Volatilität als Dauerzustand: SpaceX-Achterbahn, Berichtssaison mit Extremausschlägen und die wahren IPO-Gewinner

Trotz Rekordjagd der Indizes dominieren heftige Einzelwert-Ausschläge. SpaceX verliert nach Lock-up-Ablauf, während kleine Neuemissionen wie Lime und Bending Spoons überzeugen.

Auf einen Blick:
  • DAX und Wall Street mit verhaltener Entwicklung
  • SpaceX-Aktie fällt nach Haltefrist-Ablauf
  • Honeywell Aerospace stürzt nach Prognose-Senkung ab
  • Atlassian überzeugt mit Cloud-Wachstum und Rekordvertrag

Die großen Indizes kletterten in den vergangenen Tagen von Rekord zu Rekord. Trotzdem konnte an den Märkten eine einzige Aktie an einem einzigen Tag ein Viertel ihres Wertes verlieren – oder im Gegenzug ein Drittel dazugewinnen. Die Schwankungsbreite an den Börsen bleibt damit außergewöhnlich hoch, und genau diese Volatilität zieht sich als roter Faden durch das aktuelle Marktgeschehen: Sie ist Risiko und Chance zugleich.

DAX tritt auf der Stelle, unter der Oberfläche brodelt es

Der DAX legte zuletzt eine Rekordjagd hin, trat gestern aber praktisch auf der Stelle mit einem Plus von lediglich 0,05 %. Auch der MDAX bewegte sich kaum. Die Ruhe auf Indexebene erwies sich jedoch als Fassade: Allein acht DAX-Unternehmen standen mit Quartalszahlen im Fokus, und die Reaktionen fielen höchst unterschiedlich aus. Die Deutsche Telekom sprang um über 6 % nach oben, getragen vom Wachstum der US-Tochter und einem aufgestockten Aktienrückkauf. Siemens dagegen rutschte um fast 5 % ab – obwohl der Konzern sehr starke Quartalszahlen mit Rekordwerten im Neugeschäft vorlegte. Die Kursreaktion wurde auf Gewinnmitnahmen zurückgeführt, nachdem die Aktie am Vortag ein Rekordhoch erreicht hatte.

Wall Street: Zinssorgen und Einzelwert-Beben

An der Wall Street verlor der marktbreite S&P 500 gestern 0,18 %, der Dow Jones gab um 0,85 % ab und der Nasdaq 100 verlor rund 0,4 %. Die großen Barometer waren zur Wochenmitte auf Höchststände gelaufen. Belastend wirkten neben Gewinnmitnahmen auch wieder aufgeflammte Zinssorgen, nachdem ein Mitglied der US-Notenbank die Bereitschaft zu Leitzinserhöhungen signalisiert hatte – der Dissens im Offenmarktausschuss gilt als größer als in den vergangenen zehn Jahren. Dazu kamen Einzelwerte mit heftigen Ausschlägen: Honeywell Aerospace sackte um rund 23 % ab, der Werbe- und App-Spezialist AppLovin verlor nach einem enttäuschenden Umsatz- und Margenausblick fast 20 %.

SpaceX: Lehrstück in Volatilität

Besonders eindrücklich zeigt sich das Muster bei SpaceX. Der Weltraum- und KI-Konzern von Elon Musk ist erst seit Juni börsennotiert. Der Ausgabepreis lag bei 135 Dollar, bis Mitte Juni schoss die Aktie auf ein Rekordhoch von 225 Dollar. Zeitweise notierte sie zuletzt nur noch bei 105 Dollar – mehr als 50 % Verlust unter dem Verlaufshoch.

Dabei waren die ersten Zahlen als börsennotiertes Unternehmen gar nicht schlecht: Der Umsatz lag mit 7,8 Milliarden Dollar deutlich über den Erwartungen, zudem verzeichnete die KI-Sparte XAI einen operativen Verlust von 1,26 Milliarden Dollar. Trotzdem fiel die Aktie nach den Zahlen. Zwei Gründe werden dafür genannt: Die guten Nachrichten waren bereits eingepreist, nachdem die Aktie zuvor kräftig zugelegt hatte. Zusätzlich lief just an diesem Tag die erste Freigabe aus einer gestaffelten Haltefristvereinbarung aus – bis zu 911 Millionen Aktien von Altaktionären und Mitarbeitern können nun auf den Markt kommen, mehr als das Anderthalbfache des bisher frei handelbaren Bestandes. Bis Jahresende könnten durch weitere Lock-up-Auflösungen über 4 Milliarden Aktien handelbar sein.

Ausgerechnet am Tag dieser großen Aktienfreigabe drehte SpaceX ins Plus und schloss gut 2 % fester bei 110,67 Dollar. Offenbar überwogen Eindeckungen von Anlegern, die zuvor auf fallende Kurse gesetzt hatten – SpaceX zählte zuletzt zu den am stärksten leerverkauften Titeln, wesentlich getrieben von der Erwartung eines IPO-Überhangs. Elon Musk hatte zudem auf der Analystenkonferenz mit der Ansage für Aufsehen gesorgt, SpaceX könnte 2030 einen Umsatz von einer Billion Dollar erreichen – die Wall Street rechnet für denselben Zeitraum aktuell mit knapp 450 Milliarden Dollar, also weniger als der Hälfte. Musk knüpft seine Vision an einen massiven Ausbau der KI-Rechenkapazität und an das Satelliteninternet Starlink. Im Bereich von 100 bis 110 Dollar dürfte nach aktueller operativer Performance ein fairer Preis liegen, mit weiterem Angebotsdruck durch neue frei handelbare Aktien, aber potenziell auch höherer Liquidität.

Berichtssaison mit Extremen: Honeywell Aerospace, Sandisk und Atlassian

Drei Quartalsberichte zeigten die Bandbreite der aktuellen Reaktionen besonders deutlich.

Honeywell Aerospace, erst Ende Juni vom Industriekonglomerat Honeywell abgespalten, legte seine ersten Zahlen als eigenständiges Unternehmen vor – der Einstand ging gründlich daneben. Die Aktie stürzte um gut 23 % ab. Der Umsatz stieg im Berichtszeitraum zwar um 5 % auf 4,5 Milliarden Dollar, verfehlte aber die Erwartungen, ebenso der operative Gewinn, der um 7 % zurückging, belastet unter anderem durch Abschreibungen auf veraltete Lagerbestände. Der eigentliche Schock lag im Ausblick: Die Prognose für das organische Umsatzwachstum wurde von 7 bis 9 % auf nur noch 4 bis 5 % gesenkt – fast eine Halbierung, und das nur wenige Wochen nach Ausgabe der ursprünglichen Guidance.

Der Speicherhersteller Sandisk hat einen fast unwirklichen Lauf hinter sich: Die Aktie legte in diesem Jahr zeitweise um fast 500 % zu, auf Sicht von zwölf Monaten um mehr als 3000 %. Die jüngsten Quartalszahlen waren stark – ein bereinigter Gewinn von 39,25 Dollar je Aktie bei einem Umsatz von knapp 9 Milliarden Dollar, deutlich über den Erwartungen, getragen von der Nachfrage nach Speicher für Rechenzentren. Trotzdem gab die Aktie um 5 % nach, offenbar weil der Markt nach einem solchen Kurssprung einen noch stärkeren Ausblick erwartet hatte. Ein Teil des gemeldeten Margenrückgangs ist zudem gewollt: Das Unternehmen stellt sein Geschäftsmodell um, um Kunden über längere Zeiträume zu festen Preisen zu binden – ein Weg, den auch Wettbewerber Micron verfolgt.

Ganz anders reagierte der Markt auf den Softwarehersteller Atlassian, der hinter Programmen wie Jira, Confluence und Trello steht: Die Aktie sprang nachbörslich um mehr als 35 %. Der Konzern verdiente im Schlussquartal des Geschäftsjahres 1,87 Dollar je Aktie bei einem Umsatz von 1,77 Milliarden Dollar, ein Plus von 28 % und deutlich über den von Analysten erwarteten 1,50 Dollar. Das Cloud-Geschäft legte um 31 % zu, zudem meldete Atlassian den größten Firmenkundenvertrag der Unternehmensgeschichte. Über 80 % der 500 größten US-Konzerne nutzen inzwischen das KI-gestützte Werkzeug des Unternehmens.

Allianz und Münchner Rück: zwei gegensätzliche Geschichten

Auf dem deutschen Heimatmarkt standen heute zwei Versicherer im Fokus.

Bei der Allianz lief es rund: Der Münchner Versicherer übertraf im zweiten Quartal die Analystenerwartungen und sieht sich auf Kurs zu einem neuen Rekordergebnis im Gesamtjahr. Das operative Ergebnis stieg um 7,2 % auf einen Höchstwert von 2,5 Milliarden Euro, erwartet worden waren 4,6 Milliarden Euro, getragen von der Vermögensverwaltung sowie der Lebens- und Krankenversicherung. Der Nettogewinn blieb mit 2,6 Milliarden Euro wegen Sondereffekten aus Anteilsverkäufen hinter den Erwartungen zurück, bereinigt wuchs der Überschuss aber um 10 %. Der Konzern hält an seinem Ziel eines operativen Ergebnisses zwischen 16,4 und 18,4 Milliarden Euro fest und peilt eher die obere Hälfte dieser Spanne an.

Die Münchner Rück lieferte eine andere Botschaft: Der Rückversicherer bekommt den Preisabschwung im Kerngeschäft zu spüren. Bei der Vertragserneuerung im Juli musste er bereinigt um Inflation und veränderte Risiken einen Preisrückgang von 5,5 % hinnehmen. Das Unternehmen kappte daraufhin sein Umsatzziel: Die Rückversicherungssparte soll nun 38 Milliarden Euro Umsatz ausweisen, 2 Milliarden weniger als bisher erwartet. Für den Gesamtkonzern rechnet die Münchner Rück nur noch mit 62 statt 64 Milliarden Euro. Der Vorstand betonte, man verzichte auf Geschäfte ohne risikoadäquate Preise. Beim Gewinn steht der Konzern trotzdem gut da: Im zweiten Quartal verdiente er unter dem Strich gut 2,2 Milliarden Euro, ein Plus von über 6 %.

Die eigentlichen Gewinner des IPO-Jahres

Während SpaceX für Schlagzeilen sorgt, liegen die eigentlichen Gewinner am Markt für Neuemissionen bei deutlich kleineren Namen.

Der Roller- und E-Bike-Vermieter Lime (Neutron Holdings) ist seit dem Börsengang Ende Juni um rund 13 % gestiegen, getragen unter anderem von starken Zahlen mit einem Umsatzsprung von 24 %. Der Börsenwert liegt bei 2,4 Milliarden Dollar. Der italienische Technologiekonzern Bending Spoons, zu dem unter anderem AOL, Vimeo und Evernote gehören, legte seit dem Debüt über 55 % zu, befeuert durch die angekündigte Übernahme der Softwarefirma Airtable. DPC Holdings, Hersteller von Teilen für Flugzeugtriebwerke und Industrieturbinen, konnte seit dem Ausgabepreis um fast 70 % zulegen.

Auffällig ist, dass die meisten dieser IPO-Gewinner nicht aus den vielbeachteten KI- und Technologiesektoren stammen, sondern aus Bereichen wie Mobilität, Industrie oder Biotech – bis hin zu einem mexikanischen Silberminenbetreiber. Die großen, teuren Namen schnitten in der Performance dagegen schwächer ab, ohne dass dies die kleineren Neuzugänge negativ belastet hätte. Das spricht dafür, dass mancher Milliarden-Deal überteuert war, während der Markt für kleinere Neuemissionen realistischer gepreist erscheint. Der Rückschlag bei SpaceX dürfte die generelle Nachfrage nach Börsengängen dabei nicht bremsen – das Fenster für neue Emissionen bleibt weit offen.

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