dreistellig gewesen war, was als Dämpfer gewertet wird. Der Halbleiterindex Philadelphia Semiconductor liegt inzwischen deutlich unter seinem Rekordhoch vom Juni und damit formal im Bärenmarkt.
Bei den hochverschuldeten Neo-Clouds erscheint die Neubewertung überfällig, ein panischer Ausverkauf über die gesamte Breite des Sektors ist damit aber nicht gerechtfertigt. TSMC hat das sechste Rekordquartal in Folge vorgelegt, der Nettogewinn stieg deutlich, und das Management bezeichnet die Nachfrage nach KI-Chips weiterhin als extrem robust. Die großen Cloud-Konzerne finanzieren ihre Investitionen zudem größtenteils aus dem laufenden Geschäft. Das Finanzierungsproblem betrifft demnach vor allem einen Teil der Branche, während die zugrunde liegende Nachfrage intakt bleibt.
Gewinnmitnahmen vor der Berichtssaison
War der Ausverkauf eine gezielte Gelegenheit, um vor der großen Berichtssaison Kasse zu machen? Eine Absprache gibt es nicht, wohl aber wiederkehrende Marktmechanismen. Micron etwa liegt trotz des jüngsten Rücksetzers seit Jahresbeginn immer noch rund 225 Prozent im Plus – ein Polster, das bei Stimmungswechsel schnell abgesichert wird. Hinzu kommt das Muster „Sell the News“ vor einem dichten Terminkalender: In den kommenden zwei Wochen berichten die großen Cloud-Konzerne, am 27. und 28. Oktober folgt die Sitzung der US-Notenbank, Anfang November stehen die US-Zwischenwahlen an.
Entscheidend für die weitere Richtung dürften die Investitionspläne der großen Cloud-Konzerne bis 2027 sein. Halten oder erhöhen sie ihre Budgets, wäre das ein starkes Signal für die gesamte Lieferkette; kürzen sie, würde es unangenehm. Der Markt hat zuletzt gezeigt, dass gute Zahlen allein nicht immer reichen. Zwei Details stimmen vorsichtig zuversichtlich: Der Chef der US-Notenbank hat zuletzt nichts gesagt, was auf eine Zinserhöhung im Oktober hindeutet, die Wahrscheinlichkeit dafür ist an den Terminmärkten auf unter 15 Prozent gefallen. Zudem zeigt die aktuelle AAII-Umfrage eine deutlich angeschlagene Stimmung bei Privatanlegern – 41,6 Prozent bezeichnen sich als pessimistisch, was bei einer Erholung für Nachholbedarf sorgen könnte.
Rotation in defensive Sektoren
Klassische defensive Bereiche wie Basiskonsumgüter, Gesundheit, Energie und Immobilien haben in den vergangenen sechs Handelstagen deutlich besser abgeschnitten als der S&P 500 oder der Technologiesektor. Konsumgüterwerte wie Coca-Cola und Procter & Gamble legten um 5 Prozent zu, Gesundheitswerte wie UnitedHealth, Gillette und Cardinal Health verbuchten ebenfalls Gewinne. Anders als im Sommer, als es um Zweifel an der KI-Nachfrage ging, steht diesmal das große Ganze im Fokus: Zinsen, Inflation und die Finanzierung des Booms. Solange die Rendite zehnjähriger US-Anleihen um die 5 Prozent verharrt, bleibt die Finanzierung teuer.
Als Profiteure gelten in diesem Umfeld der Gesundheitssektor, der kaum mit dem KI-Zyklus verknüpft ist, Unternehmen, die von der Inflation profitieren oder sie weitergeben können – eBay dient dafür als Beispiel – sowie Europa und speziell Deutschland. Der DAX hat sich mit seiner geringen KI-Gewichtung in dieser Woche als vergleichsweise ruhiger Markt erwiesen.
Gold: Einstieg oder Falle?
Gold war in diesem Jahr alles andere als ein sicherer Hafen. Ende Januar markierte das Edelmetall ein Rekordhoch, seitdem hat es deutlich an Wert verloren. Grund sind die Zinsen: Da Edelmetall keine laufenden Zinserträge abwirft, wirken steigende Marktrenditen als Bremsklotz.
Für einen Einstieg spricht die Unterstützung um 4.000 Dollar, gegen einen schnellen Einstieg das aktuelle Zinsumfeld. Eine volle Position aufzubauen erscheint derzeit wenig ratsam, als Beimischung im Bereich von 5 bis 10 Prozent könnte Gold im Depot aber eine Absicherungsfunktion übernehmen. Wer risikoärmere Alternativen sucht, ist im aktuellen Umfeld im Anleihensektor besser aufgehoben.
Fazit
Die Neubewertung im KI-Sektor erscheint überfällig gewesen zu sein – das könnte das Thema langfristig sogar stärken, da Unternehmen ohne Finanzierungsprobleme schnell wieder auf der Gewinnerseite stehen dürften. Ein breiter und risikoärmer aufgestelltes Depot dürfte helfen, weitere Turbulenzen an den Märkten gut zu überstehen.
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