Warum Öl trotz Krisen-Szenario unter 100 Dollar bleibt

Trotz massiver Versorgungsausfälle bleibt der Ölpreis unter 100 Dollar. US-Produktion und Chinas schwache Nachfrage federn den Schock ab.

Auf einen Blick:
  • US-Schieferöl gleicht Lieferausfälle aus
  • Chinas Ölimporte brechen massiv ein
  • Strategische Reserven werden stark angezapft
  • Politische Signale dämpfen Spekulationen

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

seit mehr als drei Monaten ist die Straße von Hormus faktisch blockiert. Der wichtigste Schifffahrtskorridor der Welt, durch den täglich mehr als 20 Prozent des globalen Ölhandels fließen sollen, liegt im Kriegsgebiet. Experten hatten für dieses Szenario Preise von 200 Dollar pro Barrel prognostiziert, manche sprachen gar von einem globalen Wirtschaftskollaps. Die Realität sieht anders aus. Rohöl der Sorte Brent notiert aktuell bei rund 96 Dollar. Das ist erklärungsbedürftig.

Der größte Versorgungsschock der modernen Geschichte

Die Straße von Hormus verbindet den Persischen Golf mit dem Arabischen Meer. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Kuwait, der Irak und der Iran exportieren den Großteil ihres Öls durch diesen Engpass. Seit dem Ausbruch des Konflikts mit dem Iran sind mehr als zehn Millionen Barrel täglich aus dem Markt gefallen. Zum Vergleich: Der weltweite Tagesverbrauch liegt bei etwa 102 Millionen Barrel. Der Wegfall entspricht also fast zehn Prozent der globalen Versorgung auf einen Schlag.

Dass dies nicht zu einem Preisinferno geführt hat, verdankt der Markt einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, die so kaum jemand vorhergesehen hatte.

Amerika springt in die Bresche

Der wichtigste Puffer ist die Schieferölrevolution der vergangenen fünfzehn Jahre. Die USA haben sich vom größten Ölimporteur der Welt zum bedeutendsten Swing-Produzenten entwickelt. Seit den amerikanischen Angriffen auf den Iran Ende Februar haben US-Rohöl- und Kraftstoffexporte zuletzt täglich mehr als zwei Millionen Barrel über dem Jahresdurchschnitt 2025 gelegen. Kein anderes Land der Welt wäre in der Lage gewesen, in so kurzer Zeit so viel Volumen in die globalen Märkte zu pumpen.

Darüber hinaus hat die Trump-Administration 172 Millionen Barrel aus der Strategischen Petroleumreserve freigegeben, dem staatlichen Notvorrat der USA. In einer einzigen Woche im Mai sank der Reservestand um 1,4 Millionen Barrel täglich. Etwa die Hälfte dieser Mengen wurde nach Europa und in andere Überseeregionen verschifft. Parallel koordinierten westliche Industriestaaten eine historische Freigabe ihrer eigenen strategischen Reserven.

China schwächelt, und das hilft dem Markt

Die zweite große Überraschung kommt aus Peking. China ist der weltgrößte Ölimporteur, mit einem Verbrauch von über zehn Millionen Barrel täglich vor Kriegsbeginn. Im Mai brachen die chinesischen Rohöleinfuhren um fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahresdurchschnitt ein. Diese Reduktion gleicht je nach Schätzung zwischen einem Fünftel und einem Drittel der kriegsbedingten Ausfälle aus.

Die Gründe für den chinesischen Nachfragerückgang sind strukturell und gehen über den Krieg hinaus. Das Land hat seine Kapazitäten ausgebaut, Chemikalien aus Kohle statt aus Öl herzustellen. Der Boom bei Elektrofahrzeugen dämpft den Benzinabsatz spürbar. Und Chinas gigantische strategische Ölreserven, in den vergangenen Jahren massiv aufgestockt, werden nun nicht weiter befüllt. Der Raffineriedurchsatz in China lag im Mai und Juni bei rund 13 Millionen Barrel täglich, ein Niveau, das zuletzt zu Beginn der Corona-Pandemie 2020 zu beobachten war. Im Jahresdurchschnitt 2025 waren es 14,8 Millionen Barrel täglich.

Ein Tröpfeln durch den Engpass

Auch durch die Straße von Hormus selbst fließt weiterhin Öl, wenn auch in homöopathischen Mengen. Vor dem Krieg passierten täglich fast 100 Handelsschiffe den Engpass. Heute sind es zwei bis drei, die mit Tricks wie z.B. das Abschalten der Transponder, um die Identifikation zu verschleiern, durch die Meerenge navigieren. Satellitendaten werden durch anhaltende GPS-Störungen und Signalmanipulationen im Seegebiet verfälscht, was eine genaue Zählung erschwert. Ein mit den Operationen von US Central Command vertrauter Beamter spricht allerdings von nahezu 1.000 Handelsschiffen, die in den vergangenen zwei Monaten die Meerenge in beide Richtungen passiert hätten.

Golfproduzenten wie Saudi-Arabien haben zudem ihre Umgehungsrouten aktiviert. Die East-West-Pipeline transportiert saudi-arabisches Öl direkt an die Küste des Roten Meers, die Emirate pumpen Rohöl durch eine Pipeline zum Hafen Fujairah außerhalb des Golfs.

Die Puffer werden knapper

So bemerkenswert die Stabilität bislang ist, so deutlich zeichnen sich die Grenzen des Systems ab. Die US-Rohöllagerbestände sind auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten gefallen. Die strategischen Reserven sind weit geleert und haben nur noch wenig Puffer. Die Raffinerieanlagen in den USA laufen auf Hochtouren, um die sommerliche Kraftstoffnachfrage zu bedienen, und konkurrieren dabei aggressiv um verfügbare Rohölmengen.

Analysten sind entsprechend alarmiert. So äußerte sich z.B. der Vermögensverwalter Pimco mit der Annahme: Jede Woche zieht der Markt 70 bis 80 Millionen Barrel aus den globalen Vorräten. Das sei kein Zustand, der sich auf Dauer aufrechterhalten lässt. In wenigen Monaten könnte das System jede Flexibilität verloren haben.

Trump, Russland und das politische Spiel

Ein weiterer Preisdämpfer ist psychologischer Natur. Donald Trump kommentiert den Ölmarkt öffentlichkeitswirksam und regelmäßig. Die Hoffnung auf ein baldiges Friedensabkommen mit dem Iran hält spekulativ getriebene Käufer aus dem Markt. Die Open Interest bei den Brent-Futures sind auf den niedrigsten Stand seit August gefallen. Viele Händler halten nur noch kleine Positionen für kurze Zeiträume, weil die Ankündigungen aus Washington die Preise immer wieder abrupt nach unten drücken.

Gleichzeitig hat die US-Regierung russisches Öl faktisch teilweise von Sanktionen befreit, um Indien als alternativen Großabnehmer zu stabilisieren. Russische Lieferungen nach Indien lagen im Mai bei 1,76 Millionen Barrel täglich, 63 Prozent mehr als noch im Februar.

Was Anleger jetzt wissen müssen

Für Investoren ergibt sich daraus ein klares Bild. Der Markt hat den ersten Schock absorbiert, aber das Fundament ist fragil. Jede neue Eskalation, jeder Ausfall einer alternativen Route, jede unerwartete Rückkehr Chinas zu normalem Importverhalten könnte den Preis abrupt nach oben treiben. Dated Brent, der maßgebliche physische Rohölpreis, hat nach seinem Rekordhoch von über 140 Dollar in der Frühphase des Krieges zwar auf unter 100 Dollar nachgegeben. Doch dieser Rückgang spiegelt nicht die strukturelle Lage wider, sondern lediglich die Summe temporärer Puffer.

Energie-Titel, die von einem Ölpreisanstieg profitieren, integrierte Ölkonzerne mit starker Upstream-Produktion außerhalb des Nahen Ostens sowie Unternehmen im Bereich Flüssigerdgas bleiben in diesem Umfeld strukturell interessant. Wer auf eine schnelle Normalisierung setzt, geht ein erhebliches Risiko ein. Wer auf Volatilität setzt, liegt historisch meist richtig.

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