An einem Tag, an dem Xiaomi gleich zwei Baustellen gleichzeitig bespielt, lohnt sich die Frage: Was treibt eigentlich den Kurs – das Auto oder das Telefon? Die Antwort ist: keins von beidem allein, sondern das Muster dahinter.
Xiaomi versucht, sich vom Smartphone-Hersteller zum Ökosystem-Konzern zu wandeln, der gleichzeitig Autos, faltbare Handys und Waschmaschinen ausliefert. Genau dieser Spagat wird heute an der Börse mit einem Minus quittiert: Die Aktie fällt um 2,2 Prozent auf 2,98 Euro, nachdem sie gestern noch bei 3,04 Euro schloss. Ein Jahr zuvor stand das Papier noch doppelt so hoch.
Das Auto-Dilemma: Wachstum ja, aber nicht schnell genug
Die eigentliche Nachricht des Tages liegt nicht im Smartphone-Segment, sondern bei Xiaomi Auto. Im August lieferte die Sparte 30.153 Fahrzeuge aus – der zweite Rückgang in Folge, minus 17,15 Prozent gegenüber dem Vorjahr und minus 3,56 Prozent gegenüber Juli.
Kumuliert stehen damit 246.475 Autos in acht Monaten zu Buche, 44,8 Prozent des Jahresziels von 550.000. Um dieses Ziel noch zu erreichen, müsste Xiaomi in den verbleibenden vier Monaten rund 75.900 Fahrzeuge pro Monat ausliefern – mehr als das Doppelte des August-Werts. Das ist keine Randnotiz, das ist ein Warnsignal.
Zugleich zeigt Xiaomi, dass es nicht nachlässt: Der neue SkyNomad, ein Range-Extender-SUV, sammelte innerhalb von vier Minuten über 10.000 Bestellungen. Das Modell N90 Max wurde um zehn Prozent im Preis gesenkt, die Explorer Edition mit elektrischem Hubdach soll neue Käuferschichten ansprechen.
Wer hier eine reine Verzweiflungstat sieht, übersieht die Kehrseite: Xiaomi reagiert schnell auf einen schrumpfenden Markt für Range-Extender-Fahrzeuge, der im Mai bereits um fast ein Viertel eingebrochen war. Das ist genau die Beweglichkeit, die ein Neueinsteiger im Automarkt braucht – ob sie reicht, um das Jahresziel zu retten, ist eine andere Frage.
Parallel dazu bereitet Xiaomi den europäischen Markt vor. Auf der IFA in Berlin wurden acht deutsche Händlergruppen präsentiert, von Emil Frey bis Ernst Dello – kein klassischer Importeur, sondern eigene Vertriebsgesellschaften.
Der Start ist für 2027 geplant, ein Forschungszentrum in München existiert bereits seit vergangenem Jahr. Das China-Ziel von 550.000 Fahrzeugen wird nach Einschätzung von Beobachtern wohl verfehlt – der Europa-Plan ist der Versuch, das Wachstum von einem gesättigten Heimatmarkt auf einen neuen zu verlagern.
Falt-Handys als Prestigeprojekt, nicht als Kurstreiber
Während das Auto-Geschäft um Stückzahlen ringt, inszeniert sich Xiaomi im Smartphone-Bereich als Technologieführer. Das neue Xiaomi 18 Fold kam zwei Tage vor Apples erwarteter Vorstellung eines faltbaren iPhones auf den Markt – ein Timing, das keinen Zufall darstellt.
Mit einem eigens entwickelten XRing-O3-Chip im 3-Nanometer-Verfahren, einer 200-Megapixel-Leica-Kamera und einem 6.000-mAh-Akku positioniert sich das Gerät als technisches Aushängeschild, verkauft ab umgerechnet rund 1.400 Euro – allerdings zunächst nur in China.
Huawei zieht mit dem Mate XT2 nach und hält weiterhin 68 Prozent Marktanteil bei Falt-Smartphones im Heimatmarkt. Xiaomi tritt hier eher als Herausforderer denn als Platzhirsch an.
Diese Doppelstrategie erklärt auch die Kursreaktion: Anleger honorieren technologische Prestigeprojekte nicht automatisch, wenn im Kerngeschäft Auto die Lieferzahlen stocken.
Der Kurs bewegt sich derzeit nah am 50-Tage-Durchschnitt von 3,00 Euro, liegt aber rund 15 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 3,51 Euro – ein Zeichen dafür, dass der mittelfristige Trend angeschlagen bleibt, auch wenn kurzfristige Bewegungen sich in engen Bahnen halten.
Ein Konzern im Umbau, ein Markt in Wartestellung
Xiaomi baut an mehreren Fronten gleichzeitig: eigene Chips, eigene Batterien, ein Foldable-Flaggschiff, ein Auto-Geschäft mit europäischen Ambitionen. Der breitere Branchentrend – Chinas Autoexporte kletterten im August um 77,5 Prozent, während die Inlandsverkäufe elf Monate in Folge sanken – zeigt, dass Xiaomis Europa-Wette Teil einer größeren Verschiebung ist.
Chinesische Hersteller suchen draußen, was drinnen enger wird. Ob Xiaomi diesen Strukturwandel schneller vollzieht, als der eigene Kurs Geduld aufbringt, bleibt die entscheidende Frage für die kommenden Quartale.
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