Ein Unternehmen verdoppelt seinen Gewinn, übertrifft alle Erwartungen und legt eine Prognose vor, die über dem Konsens liegt – und die Börse straft die Aktie trotzdem ab. Genau das ist Western Digital in dieser Woche passiert, und es sagt mehr über die Nervenlage der Investoren im aktuellen KI-Infrastruktur-Boom aus als über das Unternehmen selbst. Wer Speicherchips und Festplatten als das langweilige Rückgrat der Digitalwirtschaft abgetan hat, muss inzwischen umdenken: Sie sind zum Spielball einer Branche geworden, die zwischen Goldgräberstimmung und Korrekturangst pendelt.
Rekordjahr, verhaltene Reaktion
Am Mittwoch legte Western Digital die Zahlen für das vierte Fiskalquartal und das Gesamtjahr 2026 vor, das Ende Anfang Juli abgeschlossen wurde. Der Umsatz kletterte um 44 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal, der Gewinn pro Aktie mehr als verdoppelte sich. Konkret verdiente das Unternehmen 3,56 Dollar pro Aktie bei einem Umsatz von 3,75 Milliarden Dollar – beides deutlich über den Analystenschätzungen von 3,29 Dollar und 3,69 Milliarden Dollar. Für das gesamte Fiskaljahr stand ein Umsatz von 12,92 Milliarden Dollar, ein Plus von 36 Prozent.
Auch der Ausblick fiel ambitioniert aus: Für das laufende Quartal stellte das Management einen Umsatz von 4,1 Milliarden Dollar und einen bereinigten Gewinn pro Aktie von 4,00 Dollar in Aussicht, bei einer Bruttomarge zwischen 55 und 56 Prozent. Und trotzdem brach die Aktie im vorbörslichen US-Handel um mehr als 14 Prozent ein. Die Prognose lag zwar über den Erwartungen, konnte die Anleger aber nicht überzeugen – ein Muster, das sich im Datenspeicher-Sektor derzeit häufiger zeigt, wenn Wachstum offenbar nicht schnell genug beschleunigt. Im deutschen Handel schloss die Aktie am Freitag bei 375,55 Euro, ein Minus von 4,28 Prozent an einem einzelnen Tag. Binnen einer Woche verlor das Papier 20,50 Prozent und liegt inzwischen 46,06 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch.
Analysten uneins über die Bewertung
Die Reaktion der Analysten fiel entsprechend gespalten aus. Bank of America-Analyst Wamsi Mohan bekräftigte am Mittwoch seine Kaufempfehlung und verwies auf das säkulare Wachstum des Festplattenmarktes sowie ein günstiges Verhältnis von Angebot und Nachfrage, senkte das Kursziel aber leicht auf 720 von 732 Dollar. Rosenblatt sprach von „einem weiteren starken Quartal und einer starken Prognose“, reduzierte das Kursziel dennoch auf 800 von 900 Dollar und beließ die Kaufempfehlung.
Andere Häuser bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen: Baird, TD Cowen und Citi hoben ihre Kursziele nach den Zahlen an, während Mizuho und UBS sie kappten – UBS mit Verweis darauf, die Prognose habe eine gemischte Reaktion ausgelöst. Summit Insights ging noch weiter und stufte die Aktie von Kaufen auf Halten zurück, ohne ein neues Kursziel zu nennen. Die Spannbreite der Kursziele – von 525 bis 800 Dollar – zeigt, wie schwer sich der Markt derzeit tut, den fairen Wert eines Unternehmens zu bestimmen, das binnen zwölf Monaten eine derartige Achterbahnfahrt hinter sich hat.
Kioxia-Gespräche und die Frage nach der Struktur
Im Hintergrund läuft eine zweite Geschichte, die die Bewertung zusätzlich verkompliziert: Western Digital soll im Juli erneut Gespräche mit dem japanischen Speicherhersteller Kioxia Holdings über eine Zusammenlegung der NAND-Flash-Geschäfte aufgenommen haben. Berichten zufolge geht es um eine aktienbasierte Transaktion oder eine Abspaltung, die den NAND-Markt neu ordnen könnte. Endgültige Konditionen oder ein Transaktionswert sind bislang nicht bekannt, die Gespräche befinden sich weiterhin im Diskussionsstadium.
Parallel dazu verkaufte Direktor Martin I Cole am 28. Juli laut einer Pflichtmitteilung an die US-Börsenaufsicht 3.808 Aktien für rund 1,7 Millionen Dollar und hält danach noch 21.625 Stammaktien. Ein einzelner Insider-Verkauf ist selten ein Warnsignal, doch er fällt in eine Phase, in der das Unternehmen ohnehin im Zentrum widersprüchlicher Erwartungen steht.
Sicherer Boden trotz Turbulenzen?
Unternehmenschef Irving Tan erklärte nach den Zahlen, Western Digital starte mit anhaltendem Vertrauen in die Nachfrage und wachsender Sichtbarkeit ins Geschäft in das Fiskaljahr 2027 und sei gut positioniert, um von der säkularen Datenwachstums-Chance zu profitieren. Im Gespräch mit Bloomberg TV betonte er, der Ausbau der KI-Infrastruktur schaffe anhaltende Nachfrage nach Datenspeicherung, selbst wenn Investoren kurzfristig verhalten auf den Ausblick reagierten.
Die Marktdaten unterstreichen, wie sehr die Aktie zwischen Euphorie und Ernüchterung schwankt: Seit Jahresbeginn steht trotz der jüngsten Verluste noch immer ein Plus von 144,09 Prozent, der RSI von 37,6 signalisiert eine überverkaufte Lage. Der nächste Quartalsbericht wird für den 29. Oktober erwartet, Analysten rechnen mit einem Gewinn von 3,63 Dollar pro Aktie. Bis dahin dürfte sich zeigen, ob der jüngste Rückschlag nur eine Verschnaufpause im KI-getriebenen Speicherboom war – oder der Anfang einer nüchterneren Neubewertung der gesamten Branche.
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