Warten auf Warsh: Nvidia-Euphorie trifft auf Powell-Nervosität, Marvell auf Tauchstation trotz Rekordzahlen

Starke Technologiedaten stützen die Börse, während Warshs Rede offen bleibt und Marvell trotz Rekordumsatz nach Zahlen unter Druck gerät.

Auf einen Blick:
  • DAX verbucht drittes Tagesplus
  • Nvidia-Ausblick beflügelt Technologiewerte
  • Warshs Zinssignale bleiben offen
  • Marvell meldet 2,74 Milliarden Dollar Umsatz

Die Märkte bewegen sich an diesem Freitag zwischen zwei Kräften: der Euphorie über starke Zahlen aus der US-Technologiebranche und der Zurückhaltung vor der Rede von Fed-Chef Kevin Warsh, der am Nachmittag beim Notenbankentreffen in Jackson Hole sprechen wird.

DAX mit drittem Plus in Folge, MDAX stärker

Der DAX schloss am Donnerstag mit einem Plus von 0,31 % und verzeichnete damit das dritte Tagesplus in Folge, wenn auch knapp unter dem Hoch des Vortages. Der MDAX legte deutlicher zu. Bei den Nebenwerten beziehungsweise Mid-Caps war damit deutlich mehr Bewegung zu beobachten, was auch mit dem überraschend positiven IFO-Geschäftsklimaindex zu Beginn der Woche zusammenhängt.

Der größte Treiber der guten Stimmung war Nvidia. Der KI-Chip-Konzern konnte mit seinem Quartalsbericht und vor allem mit dem Ausblick überzeugen, die Aktie stieg im gestrigen Handel in New York um gut 7 bis 9 Prozent. Nvidia ist inzwischen gut doppelt so groß wie alle 40 DAX-Konzerne zusammen. Der Konzern kündigte an, im kommenden Jahr den Umsatz um bis zu 70 % steigern zu können. Die Nvidia-Bilanz gilt am Markt als Barometer für die gesamte KI-Branche, entsprechend breit war die Wirkung auf andere Werte.

Salesforce beeindruckte mit einer selbst angehobenen Jahresprognose und legte in New York rund 20 % zu – der größte Tagesgewinn seit Jahren. Das Unternehmen stellte zudem ein Plug-in vor, das in die neuen Cloud-Modelle von Anthropic integriert werden soll. Auch der Cybersecurity-Spezialist CrowdStrike sprang nach einer angehobenen Prognose deutlich an.

Deutsche Chip-Werte profitierten ebenfalls: Infineon und der Ausrüster Süss MicroTec legten deutlich zu, nachdem sie in den Wochen zuvor öfter unter Druck gestanden hatten. Bei den Softwarewerten war SAP mit plus 5,5 % gefragt, als Reaktion auf die Salesforce-Zahlen. Nemetschek konnte sich mit knapp 10 % an die Spitze des Nebenwerteindex setzen.

Bei den Analysteneinschätzungen fiel auf: Kepler hat den deutschen Telekom-Sektor durchleuchtet und sieht die attraktivsten Chancen bei United Internet und IONOS, beide wurden auf „Kauf“ hochgestuft. Die Deutsche Telekom verlor dagegen ihre Kaufempfehlung, was den Kurs unter Druck setzte. Im industriellen Bereich fiel Traton auf – die Aktie gab vorbörslich rund 3 % nach, nachdem die UBS sie nach ihrem starken Lauf auf „neutral“ abgestuft hatte.

Alle Augen auf Warsh

Der Blick richtet sich nun auf Kevin Warsh. Da die Anleger noch kaum Erfahrung damit haben, wie der neue Notenbankchef spricht und formuliert, gilt die Rede als heikel. Welche Formulierungen er wählt und wie er die Datenlage für die kommenden Jahre einordnet, bleibt offen. Gegenläufig dazu haben die Renditen am Anleihenmarkt deutlich angezogen, da dort eine möglicherweise restriktivere Haltung der Fed eingepreist wird und Sorgen um die wachsenden Schuldenberge der KI-Unternehmen zur Finanzierung ihres Ausbaus bestehen. Die Wortwahl Warshs zur weiteren Zinsperspektive dürfte damit zum entscheidenden Faktor für den Handelsverlauf zum Wochenschluss werden.

Marvell: Rekordzahlen, aber Kursrückgang

Im Mittelpunkt des gestrigen nachbörslichen Handels stand Marvell Technology. Der Chipkonzern legte für das zweite Quartal seines Geschäftsjahres 2027 einen Rekordumsatz von rund 2,74 Milliarden Dollar vor, ein Plus von 37 % gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn pro Aktie lag bei 94 Cent und damit 1 Cent über den Analystenschätzungen. Auch der Ausblick fiel optimistischer aus als erwartet. Trotzdem gaben die Papiere im nachbörslichen Handel deutlich nach.

Der Wachstumsmotor sitzt im Segment Rechenzentren, dessen Erlöse im Berichtsquartal um 46 % auf 2,17 Milliarden Dollar kletterten – fast 80 % des gesamten Konzernumsatzes. Das Segment Kommunikation und Sonstiges wuchs dagegen nur um 10 %. Diese Verschiebung ist Ausdruck der konsequenten Ausrichtung auf die Infrastrukturseite für Künstliche Intelligenz, konkret auf optische Interconnects, die tausende Grafikprozessoren in Rechenzentren koppeln, sowie kundenspezifische Chips (Custom Silicons) für große Cloud-Konzerne.

Marvell-Chef Matt Murphy sprach von außergewöhnlich robusten Buchungen in diesem Bereich und rechnet mit einer weiteren Wachstumsbeschleunigung im Verlauf des Geschäftsjahres. Für das dritte Quartal stellt Marvell einen Umsatz von 3,15 Milliarden Dollar (plus/minus 5 %) und einen bereinigten Gewinn von 1,10 Dollar in Aussicht – über den Analystenschätzungen.

Die bereinigte Bruttomarge lag im vergangenen Quartal bei 58,9 %, minimal über der Konsensschätzung von 58,8 %. Für das laufende Quartal stellt Marvell, ähnlich wie zuvor Nvidia, eine etwas geringere Marge zwischen 57,5 und 58,5 % in Aussicht, was mit dem wachsenden Anteil der margenschwächeren Custom Silicons zusammenhängt.

Der Kursrückgang trotz starker Zahlen dürfte mehrere Gründe haben: Marvell hatte im Jahresverlauf bereits ein deutliches Kursplus verbucht, zudem kamen die Zahlen in einem nervösen Marktumfeld für die KI-Branche – der Philadelphia Semiconductor Index hatte zuletzt binnen einer Woche mehr als 8 % verloren. Die leicht hinter den Erwartungen zurückbleibenden Margen führten zusätzlich zu Abschlägen. Für Marvell steht am 6. Oktober ein Investor Day an, bei dem der Konzern seine langfristige Strategie für den Ausbau der KI-Infrastruktur vorstellen will.

Deutsche Nebenwerte im Fokus: SGL Carbon, Masterflex und SFC Energy

Im Umfeld der Hamburger Investorentage standen zuletzt zahlreiche Gespräche mit Vorständen deutscher Nebenwerte im Zentrum – insbesondere die Frage, wie sich diese Unternehmen im konjunkturell schwierigen Umfeld behaupten können.

SGL Carbon, Spezialist für Produkte auf Basis von Kohlenstoff und Graphit, gliedert sein Geschäft in drei Säulen: Graphite Solutions, Prozesstechnologie und die neu formierte Fiber Composites. Im ersten Halbjahr verzeichnete der Umsatz einen Rückgang von 13 %, was auf die Restrukturierung des Composite-Bereichs zurückgeht – frühere Pläne, Verbundwerkstoffe im Autosektor zu platzieren, hatten sich zerschlagen. Die Profitabilität verbesserte sich dennoch: Die EBITDA-Marge stieg im ersten Halbjahr von 16 auf 17,7 %. Problematisch bleibt der Bereich Siliziumkarbid-Halbleiter, da Kunden auf hohen Lagerbeständen sitzen; SGL reagierte mit Vertragsanpassungen. Ab 2027 erwarten Analysten hier eine Erholung.

Als neuen Wachstumsmarkt hat SGL die Kernenergie identifiziert: In Zusammenarbeit mit dem US-Unternehmen X-Energy liefert der Konzern Graphitbauteile für kleine modulare Reaktoren (SMRs), die Rechenzentren dezentral mit Strom versorgen könnten. Hinzu kommen die Bereiche Verteidigung und Luftfahrt. Das Management strebt bis 2030 einen Umsatz von einer Milliarde Euro an und will die EBITDA-Marge zwischen 15 und 18 % halten.

Masterflex, ein Nebenwert mit rund 610 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von knapp 103 Millionen Euro, stellt Spezialschläuche und Verbindungssysteme her. Der Finanzvorstand beschreibt das Unternehmen als Beratungsunternehmen mit angeschlossener Produktionsabteilung, da sehr kundenspezifisch gearbeitet wird. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um 1,7 %, die operative Marge lag bei 14,8 %. Während einige Branchen unter konjunkturellen Dämpfern leiden, zeigt sich die Medizintechnik bei Masterflex sehr stark. Die Wachstumsstrategie „Hero at Zero“ fokussiert auf Life Science, Mobilität, Tech und Infrastruktur; bis 2030 plant das Management ein Umsatzniveau von 200 Millionen Euro mit nachhaltig zweistelliger EBIT-Marge.

Beide Unternehmen etablieren sich in neuen Branchen über technologische Exzellenz – SGL Carbon setzt auf neue Wachstumsfelder, Masterflex intensiviert bestehende Felder wie Medizintechnik und Luftfahrt. Beide gelten aufgrund ihrer breiten Aufstellung als vergleichsweise stabil auch in unsicheren Zeiten.

Als dritter Nebenwert steht SFC Energy im Fokus, Hersteller von Brennstoffzellen und Stromversorgungssystemen mit den Bereichen Clean Energy und Clean Power. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz um knapp 12 %, das bereinigte EBITDA verbesserte sich um 116 % auf 18,4 Millionen Euro, die Marge kletterte von 11,6 auf 22,4 %. Das Management hob die Prognose auf einen Umsatz zwischen 166 und 175 Millionen Euro sowie ein bereinigtes EBITDA zwischen 31,5 und 34 Millionen Euro an.

Kurstreiber war der größte Auftrag der Firmengeschichte über fast 43 Millionen Euro für die Lieferung hybrider Energieversorgungssysteme in die Ukraine. Dieser Großauftrag beflügelt zwar die Zahlen für 2024, stellt aber ein Einzelereignis dar. Zugleich gewinnen Brennstoffzellen für die dezentrale Stromversorgung, auch im Verteidigungssektor, zunehmend an Bedeutung. Mehrere Analysten sehen für die Aktie ein deutlich höheres Kursziel als das aktuelle Niveau.

Insgesamt zeigen die drei Nebenwerte unterschiedliche Ausgangslagen: SGL Carbon befindet sich nach einer Restrukturierung im Umbau, Masterflex gilt als solider Substanzwert, während SFC Energy von einer Sondersituation durch einen Großauftrag profitiert. Nebenwerte bleiben grundsätzlich anfälliger für Kursschwankungen als große Blue Chips.

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