Ein 470-Millionen-Euro-Auftrag, ein beschleunigter Umbau zur grünen Stahlproduktion und Geschäftszahlen auf Rekordniveau — trotzdem verlor die Voestalpine-Aktie auf Wochensicht fast sechs Prozent. Der Markt scheint die guten Nachrichten bereits abgehakt zu haben.
Historischer Auftrag für Rail Baltica
Voestalpine Railway Systems sicherte sich den bisher größten Rahmenvertrag der Unternehmensgeschichte. Rund 470 Millionen Euro umfasst der Auftrag für Rail Baltica — eines der größten Bahninfrastrukturprojekte Europas, das eine Hochgeschwindigkeitsverbindung zwischen Nord- und Mitteleuropa schaffen soll.
Der Vertrag sieht bis zu 1.000 Weichen vor, ausgelegt für Geschwindigkeiten bis 300 km/h. Jede Hochgeschwindigkeitsweiche kann bis zu 40 Sensoren tragen, die Daten in Echtzeit an eine Analysesoftware übermitteln. Die ersten Prototypen liefert Voestalpine 2027 aus seinen Werken in Litauen und Lettland.
Der Bereich Railway Systems erzielte im Geschäftsjahr 2025/26 mit 8.600 Mitarbeitenden einen Umsatz von 2,2 Milliarden Euro.
Donawitz schaltet auf Elektrostahl um
Zwei Tage nach dem Auftrag präsentierte Voestalpine konkrete Pläne für den Standort Donawitz. In knapp einem Jahr nimmt das Unternehmen dort eine Elektrolichtbogenofenanlage in Betrieb. Ab 2027 läuft grünstrombetriebene Elektrostahlproduktion parallel zum Hochofen — bis 2029 kann ein Hochofen stillgelegt werden.
Die Halle ist gebaut, Strom- und Rohstoffversorgung stehen. Im Herbst 2026 folgt die Montage der Kernanlagen.
Vorbehaltlich offener Förderfragen plant Voestalpine bis 2030 einen weiteren Ausbau für rund 100 Millionen Euro. Das Ziel: ab 2030 vollständig elektrifizierte Stahlproduktion in Donawitz, mit einer Kapazität von bis zu 1,5 Millionen Tonnen CO₂-reduzierten Stahls pro Jahr. Das entspräche einer Einsparung von mehr als 90 Prozent der CO₂-Emissionen gegenüber 2019.
Starke Zahlen, aber eingepreiste Fantasie
Das Fundament stimmt. Das EBIT stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 724 Millionen Euro — nach 455 Millionen Euro im Vorjahr. Der Gewinn nach Steuern sprang um 137,6 Prozent auf 424 Millionen Euro. Die Nettofinanzschulden sanken auf 1,30 Milliarden Euro, die niedrigste Gearing Ratio seit 2005/06.
Für 2026/27 erwartet das Management ein EBITDA zwischen 1,60 und 1,85 Milliarden Euro, nach 1,49 Milliarden Euro im Vorjahr.
Regulatorisch kommt ab Juli Rückenwind: Die EU senkt die zollfreien Importquoten um 47 Prozent auf 18,3 Millionen Tonnen jährlich. Zölle außerhalb der Quoten steigen von 25 auf 50 Prozent. Der CO₂-Grenzausgleich CBAM verteuert Stahlimporte aus China und der Türkei schätzungsweise um 40 bis 70 Euro je Tonne — ein wachsender Preisvorteil für emissionsarme Produzenten wie Voestalpine.
Belastend bleibt der US-Markt. Die Section-122-Zölle sind zwar gerichtlich angefochten, laufen aber vorerst weiter. Voestalpine beziffert den Ergebniseffekt auf 60 bis 80 Millionen Euro. Besonders hart trifft es die Tubulars-Division mit Sonderzöllen von bis zu 50 Prozent.
Kein Wunder, dass UBS und Morgan Stanley den Titel zuletzt auf „Neutral“ beziehungsweise „Equal-Weight“ gestuft haben. Beide Häuser argumentieren: Nach der Kursrally von knapp 100 Prozent auf Jahressicht sind die guten Nachrichten weitgehend eingepreist. Die Aktie schloss am Freitag bei 43,82 Euro — rund elf Prozent unter dem Februar-Hoch von 49,22 Euro und knapp unter dem 50-Tage-Durchschnitt.
Hauptversammlung und neue Dividendenpolitik
In der kommenden Woche hält Voestalpine seine ordentliche Hauptversammlung ab. Der Vorstand schlägt vor, die Dividende von 0,60 auf 0,75 Euro je Aktie anzuheben. Künftig will das Unternehmen 30 Prozent des Gewinns je Aktie ausschütten — sofern das Verhältnis von Nettofinanzschulden zu EBITDA unter 2,0 bleibt. Die Untergrenze liegt bei 0,40 Euro je Aktie.
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