XRP steckt in einem technischen Widerspruch. Auf dem Vierstundenchart hat die 50-Tage-Linie die 200-Tage-Linie nach oben gekreuzt – ein sogenanntes goldenes Kreuz, das Trader normalerweise als kurzfristig bullisches Signal lesen. Gleichzeitig fällt die Aktivität im XRP-Ledger auf eines der niedrigsten Niveaus der jüngeren Zeit.
Aktuell notiert XRP bei 1,09 Dollar, ein Plus von 0,39 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht ein leichtes Plus von 0,63 Prozent, über 30 Tage dagegen ein Minus von 3,89 Prozent. Der Token bewegt sich damit weiterhin in einer engen Spanne, nur rund acht Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 1,01 Dollar.
Technisches Signal ohne fundamentales Fundament
Das goldene Kreuz kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Nutzungsdaten der XRP Ledger schwächeln. Der Analysedienst Santiment verweist auf aktive Adressen und Netzwerkwachstum und stellt fest: Die Kette erlebt gerade einen ihrer ruhigsten Handelstage seit langem.
Die Transaktionszahlen legten zwar über Woche und Monat um rund drei bis vier Prozent zu. Sie liegen damit aber immer noch 21 Prozent unter ihrem Dreimonatsdurchschnitt. Aktive Adressen bleiben sogar elf Prozent unter ihrem eigenen Basiswert.
Trader beobachten nun, ob der Kurs den Schwung des Kreuzes mitnehmen kann. Ein Tagesschluss über der 50-Tage-Linie bei 1,16 Dollar gilt als erste Bewährungsprobe, bevor die 200-Tage-Linie bei 1,45 Dollar überhaupt in Reichweite kommt. Aktuell liegt der 50-Tage-Durchschnitt bei 1,17 Dollar, der 200-Tage-Durchschnitt bei 1,46 Dollar – XRP notiert damit knapp sieben Prozent unter der kürzeren und gut 25 Prozent unter der längeren Linie.
ETF-Serie reißt nach neun Wochen
Parallel zum technischen Signal kühlt die institutionelle Nachfrage ab. Nach neun Wochen ununterbrochener Zuflüsse verzeichneten XRP-ETFs zuletzt den ersten wöchentlichen Abfluss. Genau diese Zuflüsse waren die einzige Nachfragequelle, die den gesamten Abwärtstrend seit dem Frühjahr überstanden hatte.
Der breitere Chartrahmen bleibt unfreundlich für Bullen. Jede relevante gleitende Durchschnittslinie liegt über dem aktuellen Kurs und fällt selbst. Erholungsversuche treffen dadurch immer wieder auf Angebot – und zwar auf immer niedrigerem Niveau. Die Zurückweisung an der 50-Tage-Linie im Juli war bereits der dritte gescheiterte Erholungsversuch seit Mai, jeder mit einem niedrigeren Hoch als der vorherige.
Auch am Derivatemarkt hat sich die Positionierung deutlich ausgedünnt. Das offene Interesse bei Binance fiel von über 500 Millionen Dollar Mitte Juni auf 431 Millionen Dollar am 4. Juli und weiter auf 399 Millionen Dollar am 10. Juli – ein Rückgang von rund 20 Prozent binnen eines Monats. Long-Liquidationen sprangen dabei um 94 Prozent gegenüber der Vorwoche, während Short-Liquidationen um 53 Prozent zurückgingen.
Enge Handelsspanne seit Monatsbeginn
Der Kurs bewegt sich seit Anfang Juli zwischen etwa 1,01 und 1,05 Dollar. Diese Zone hatte bereits die Ausverkäufe Anfang Juni und Anfang Juli gestoppt. Der Erholungsversuch Anfang Juli scheiterte fast exakt dort, wo es der Trend vorgab: Der Vorstoß Richtung 1,17 Dollar am 5. und 6. Juli wurde an der fallenden 50-Tage-Linie bei 1,1648 Dollar zurückgewiesen.
Der RSI steht aktuell bei 44,1 – weder überkauft noch überverkauft, sondern in neutralem Terrain. Die 30-Tage-Volatilität liegt bei 36,42 Prozent annualisiert, ein Hinweis auf die anhaltend geringe Bewegungsdynamik im Vergleich zu früheren Marktphasen.
Santiment nennt das Wachstum des Stablecoins RLUSD, die Aktivität bei tokenisierten Vermögenswerten sowie institutionelle Zahlungsvolumina als mögliche Auslöser, die Nutzer zurück auf die Kette bringen könnten. Solange diese Signale ausbleiben, behandeln Marktteilnehmer das goldene Kreuz eher als Beobachtungspunkt denn als bestätigten Trendwechsel. Ein nachhaltiger Tagesschluss über 1,16 Dollar mit erfolgreichem Rücktest würde den ersten echten Bruch des seit dem Frühjahr laufenden Abwärtstrends markieren.
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