Tarifkonflikt verschärft die Lage der Wolfsburger
Am kommenden Mittwoch steht für Volkswagen eine richtungsweisende Weichenstellung an: In Hannover kommen Vertreter des Konzerns, der Betriebsrat und die IG Metall zu einem Überprüfungsgespräch über den Zukunftstarifvertrag 2024 zusammen. Die Gespräche finden unter maximaler Anspannung statt.
Erst am Dienstag beschloss die Tarifkommission der IG Metall einstimmig ihre Forderung nach 5 Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Betroffen von dieser Tarifforderung sind rund 130.000 Beschäftigte des Automobilherstellers.
Für den Konzern kommt dieser Vorstoß zur Unzeit. Vor rund zwei Wochen senkte Volkswagen die Jahresprognose für die operative Umsatzrendite drastisch auf maximal 1 Prozent, nachdem zuvor 4,0 bis 5,5 Prozent in Aussicht gestellt worden waren. Hohe Sonderlasten von rund 10 Milliarden Euro belasten das Konzernergebnis in diesem Geschäftsjahr schwer.
Diese Belastungen speisen sich aus mehreren Baustellen: Neben milliardenschweren Wertberichtigungen auf die Porsche AG belasten Vorruhestandsregelungen sowie der geplante Verkauf des Werks Osnabrück das operative Ergebnis.
Zudem fallen Wertberichtigungen auf vollkonsolidierte Gesellschaften in China an. Vor diesem Hintergrund wird das Zusammentreffen in Hannover zu einem echten Härtetest für das Verhältnis zwischen Unternehmensführung und Arbeitnehmervertretern.
Gelingt die milliardenschwere Senkung der Fixkosten?
Die entscheidende Frage für Anleger lautet: Kann Volkswagen die zwingend notwendige Restrukturierung vollziehen, ohne in einen langwierigen Arbeitskampf abzugleiten? Im Mittelpunkt steht die nachhaltige Senkung der Fixkosten an den deutschen Standorten.
Vor rund zwei Wochen rückten die Restrukturierungskosten und der geplante Stellenabbau in den Fokus. Zuvor hatte der Aufsichtsrat den „Zukunftsplan 2030“ gebilligt, der den Abbau von bis zu 100.000 Arbeitsplätzen vorsieht.
Mit diesem tiefgreifenden Konzernumbau sind Restrukturierungslasten von bis zu 10 Milliarden Euro verbunden. Um diese Transformation zu finanzieren und die Rendite wieder aufzubauen, benötigt das Management zwingend spürbare Entlastungen bei den Personalausgaben. Wenn die Gewerkschaft zeitgleich deutliche Gehaltssteigerungen einfordert, prallen zwei unvereinbare Zielsetzungen direkt aufeinander.
Die stark reduzierte Marge lässt der Konzernführung kaum Verhandlungsspielraum für materielle Zugeständnisse, ohne die eigenen Sanierungsziele zu untergraben. Anleger müssen deshalb genau verfolgen, ob das Management und der Aufsichtsrat – in dem Marianne Heiß seit Anfang September den Prüfungsausschuss leitet – die geplante Kostendisziplin verteidigen können oder ob die Restrukturierung durch teure Kompromisse aufgeweicht wird.
Kompromissbereitschaft ebnet den Weg zur Erholung
In einem optimistischen Szenario gelingt es beiden Verhandlungspartnern am Verhandlungstisch, einen tragfähigen Mittelweg zu finden. Die Mitbestimmung ist im Konzern historisch stark verankert; eine Verständigung über flexible Vorruhestandsmodelle könnte den notwendigen Arbeitsplatzabbau sozialverträglich gestalten und betriebsbedingte Kündigungen vermeiden. Gelingt es zudem, den Entgeltzuwachs in Grenzen zu halten, bliebe der Kern des Sparprogramms funktionsfähig.
Sollte sich dieser strategische Kurs im Dialog mit der Gewerkschaft bestätigen, könnten Investoren die aktuellen Sonderbelastungen als rein zyklischen Tiefpunkt verbuchen.
Sobald der Kapitalmarkt darauf vertrauen kann, dass die bilanzielle Bereinigung bei Porsche und dem China-Geschäft abgeschlossen ist, rückt das Erholungspotenzial der operativen Marge in den Vordergrund. Die konsequente Umsetzung der Einsparungen würde dann schrittweise in eine Neubewertung der Aktie münden.
Zähe Verhandlungen und operative Mängel belasten
Das Risiko eines verhärteten Arbeitskampfes ist jedoch real. Beharren Betriebsrat und IG Metall auf ihrer Forderung nach 5 Prozent mehr Lohn und blockieren den Stellenabbau, drohen Warnstreiks und kostspielige Verzögerungen. Eine solche Auseinandersetzung würde die ohnehin schwache Ertragskraft im zweiten Halbjahr weiter schwächen und wichtige Umbauprozesse blockieren.
Zusätzlich belasten operative Rückschläge die Konzernressourcen. Am Dienstag riefen Volkswagen und Audi weltweit knapp 2,86 Millionen Fahrzeuge zurück, weil eine Befestigungsschraube am Lenkgetriebe korrodieren und im schlimmsten Fall zum Verlust der Lenkfähigkeit führen kann. Betroffen sind Kernmodelle wie der Golf, der Tiguan und der Audi Q3.
Gestern berichteten Medien, dass geeignete Ersatzschrauben möglicherweise nicht in ausreichender Menge verfügbar sind und zunächst Alternativen verbaut werden müssen. Dies hätte zur Folge, dass betroffene Fahrzeughalter ein zweites Mal in die Werkstatt beordert werden müssten. Solche logistischen Reibungsverluste binden Managementkapazitäten, verursachen Zusatzkosten und belasten das Markenvertrauen in einer ohnehin kritischen Phase.
Hannover markiert den nächsten Wegweiser für Anleger
Für die weitere Kursentwicklung kommt es nun darauf an, ob die Aktie ihr jüngstes Tief verteidigen kann. Solange die Unterstützung am 52-Wochen-Tief bei 69,20 Euro standhält, bleibt das Szenario einer Bodenbildung auf ermäßigtem Niveau intakt. Am Freitag ging die Volkswagen-Vorzugsaktie mit einem Schlusskurs von 71,90 Euro aus dem Handel.
Kippt dieser Halt und bricht der Titel unter die Unterstützung weg, droht eine unmittelbare Fortsetzung der Talfahrt – seit Jahresanfang beläuft sich das Kursminus bereits auf 31 Prozent. Ein solcher Bruch würde anzeigen, dass der Markt dem Sanierungsfahrplan des Managements vorerst kein Vertrauen mehr schenkt.
Der nächste konkrete Katalysator für diese Entscheidung folgt am kommenden Mittwoch, dem 30. September. Die Ergebnisse des Überprüfungsgesprächs in Hannover werden verdeutlichen, ob der Konzern den Zukunftsplan geordnet umsetzen kann oder ob Volkswagen vor einer zermürbenden Hängepartie mit der Belegschaft steht.
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