Der Machtkampf zwischen Vorstand und Belegschaft bei Volkswagen spitzt sich zu. Der Aufsichtsrat des Wolfsburger Autobauers lehnte am Montag vergangener Woche das von Konzernchef Oliver Blume vorgelegte verschärfte Sparprogramm zunächst ab. Das Paket mit dem Namen „Group Target Picture 2030“ sieht unter anderem mögliche Werksschließungen vor und sollte die Kostenstruktur des Konzerns grundlegend umbauen. Eine weitere Aufsichtsratssitzung zu den Schließungsplänen ist für September angesetzt.
Streit um Werksschließungen eskaliert
Betriebsratschefin Daniela Cavallo reagierte scharf auf den Umgang des Vorstands mit der Belegschaft. „Es reicht! Das Fass ist zum Überlaufen gekommen“, zitierten Medien die Betriebsratschefin. Der Umgang des Vorstands sei „an Respektlosigkeit nicht mehr zu überbieten“. Hintergrund ist ein bereits im Juli bekannt gewordener Plan, dem zufolge Volkswagen laut einem Bericht des „Spiegel“ vier deutsche Werke ab 2031 schließen will – zunächst Zwickau und Emden, 2032 dann Hannover, das Audi-Werk Neckarsulm soll den Plänen zufolge 2034 folgen. Nach Berichten des Manager Magazins stehen konzernweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze zur Disposition. Der Konflikt zeigt, wie tief der Graben zwischen Management und Arbeitnehmervertretern inzwischen ist – und wie schwer sich der Konzern mit der Umsetzung seiner Restrukturierung tut.
Schwache Halbjahresbilanz als Hintergrund
Der Streit fällt in eine Phase, in der die operativen Zahlen den Handlungsdruck unterstreichen. Volkswagen wies für das erste Halbjahr 2026 laut Medienberichten ein Ergebnis je Vorzugsaktie von 2,56 Euro aus, nach 4,34 Euro im Vorjahreszeitraum. Die konzernweiten Auslieferungen sanken um 6 Prozent auf 4,1 Millionen Fahrzeuge, wobei die Auslieferungen in China im zweiten Quartal um 37 Prozent einbrachen. Positiver Lichtblick war die Kernmarkengruppe Brand Group Core, die die Volumenmarken bündelt: Sie steigerte ihr operatives Ergebnis um 4,5 Prozent auf 3,61 Milliarden Euro, die operative Marge kletterte leicht auf 4,9 Prozent. Mit den Zahlen präsentierte der Vorstand dem Aufsichtsrat zugleich das Zielbild 2030 mit zwölf Initiativen, das die Overhead-Kosten von rund 45 auf rund 34 Milliarden Euro drücken soll – jenes Paket, das der Aufsichtsrat nun vorerst stoppte.
Analysten uneins nach den Zahlen
Die Reaktionen der Analysehäuser fielen nach Veröffentlichung der Halbjahreszahlen gespalten aus. Jefferies senkte sein Kursziel von 120 auf 115 Euro, beließ das Votum aber bei Kaufen. Deutlich zurückhaltender äußerte sich Oddo BHF: Der Broker stufte die Aktie auf Neutral mit einem Kursziel von 80 Euro zurück und betonte, Ergebnisse und Telefonkonferenz hätten „erneut die anhaltenden, erheblichen strukturellen Herausforderungen aufgezeigt, insbesondere in China, aber auch bei Wettbewerbsfähigkeit und Auslastung der industriellen Kapazitäten“. Bernstein Research bestätigte sein „Market-Perform“ mit Kursziel 100 Euro. Die Spanne der Einschätzungen spiegelt die Unsicherheit über Tempo und Erfolg der angekündigten Restrukturierung wider.
Milliardendeal als Gegengewicht
Abseits der operativen Baustellen treibt Volkswagen die Portfoliobereinigung voran. Der Konzern hatte im Juni mit Bain Capital eine exklusive Vereinbarung über den Verkauf der Mehrheitsbeteiligung an Everllence getroffen: 51 Prozent der Anteile sollen übertragen werden, Volkswagen will mit 49 Prozent mittelfristig wichtiger Anteilseigner bleiben. Die als Leveraged-Buyout-Transaktion strukturierte Vereinbarung soll dem Konzern rund 7,4 Milliarden Euro einbringen. Laut Börsen-Zeitung setzte sich Bain dabei gegen ein Konsortium um CVC Capital Partners sowie ein von EQT AB angeführtes Konsortium durch, dem auch die VW-Großaktionäre Porsche Automobil Holding und Qatar Investment Authority angehörten. Der Abschluss soll bis Ende 2026 erfolgen, sofern die regulatorischen Genehmigungen vorliegen.
An der Börse zeigte sich die Aktie zuletzt vergleichsweise stabil: Am Freitag schloss das Papier bei 76,18 Euro, ein Plus von 1,20 Prozent, liegt aber weiterhin knapp unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 78,18 Euro. Seit Jahresbeginn steht ein Kursminus von 26,86 Prozent zu Buche – ein Beleg dafür, dass der Markt die ungelöste Restrukturierungsfrage weiterhin als Belastung einpreist. Nächster wichtiger Termin ist die Vorlage der Zahlen zum dritten Quartal, die für den 29. Oktober erwartet wird. Bis dahin dürfte der Ausgang der für September angesetzten Aufsichtsratssitzung zu den Werksschließungen die Richtung vorgeben.
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