Ein Unternehmen übertrifft die Erwartungen der Wall Street, steigert den Umsatz um 44 Prozent – und der Kurs bricht trotzdem ein. Genau das ist bei Western Digital passiert. Für mich zeigt dieser Fall exemplarisch, wie sehr eine monatelange Kursrally selbst gute Nachrichten zu Enttäuschungen umdeuten kann.
Zahlen, die eigentlich überzeugen
Am Donnerstag legte Western Digital die Bilanz für das vierte Fiskalquartal vor: 3,75 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 44 Prozent gegenüber dem Vorjahr, dazu ein bereinigter Gewinn pro Aktie von 3,56 US-Dollar – deutlich über der Konsensschätzung von 3,29 US-Dollar. Für das gesamte Fiskaljahr 2026 kommt der Konzern auf 12,92 Milliarden US-Dollar Umsatz. Der Vorstand beschloss zudem eine Quartalsdividende von 0,15 US-Dollar je Aktie, zahlbar am 17. September an Aktionäre, die am 8. September im Bestand sind.
Auch operativ bleibt das Unternehmen auf Kurs: Die 44-Terabyte-Festplatte auf Basis der HAMR-Technologie soll wie geplant in der ersten Hälfte des Kalenderjahres 2027 an Kunden ausgeliefert werden. Das ist bemerkenswert, denn genau dieser Technologiewechsel gilt in der Branche als größtes Ausführungsrisiko der kommenden Jahre. Seit der Abspaltung des Flash-Geschäfts in die eigenständige SanDisk Corporation im Februar 2025 ist Western Digital ein reiner Festplattenhersteller – SanDisk selbst meldete parallel 8,97 Milliarden US-Dollar Quartalsumsatz und ein Aktienrückkaufprogramm über 14 Milliarden US-Dollar, was zeigt, wie unterschiedlich beide Ex-Geschwister derzeit laufen.
Wenn Erwartungen zur Falle werden
Der Haken liegt in der Prognose: Für das erste Fiskalquartal 2027 stellt Western Digital einen Umsatz zwischen 4,0 und 4,2 Milliarden US-Dollar in Aussicht. Objektiv ein weiteres Wachstumsquartal. Doch nach einer Kursrally, die die Aktie seit Jahresbeginn um 144,09 Prozent nach oben trieb, reichte das der Wall Street nicht. Bereits vor der Zahlenvorlage warnte Evercore-Analyst Amit Daryanani, die Investorenerwartungen seien „klar überzogen“ – eine Einschätzung, die sich als treffend erwies.
Die Reaktion fiel entsprechend heftig aus: Der Titel rutschte im vorbörslichen Handel um rund 15 Prozent ab. Auf Wochensicht summiert sich der Rückgang auf 20,50 Prozent, am Freitag schloss die Aktie bei 375,55 Euro und damit 4,28 Prozent tiefer. Der Relative-Stärke-Index von 37,6 signalisiert inzwischen eine überverkaufte Situation – für mich ein Hinweis darauf, dass die Verkaufswelle inzwischen mehr mit Positionierung als mit fundamentaler Substanz zu tun hat.
Analysten uneins – und das ist gut so
Die Reaktion der Analysten fällt gespalten aus, was ich als gesundes Zeichen werte. Citigroup senkte am Freitag das Kursziel von 800 auf 740 US-Dollar, hält aber an der Kaufempfehlung fest – ein Eingeständnis überzogener Kurserwartungen, keine fundamentale Abkehr. Summit Insights ging weiter und stufte die Aktie am Donnerstag von „Buy“ auf „Hold“ zurück, mit Verweis auf Ausführungsrisiken und mögliche Margendruck während der HAMR-Umstellung 2027 – ein Einwand, den ich für berechtigt halte, auch wenn er das Kursbild allein kaum erklärt.
Andere Häuser sehen das deutlich positiver: TD Cowen erhöhte das Kursziel auf 540 US-Dollar, Morgan Stanley auf 676 US-Dollar, Robert W. Baird nannte 630 US-Dollar als Zielmarke. Ein quantitatives Ratingmodell von Wall Street Zen stufte die Aktie am Samstag sogar auf „Strong-Buy“ hoch. Für zusätzliche Fantasie sorgen Medienberichte, wonach Western Digital die Fusionsgespräche mit dem japanischen Speicherhersteller Kioxia wiederbelebt hat, um das Festplattengeschäft mit dessen NAND-Produktion zu verknüpfen. Am 14. August will der Konzern zudem seinen Jahresbericht bei der US-Börsenaufsicht einreichen – ein Termin, der weitere Details liefern dürfte.
Unterm Strich sehe ich hier keine fundamentale Krise, sondern eine Marktkorrektur, die vor allem overzogene Erwartungen abbaut. Die operativen Kennzahlen und der Dividendenbeschluss sprechen für ein intaktes Geschäft, die HAMR-Bedenken sind real, aber noch nicht entschieden. Wer die Aktie seit dem Tief im vergangenen Sommer verfolgt, dürfte den jüngsten Rückschlag eher als Verschnaufpause denn als Trendwende einordnen – entscheidend wird sein, ob der Technologiewechsel 2027 tatsächlich reibungslos gelingt.
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