Die politische Auseinandersetzung um Enteignungen wohnungswirtschaftlicher Bestände in Berlin spitzt sich zu — und Vonovia steht mittendrin. Nach dem Wahlsieg der Linken bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag droht der Konflikt zwischen Bundesregierung und Landespolitik zu eskalieren. Linken-Chef Luigi Pantisano kündigte an, die Bundespläne würden „nicht durchkommen“ — die Aktie reagierte mit einem Rutsch auf ein Mehrjahrestief.
Merz und CSU drängen auf Tempo
Bundeskanzler Friedrich Merz will zusammen mit der CSU rasch eine gesetzliche Bremse gegen Vergesellschaftungen großer Wohnungskonzerne durchsetzen. CSU-Generalsekretär Martin Huber sprach von einem „sozialistischen Himmelfahrtskommando“, das private Investitionen gefährde.
Merz betonte, man müsse internationalen Investoren ein klares Signal senden: Enteignungen privaten Eigentums seien in Deutschland kein Thema — eine Entscheidung solle „relativ schnell“ fallen.
Pantisano hält dagegen. Er verwies auf den Erfolg seiner Partei bei der Wahl und das Ergebnis des Volksentscheids „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ von 2021 als demokratisches Mandat, das nicht zugunsten der Vonovia-Aktienkurse ignoriert werden dürfe. Die Linke will die Umsetzung des Volksentscheids vorantreiben und Bestände über 3.000 Wohnungen je Eigentümer gegen Entschädigung vergesellschaften.
Investoren wandern ab, Kurs fällt weiter
Die Immobilienbranche warnt bereits vor Konsequenzen. Der Präsident des Immobilienverbandes BFW, Dirk Salewski, spricht von einem „Attentismus sondergleichen“ — Kapital fließe inzwischen eher nach Warschau oder in andere europäische Großstädte als nach Berlin.
Der Hauptgeschäftsführer des Bauindustrieverbandes HDB, Tim-Oliver Müller, gab zu bedenken, dass Vergesellschaftung keine neuen Wohnungen schafft, sondern lediglich bestehende aufkauft — Geld, das dann für Neubau fehle.
An der Börse zeigt sich die Verunsicherung deutlich: Vonovia fiel zeitweise auf 17,06 Euro, den niedrigsten Stand seit Sommer 2023, was einem Jahresverlust von gut 30 Prozent entspricht. Die Investmentbank Exane BNP Paribas senkte ihr Kursziel auf 16 Euro und signalisiert damit weiteres Rückschlagpotenzial.
Goldman-Sachs-Analyst Jonathan Kownator sieht die Regierungsbildung in Berlin als anhaltenden Unsicherheitsfaktor, verweist aber darauf, dass Immobiliengesetze in Deutschland überwiegend Bundessache sind — der Berliner Mietendeckel war 2021 bereits vom Bundesverfassungsgericht gekippt worden.
Kownator hält auch eine Koalition ohne die Linke für denkbar, allerdings mit knapperer Mehrheit. Selbst in diesem Szenario blieben Risiken bestehen: neue Mietpreisbremsen oder ein Ausbau des staatlichen Wohnungsbaus könnten die Branche unabhängig von der Enteignungsfrage belasten.
Die Bundesregierung will nach der Berlin-Wahl beim geplanten Anti-Enteignungsgesetz aufs Tempo drücken. Ob die Koalitionsbildung in Berlin ohne die Linke gelingt und wie das Bundesgesetz konkret ausgestaltet wird, dürfte in den kommenden Wochen über die weitere Kursrichtung der Wohnungskonzerne mitentscheiden.
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