Selten liegen zwei Analystenurteile so weit auseinander wie am Sonntag bei Voestalpine. JPMorgan-Analyst Dominic O’Kane hob die Einstufung für den Stahlkonzern auf „Overweight“ an und nannte ein Kursziel von 50,00 Euro. Am selben Tag bestätigte Nicolas Kneip von der Wiener Privatbank sein „Sell“-Votum mit einem Kursziel von 42,10 Euro. Zwischen den beiden Einschätzungen liegen fast acht Euro – ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich die Perspektiven auf den Konzern derzeit ausfallen.
Kurs zwischen Rekordlauf und Skepsis
Der breite Markt tendiert bislang eher zur optimistischen Lesart. Die Aktie schloss am Mittwoch bei 45,26 Euro und liegt seit Jahresbeginn mit 19,86 Prozent im Plus. Zum 52-Wochen-Hoch von 49,22 Euro, aufgestellt Ende Februar, fehlen aktuell noch 8,05 Prozent – der Titel hat sich also von seiner Bestmarke gelöst, bewegt sich aber weiterhin deutlich über seinem historischen Tief vom vergangenen Sommer. Das JPMorgan-Kursziel liegt damit knapp über dem bisherigen Rekordstand, während die Wiener Privatbank einen Rückgang unter das aktuelle Kursniveau für wahrscheinlicher hält.
Diese Divergenz spiegelt eine grundsätzliche Debatte um Voestalpine wider: Trägt die Investitionsstrategie in den USA und der grüne Umbau der Stahlproduktion künftiges Wachstum, oder belasten die Kosten dieser Projekte die Marge stärker als der Markt derzeit einpreist?
Dividende steigt, Bilanz liefert Substanz
Fundamental hat der Konzern zuletzt geliefert. Die am 4. Juni vorgelegten geprüften Zahlen für das Geschäftsjahr 2025/26 wiesen ein EBITDA von 1,5 Milliarden Euro bei einem Gesamtumsatz von 15,1 Milliarden Euro aus. Die Hauptversammlung beschloss am 1. Juli eine Anhebung der Dividende um 25 Prozent auf 0,75 Euro je Aktie, nach 0,60 Euro im Vorjahr. Der Ex-Dividenden-Tag lag am 9. Juli, die Auszahlung erfolgte am 14. Juli.
Parallel dazu stärkte Voestalpine seine Finanzierungsbasis: Im April stockte der Konzern die Wandelschuldverschreibung 2023 um 35 Millionen Euro auf, sodass das Instrument nun ein Gesamtvolumen von 285 Millionen Euro umfasst.
US-Expansion und grüner Stahl als Wachstumstreiber
Am 1. Juli eröffnete Voestalpine in Jeffersonville im US-Bundesstaat Indiana einen neuen Produktionsstandort für Längsträger. Rund 70 Millionen Euro flossen in die Anlage – ein sichtbares Signal für die Ausrichtung auf den US-Markt. Ergänzend kündigte der Konzern am 18. Juni an, das „greentec steel“-Projekt am Standort Donawitz im Jahr 2027 in Betrieb zu nehmen. Das Vorhaben soll die Stahlproduktion schrittweise CO2-ärmer gestalten und gilt als zentraler Baustein der langfristigen Konzernstrategie.
Auch am Heimatstandort investierte Voestalpine: Die modernisierte „voestalpine Stahlwelt“ in Linz öffnete am 23. Juni nach 23 Monaten Umbauzeit und einer Investition von rund 20 Millionen Euro wieder ihre Tore.
Für Anleger bleibt die Gemengelage komplex. Steigende Dividende, gestärkte Bilanz und laufende Zukunftsprojekte stehen einem ambitionierten US-Investitionsprogramm gegenüber, dessen Kostenwirkung die Wiener Privatbank offenbar kritischer bewertet als JPMorgan. Welche Einschätzung sich als treffender erweist, dürfte sich erst mit den kommenden Quartalszahlen klären.
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