Volkswagen vor dem 4. September: Entscheidet der Aufsichtsrat über Frieden oder Konflikt?

Volkswagen berät am 4. September über bis zu 50.000 weitere Stellen und ein mögliches Rafael-Geschäft für das Werk Osnabrück.

Auf einen Blick:
  • Aufsichtsrat prüft zwei Großprojekte
  • Bis zu 50.000 weitere Stellen betroffen
  • Rafael-Partnerschaft für Osnabrück möglich
  • Aktie bleibt deutlich unter Jahreshoch

Ausgangslage

Volkswagen steuert auf eine Woche zu, die über den Kurs der kommenden Jahre mitentscheiden könnte. Am 4. September berät der Aufsichtsrat gleich über zwei Großbaustellen: den möglichen Abbau von bis zu 50.000 weiteren Stellen weltweit, den Konzernchef Oliver Blume bereits in einem Schreiben an die Belegschaft bestätigt hat, sowie ein mögliches Rüstungsgeschäft mit dem israelischen Unternehmen Rafael Advanced Defense Systems zur Produktion von Iron-Dome-Komponenten im Werk Osnabrück.

Beide Themen sind eng miteinander verknüpft: Es geht um nichts Geringeres als die Frage, wie Volkswagen seine Überkapazitäten in Europa abbaut, ohne die deutschen Standorte zu zerlegen.

Der Aktienkurs hat sich zuletzt stabilisiert. Am Freitag legte das Papier um 3,1 Prozent auf 77,04 Euro zu und liegt damit rund vier Prozent über seinem 50-Tage-Durchschnitt von 74,10 Euro.

Verglichen mit dem 52-Wochen-Hoch von 109,10 Euro im Dezember bleibt die Aktie aber weit zurück – ein Abstand von 29 Prozent, der zeigt, wie stark die Restrukturierungssorgen das Vertrauen der Anleger belastet haben.

Der Zeitpunkt für den Aufsichtsrat könnte also kaum sensibler sein: Jede Entscheidung wirkt sich unmittelbar auf die Erwartungen aus, ob Volkswagen den Umbau geordnet oder konfliktreich vollzieht.

Die entscheidende Frage

Der eine Faktor, an dem sich die kommenden Monate entscheiden, ist die Reaktion der Arbeitnehmerseite auf den angekündigten Stellenabbau. IG-Metall-Bezirkschef Thorsten Gröger warnte am Wochenende deutlich vor einer Eskalation und kritisierte ein „Kommunikationsdesaster“ des Vorstands. Noch gilt eine Friedenspflicht bis Jahresende, doch Gröger schließt Arbeitsniederlegungen ab 2027 nicht aus.

Ob Volkswagen die Belegschaft und ihre Vertreter einbindet oder gegen sie regiert, entscheidet darüber, ob die geplanten Einsparungen von rund 10 Milliarden Euro bei den Gemeinkosten tatsächlich realisiert werden können – oder ob Streiks und Produktionsausfälle die Sanierung konterkarieren.

Bullisches Szenario

Gelingt es Blume, den Aufsichtsrat am 4. September auf eine gemeinsame Linie zu bringen und den Rafael-Deal sauber zu strukturieren – etwa durch eine Beteiligung des Landes Niedersachsen von bis zu 200 Millionen Euro, um die Bedenken des katarischen Großaktionärs zu umschiffen –, entstünde ein zusätzliches Standbein für das Werk Osnabrück, dessen T-Roc-Cabrio-Produktion 2027 ausläuft.

Parallel dazu würde ein sozial abgefederter Stellenabbau, wie er bereits mit 20.000 freiwilligen Abgängen bis 2030 begonnen wurde, Vertrauen zurückgewinnen.

Die IEA-Zahlen zur weltweiten Elektroauto-Nachfrage, die für 2026 einen Anteil von 29 Prozent erwarten, sowie neue günstige Modelle wie der für unter 20.000 Euro geplante ID. Up könnten zudem zeigen, dass Volkswagen operativ Boden gutmacht. In diesem Fall dürfte die Aktie ihren jüngsten Aufwärtstrend fortsetzen und sich dem 100-Tage-Durchschnitt von 81,29 Euro nähern.

Bärisches Szenario

Das Risiko liegt im offenen Konflikt. Sollte der Aufsichtsrat uneins bleiben – wie es aktuell der Fall ist – und die Belegschaft das Gefühl behalten, übergangen zu werden, drohen ab 2027 tatsächliche Arbeitsniederlegungen. Betriebsratschefin Daniela Cavallo hat bereits von beschädigtem Vertrauen gesprochen.

Ein Rüstungsengagement birgt zusätzlich politische Brisanz: Die Beteiligung Katars als Großaktionär macht eine Einigung mit Rafael keineswegs sicher, ein Scheitern wäre ein Rückschlag für die Diversifizierungsstrategie. Hinzu kommt der strukturelle Druck: Bis zu vier Fabrikschließungen werden erwogen, die Produktionskapazität in Europa soll um 500.000 Fahrzeuge sinken. Sollten sich Verhandlungen festfahren, könnte die Aktie schnell wieder in Richtung ihres 52-Wochen-Tiefs von 69,20 Euro vom Juli abrutschen.

Ausblick

Solange der Aufsichtsrat am 4. September einen Kompromiss zwischen Sparzwang und Belegschaftsinteressen findet, bleibt das Bild für Volkswagen konstruktiv, auch wenn der Weg zu den vollen 100.000 angekündigten Stellenstreichungen bis 2030 lang ist.

Kippt die Kommunikation weiter, wie von der IG Metall befürchtet, drohen soziale Konflikte, die den ohnehin fragilen Umbau verzögern könnten. Der nächste konkrete Prüfstein ist damit klar terminiert: die Aufsichtsratssitzung am 4. September, bei der sowohl über den Stellenabbau als auch über das Rafael-Geschäft entschieden werden soll.

Bis dahin dürfte die Aktie in ihrer aktuellen Spanne zwischen dem 50-Tage-Durchschnitt und dem deutlich höheren 200-Tage-Durchschnitt von 90,38 Euro verharren – ein Bereich, der die Unsicherheit der Anleger über den Ausgang treffend widerspiegelt.

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