Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
es gibt Meldungen, die man zweimal lesen muss, weil sie beim ersten Durchgang schlicht unglaublich klingen. Die Nachricht vom vergangenen Wochenende gehört zweifellos dazu. GameStop, die Videospielkette, die vor vier Jahren als Totgesagter der Handelsbranche galt, will eBay übernehmen. Ein Unternehmen mit einem Marktwert von rund 11 Milliarden Dollar macht ein Angebot über 56 Milliarden Dollar für einen Konzern, der viermal so groß ist. Das ist kein gewöhnliches M&A-Geschäft. Das ist ein Frontalangriff auf die Regeln des Kapitalmarkts.
Was genau auf dem Tisch liegt
Das Angebot beläuft sich auf 125 Dollar je eBay-Aktie. Das entspricht einem Aufschlag von rund 20 Prozent gegenüber dem Schlusskurs vom vergangenen Freitag. Der Gesamtwert der anvisierten Transaktion liegt bei 56 Milliarden Dollar. Zum Vergleich: Der Börsenwert von GameStop selbst betrug zuletzt rund 11 Milliarden Dollar. Das Missverhältnis ist enorm, und genau das ist der Kern der Geschichte.
Wie soll eine solche Transaktion finanziert werden? Die Antwort ist komplex. GameStop verfügt über rund 9,4 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln, ein Wert, der sich binnen eines Jahres beinahe verdoppelt hat. Ende März 2024 waren es noch 4,8 Milliarden Dollar. Weitere 20 Milliarden Dollar sollen aus einer zugesagten Kreditlinie der Bank TD Securities stammen. Damit ist knapp die Hälfte des Kaufpreises gedeckt.
Der verbleibende Teil soll offenbar über eigene Aktien finanziert werden, was eine erhebliche Verwässerung für bestehende Aktionäre bedeuten würde. Zudem kursieren Berichte über Interesse nahöstlicher Staatsfonds als mögliche Investoren. Die Finanzierungsstruktur ist also teilweise noch offen.
Genau das macht den Deal aus Anlegersicht so schwer einzuschätzen: Die Kapitalstruktur ist unvollständig, und die fehlenden rund 25 Milliarden Dollar hängen an Annahmen, die sich erst noch bewahrheiten müssen. Eine Aktienverwässerung in dieser Größenordnung würde den Wert jeder bestehenden GameStop-Aktie erheblich drücken, sofern der kombinierte Konzern nicht deutlich mehr wert wäre als die Summe seiner Teile.
Ryan Cohen und sein 100-Milliarden-Plan
Wer GameStop-Chef Ryan Cohen versteht, versteht diesen Deal. Der Gründer des Online-Tierhändlers Chewy übernahm 2021 die Kontrolle bei GameStop, als das Unternehmen gerade einmal eine Milliarde Dollar wert war. Seither hat er den Konzern konsequent auf E-Commerce und das Sammelkartengeschäft ausgerichtet, Dutzende verlustbringende Filialen geschlossen und eine riesige Cashposition aufgebaut. Cohen ist kein sentimentaler Händler. Er ist ein Kapitalallokator mit klarer Mission.
Zu Jahresbeginn hat der Aufsichtsrat sein Vergütungspaket angepasst. Cohen kann bis zu 35 Milliarden Dollar an Aktienoptionen verdienen, sofern bestimmte Meilensteine erreicht werden. Einer davon: ein Börsenwert von 100 Milliarden Dollar. Das erklärt die strategische Logik hinter dem eBay-Vorstoß besser als jede offizielle Pressemitteilung.
Cohen hat bereits im Januar öffentlich angekündigt, transformative Übernahmen zu prüfen, bevorzugt im Konsumgüter- und Handelsbereich. eBay trifft dieses Profil. Die Plattform mit rund 132 Millionen aktiven Käufern weltweit ist profitabel, gut positioniert und befindet sich seit Monaten im Aufschwung. Im vergangenen Jahr legte der eBay-Kurs um mehr als 50 Prozent zu, getrieben durch die strategische Konzentration auf Kernkategorien wie Sammlerartikel und Mode. Zuletzt kaufte eBay den Secondhand-Marktplatz Depop von Etsy für 1,2 Milliarden Dollar. Die Richtung ist klar: eBay positioniert sich als kuratiertere, markenstärkere Alternative zu Amazon.
Genau diese Positionierung interessiert Cohen. Er hat öffentlich erklärt, mit eBay Amazon stärkere Konkurrenz machen zu wollen. Das klingt ehrgeizig, ist aber nicht aus der Luft gegriffen. eBay verzeichnet gerade in den Segmenten Sammelkarten, Vintage-Mode und Elektronikartikel solide Wachstumsraten, also in denselben Kategorien, in denen GameStop unter Cohen bereits eine eigene Nische aufgebaut hat. Die strategische Schnittmenge ist real.
Die Marktreaktion spricht Bände
Als das Wall Street Journal die Übernahmepläne am Freitagabend nach Börsenschluss publik machte, reagierten beide Aktien sofort. eBay legte im nachbörslichen Handel um mehr als 10 Prozent zu. GameStop gewann rund 5 Prozent. Seit Jahresbeginn hat die GameStop-Aktie bereits rund 30 Prozent an Wert gewonnen, befeuert von der anhaltenden Spekulation rund um Cohens Dealmaking-Ambitionen.
Unter den prominenten Befürwortern findet sich Michael Burry, bekannt durch seine Wetten gegen den US-Immobilienmarkt vor der Finanzkrise 2008 und verewigt im Film „The Big Short“. Burry hat in seinem eigenen Newsletter mehrfach gefordert, GameStop solle seinen Cashberg für transformative Übernahmen einsetzen. Der eBay-Deal wäre genau das.
Was passiert, wenn eBay ablehnt?
Die Unternehmensführung von eBay hat sich bislang nicht öffentlich geäußert. Cohen hat jedoch bereits signalisiert, was im Fall einer Ablehnung folgt. Er würde das Angebot direkt an die eBay-Aktionäre richten und damit die eigene Führung umgehen. Dieses Vorgehen nennt sich feindliche Übernahme, genauer gesagt ein Angebot an die Aktionäre über die Köpfe des Managements hinweg.
Feindliche Übernahmen sind im US-amerikanischen Kapitalmarkt kein Tabu, aber stets ein Kraftakt. Entscheidend ist, ob Cohens Kultstatus und seine Online-Gefolgschaft auch institutionelle Investoren überzeugen können. GameStop hat in der Vergangenheit gezeigt, wie machtvoll eine mobilisierte Anlegergemeinschaft sein kann. Ob das im Kontext eines 56-Milliarden-Deals ausreicht, bleibt offen.
Was Anleger daraus mitnehmen sollten
Dieser Deal ist eine Lektion in unkonventionellem Denken. Wer hätte 2021 vorhergesagt, dass ein Videospiel-Händler mit einer handvoll Läden und einer desaströsen Bilanz vier Jahre später eine der kühnsten Übernahmen der jüngeren Börsengeschichte versucht? Niemand. Und genau deshalb lohnt es sich, diesen Vorgang sorgfältig zu verfolgen.
Für Anleger in GameStop-Aktien gilt: Das Papier ist und bleibt spekulativ. Der Kursgewinn von 30 Prozent seit Januar spiegelt Erwartungen wider, keine gesicherten Fakten. Scheitert der Deal, könnte ein erheblicher Teil dieser Kursgewinne schnell wieder verschwinden. Gelingt die Übernahme, entsteht ein Konzern mit einer völlig neuen strategischen Dimension.
Für Anleger in eBay-Aktien ist die Situation kurzfristig attraktiver. Der Aufschlag von 20 Prozent auf den Freitagskurs ist real, und selbst wenn das Angebot scheitert, hat die Nachricht eBays Profil als Übernahmekandidat geschärft. Das allein kann den Kurs stützen.
Der breitere Markt beobachtet unterdessen ein Schauspiel, das die klassischen Regeln des Unternehmenswerts in Frage stellt. Cohen hat bewiesen, dass Ambition, Kapital und eine loyale Investorenbasis Grenzen verschieben können. Ob er damit auch einen 100-Milliarden-Konzern erschaffen kann, ist die Frage, die den Markt in den kommenden Wochen beschäftigen wird.
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