Oliver Blume wollte den größten Umbau der VW-Geschichte durchsetzen. Der Aufsichtsrat hat ihm eine klare Absage erteilt. Für die Aktie bedeutet das neue Unsicherheit, ausgerechnet in einer ohnehin schon schwierigen Phase.
Die Vorzugsaktie schloss am Freitag bei 71,06 Euro, ein Minus von 1,31 Prozent zum Vortag. Damit liegt der Kurs nur noch 2,69 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 69,20 Euro, erst Anfang Juli markiert. Seit Jahresbeginn hat das Papier 33,03 Prozent verloren.
Ein Plan mit 100.000 Jobs auf der Kippe
Blume hatte dem Aufsichtsrat seinen „Zukunftsplan“ vorgelegt. Der Konzern sollte sich neu ausrichten, mit einem Zielbild für 2030 und zwölf Initiativen. Nach Medienberichten sollten die Produktionskapazitäten von 12 auf 9 Millionen Fahrzeuge pro Jahr sinken.
Die Dimensionen des Plans waren enorm. Laut „Manager Magazin“ standen bis zu 100.000 Stellen weltweit zur Disposition, doppelt so viele wie ursprünglich angekündigt. Vier deutsche Werke drohte die Schließung: Hannover, Emden, Zwickau und Neckarsulm.
Zu den bereits beschlossenen 50.000 Stellenstreichungen sollten bis 2030 weitere 70.000 Arbeitsplätze hinzukommen. Der Vorstand wollte zudem die Modellpalette um bis zu 50 Prozent straffen. Die Angebotskomplexität sollte um bis zu 75 Prozent sinken.
Aufsichtsrat stimmt mit Nein
Der Vorstand erlitt eine deutliche Niederlage. Zwölf von 19 Aufsichtsratsmitgliedern stimmten gegen Blumes Pläne. Das Nein kam vom Betriebsrat und vom Land Niedersachsen, dem zweitgrößten Aktionär nach der Familie Porsche/Piëch.
Trotzdem gibt sich der Vorstand kämpferisch. Blume kündigte an, den Umbau dennoch anzugehen. Einige Maßnahmen kann er auch ohne Zustimmung umsetzen, etwa die Halbierung der Modellpalette auf 73 Fahrzeuge.
Bei Werksschließungen und Personalabbau sieht die Lage anders aus. Diese Einschnitte lassen sich ohne grünes Licht des Aufsichtsrats nicht durchsetzen. Als Ausweg wird eine außerordentliche Hauptversammlung diskutiert — das Aktiengesetz erlaubt dem Vorstand diesen Schritt bei einer existenzbedrohenden Lage.
Operative Erfolge als Gegenargument
Blume verteidigt seinen Kurs trotz der Schlappe. „Mit unserem Zukunftsplan stellen wir den Konzern auch in einem global massiv herausfordernden Umfeld noch robuster und wettbewerbsfähiger auf“, erklärte er. Er sprach von der „umfassendsten Neuausrichtung der Konzerngeschichte“.
Der Konzern verweist auf positive Zahlen aus dem Halbjahresbericht. Die Bestellungen für Elektroautos in Europa stiegen im zweiten Quartal um mehr als 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Besonders gefragt: die neue Electric Urban Car Family mit VW ID. Polo, Škoda Epiq und CUPRA Raval, für die bereits über 54.000 Bestellungen vorliegen — obwohl erst drei der vier Modelle verfügbar sind.
In Europa bleibt Volkswagen zudem BEV-Marktführer, mit 377.000 verkauften Elektrofahrzeugen im ersten Halbjahr. Politisch bleibt der Widerstand aber groß. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies nannte Werksschließungen erneut keine Zukunftsstrategie.
Charttechnik zeigt überverkaufte Aktie
Die Kurszahlen spiegeln die Nervosität am Markt wider. Auf Monatssicht verlor die Aktie 17,85 Prozent, zum 200-Tage-Durchschnitt von 93,78 Euro klafft eine Lücke von rund 24 Prozent. Der RSI von 30,2 signalisiert eine nahezu überverkaufte Aktie.
Die 30-Tage-Volatilität liegt bei 32,21 Prozent — ein Wert, der anhaltend heftige Ausschläge erwarten lässt. Zum 52-Wochen-Hoch von 109,10 Euro, erreicht im Dezember 2025, fehlen der Aktie inzwischen fast 35 Prozent.
Der Vorstand muss nun einen Weg aus der Blockade finden. Nach der Sommerpause könnte eine überarbeitete Version des Zukunftsplans erneut zur Abstimmung stehen. Ob sie diesmal eine Mehrheit im Aufsichtsrat findet, bleibt offen.
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