Volkswagens größter Anteilseigner geht in die Offensive. Porsche SE, das die Wolfsburger mit 31,9 Prozent des Kapitals und 53,3 Prozent der Stimmrechte kontrolliert, fordert eine schnellere Restrukturierung des Autobauers. Am Freitag bestätigte Volkswagen, dass der Stellenabbau auf bis zu 100.000 Arbeitsplätze steigen könnte – doppelt so viele wie ursprünglich geplant. Parallel dazu bahnt sich ein weitreichender Umbau im Vertriebsvorstand an, der den gesamten Konzern durcheinanderwirbeln dürfte.
Großaktionär pocht auf Tempo
Für Porsche SE steht viel auf dem Spiel. Die Holding musste im ersten Halbjahr 2026 einen Verlust von 2,2 Milliarden Euro verbuchen, nachdem im Vorjahreszeitraum noch ein Gewinn von 300 Millionen Euro zu Buche stand. Ursache waren Abschreibungen von 3 Milliarden Euro auf die VW-Beteiligung sowie 200 Millionen Euro auf die Porsche AG. Das bereinigte Konzernergebnis sank auf 949 Millionen Euro, ein Rückgang von 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch bezeichnete die Lage als „historischen Wendepunkt“. Widerstand kommt von Betriebsrat, IG Metall und dem Land Niedersachsen, die sich gegen Werksschließungen stemmen. Die Gewerkschaft wirft den Eigentümerfamilien vor, Dividenden über den Erhalt von Arbeitsplätzen zu stellen. VW-Chef Oliver Blume brachte die Zwangslage auf den Punkt: „Was uns fehlt, ist Zeit.“
Die Dimension der geplanten Einschnitte ist beträchtlich: Bis zu vier Werke stehen zur Disposition, und der Konzern will seine Modellpalette von derzeit 150 Modellen unter acht Marken bis 2030 um die Hälfte reduzieren. Die deutsche Autobranche insgesamt schrumpft seit Jahren – laut Verband der Automobilindustrie sind seit 2019 bereits mehr als 100.000 Stellen weggefallen, bis 2035 sollen weitere 125.000 folgen. Auch Zulieferer wie Bosch und ZF bauen massiv Personal ab. Der Absatzeinbruch von über 30 Prozent in China im zweiten Quartal setzt Volkswagen zusätzlich unter Druck.
Vertriebsvorstand vor Rochade, Pickup für die USA geplant
Neben dem Sparprogramm zeichnet sich ein personeller Umbau ab. Marco Schubert, derzeit im Audi-Vorstand, soll die Nordamerika-Sparte übernehmen und Kjell Gruner an der Spitze von VW America ablösen. Damit verbunden ist ein strategischer Kurswechsel für den US-Markt: Volkswagen plant offenbar einen im Inland gefertigten Pickup, der noch vor Ende des Jahrzehnts in Chattanooga, Tennessee, produziert werden könnte – der bisherige Amarok bleibt davon als internationales Modell unberührt. Eine Partnerschaft mit Ford wird nach Berichten geprüft. Der Neuausrichtung liegt auch die volatile US-Nachfrage zugrunde, die im ersten Quartal 2026 noch um mehr als 16 Prozent einbrach, sich im zweiten Quartal aber um knapp 25 Prozent erholte.
Zahlen zeigen gemischtes Bild, E-Auto-Boom als Lichtblick
Operativ bleibt der Konzern unter Druck. Im ersten Halbjahr 2026 stagnierte der Umsatz bei 158 Milliarden Euro, während der operative Gewinn um 12 Prozent auf 5,9 Milliarden Euro sank. Einen Hoffnungsschimmer liefert das Elektrogeschäft: Die E-Auto-Bestellungen in Europa legten um 50 Prozent zu, mittlerweile ist fast jedes dritte bestellte Fahrzeug ein Elektroauto. Für die neuen Modelle ID.Polo und Schwestermodelle liegen bereits 70.000 Vorbestellungen vor. Sollte sich dieser Trend fortsetzen, könnte Volkswagen eine Rückstellung von 500 Millionen Euro für drohende EU-CO2-Strafen zumindest teilweise auflösen. Gegenläufig wirkt der Produktionsstopp des ID.4 in den USA, nachdem dort Förderungen gestrichen wurden.
Aktie reagiert verhalten positiv
An der Börse kam die Nachrichtenlage zunächst gut an: Die VW-Vorzugsaktie schloss am Freitag bei 76,42 Euro, ein Plus von 1,51 Prozent. Auf Wochensicht steht ein Zuwachs von 1,89 Prozent, über 30 Tage sogar von 4,77 Prozent. Der Kurs bewegt sich damit knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt von 78,19 Euro. Seit Jahresbeginn bleibt die Bilanz mit einem Minus von 26,63 Prozent jedoch deutlich negativ – ein Zeichen dafür, dass Anleger die tiefgreifenden strukturellen Probleme des Konzerns trotz einzelner positiver Signale noch nicht als gelöst betrachten.
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