Während die Wiener Privatbank dem Stahlkonzern ein „Verkaufen“ attestiert, sieht J.P. Morgan noch deutlich mehr Luft nach oben. Dazwischen hat der Konzern in den vergangenen Wochen seine Dividende ausgezahlt und die verschärften EU-Handelsschutzmaßnahmen für Stahl sind in Kraft getreten.
Diskrepanz bei den Kurszielen
Analyst Nicolas Kneip von der Wiener Privatbank bestätigte am 15. Juli 2026 sein Rating „Verkaufen“ für Voestalpine und hob den fairen Wert nur leicht von 41,50 Euro auf 42,10 Euro an. Fünf Tage zuvor, am 10. Juli 2026, hatte J.P. Morgan-Analyst Dominic O’Kane die Einstufung „Overweight“ erneuert und sein Kursziel unverändert bei 50,00 Euro belassen. Zwischen den beiden Einschätzungen liegen fast acht Euro – ein deutliches Signal dafür, wie unterschiedlich die Wachstumsaussichten des Konzerns derzeit bewertet werden.
Der Aktienkurs bewegt sich mit einem Schlusskurs von 44,94 Euro genau zwischen beiden Kurszielen. Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 19,01 Prozent zu Buche, zum 52-Wochen-Hoch vom 25. Februar 2026 bei 49,22 Euro fehlen aktuell 8,70 Prozent.
Dividende ausgezahlt, Zahlen aus dem abgelaufenen Geschäftsjahr
Am 14. Juli 2026 wickelte Voestalpine die Dividendenauszahlung für das Geschäftsjahr 2025/26 ab: 0,75 Euro je Aktie, nach 0,60 Euro im Vorjahr. Der Ex-Dividenden-Tag lag am 9. Juli 2026, beschlossen worden war die Ausschüttung bereits auf der 34. ordentlichen Hauptversammlung am 1. Juli 2026.
Grundlage der Erhöhung sind die im Juni vorgelegten Jahreszahlen: Der Umsatz lag bei 15,1 Milliarden Euro, das EBITDA stieg auf 1,5 Milliarden Euro nach 1,3 Milliarden Euro im Vorjahr, das EBIT erreichte 724 Millionen Euro. Für das laufende Geschäftsjahr 2026/27 stellt der Konzern ein EBITDA zwischen 1,60 und 1,85 Milliarden Euro in Aussicht – eine Spanne, die weiteres Wachstum gegenüber dem Vorjahr signalisiert.
EU-Zollschutz und Transformationsfahrplan
Zum selben Zeitpunkt wie die Hauptversammlung trat auch eine Verschärfung der EU-Stahlschutzmaßnahmen in Kraft. Die zollfreien Importkontingente wurden auf rund 18,3 Millionen Tonnen jährlich begrenzt, für Mengen darüber hinaus verdoppelt sich der Zollsatz von 25 auf 50 Prozent. Für einen europäischen Stahlkonzern wie Voestalpine verändert das die Wettbewerbsbedingungen gegenüber Importware spürbar.
Auf der Hauptversammlung bestätigte der Vorstand zudem den Zeitplan für das Transformationsprojekt „greentec steel“: Die neuen Elektrolichtbogenöfen sollen Anfang 2027 in Betrieb gehen. Ergänzend hatte der Konzern im Mai den Abschluss seiner Portfoliobereinigung in Deutschland vermeldet – der Verkauf der Tochter Buderus Edelstahl an die Beteiligungsgesellschaft Mutares war bereits im Vorjahr finalisiert worden.
Blick nach vorn
Der nächste Prüfstein für die auseinanderlaufenden Analystenmeinungen dürfte der Bericht zum ersten Quartal des Geschäftsjahres 2026/27 sein, dessen Veröffentlichung für den 5. August 2026 angesetzt ist. Erst dann wird sich zeigen, ob sich die im Juni gegebene EBITDA-Guidance mit belastbaren Zahlen unterlegen lässt – und ob sich die Schere zwischen dem skeptischen Kursziel der Wiener Privatbank und der deutlich optimistischeren Einschätzung von J.P. Morgan wieder schließt.
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