Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
an der Wall Street kursiert derzeit ein Paradoxon, das Börsengeschichte schreiben könnte. Zwei der bekanntesten Namen der Unterhaltungsindustrie liefern sich einen erbitterten Kampf um einen strauchelnden Medienriesen – und der wahre Gewinner wird derjenige sein, der am Ende mit leeren Händen dasteht.
Netflix gegen Paramount Skydance. Beide wollen Warner Bros. Discovery. Beide sind bereit, tief in die Tasche zu greifen. Und beide Aktien haben seit dem Beginn des Bietergefechts im Dezember rund 25 Prozent an Wert verloren. Die Botschaft der Märkte ist eindeutig. Anleger, die dieses Prinzip verstehen, können daraus eine konkrete Investmentstrategie ableiten.
Ein Preiskampf, den niemand gewinnen kann
Warner Bros. Discovery war noch im April 2025 für magere acht Dollar je Aktie zu haben. Heute streiten sich zwei Konzerne um die Vorherrschaft über einen Konzern, dessen Schulden zuletzt bei rund 30 Milliarden Dollar lagen. CEO David Zaslav hat aus einer schwachen Verhandlungsposition das Maximum herausgeholt – das ist unbestreitbar.
Netflix legte im Dezember als erstes ein konkretes Angebot vor: 27,75 Dollar je Aktie in bar für die Premium-Assets des Konzerns. Dazu zählen HBO, das Filmstudio Warner Bros., die TV-Produktion und die Streaming-Sparte. Die Cable-TV-Sparte mit CNN, Discovery Channel und den Turner-Netzwerken würde vorher als eigenständiges Unternehmen namens Discovery Global abgespalten. Netflix hätte damit die begehrten HBO-Inhalte, aber auch über 50 Milliarden Dollar neue Schulden in der Bilanz.
Paramount Skydance konterte mit 30 Dollar je Aktie in bar für den gesamten Konzern – ein Gesamtwert von rund 108 Milliarden Dollar. Warner gab Paramount bis zum 23. Februar Zeit, dieses Angebot noch zu verbessern. Hinter den Kulissen soll Paramount bereits 31 Dollar signalisiert haben, und Spekulationen über 32 bis 33 Dollar kursieren inzwischen offen.
Netflix hat dabei Matching Rights. Jedes Angebot von Paramount kann Netflix replizieren. Co-CEO Ted Sarandos gab sich gegenüber CNBC demonstrativ gelassen: „Lassen wir sie den ersten Schritt machen, dann werden wir sehen, wohin uns der nächste Schritt führt.“ Mit einer Marktkapitalisierung von 325 Milliarden Dollar könnte Netflix jeden Preis bieten, den es für nötig hält.
Das Disney-Trauma und was es Anlegern lehrt
Wer die aktuelle Situation betrachtet, erkennt ein bekanntes Muster. Im Jahr 2018 kämpften Walt Disney und Comcast um die Mehrheit der 21st Century Fox-Assets. Disney gewann – und zahlte dafür 71 Milliarden Dollar. Der Deal belastete die Bilanz massiv und trug dazu bei, dass die Disney-Aktie seither stagniert. Der S&P 500 hat sich im gleichen Zeitraum fast verdreifacht.
Disney ist das Lehrbuch für das, was bei überhitzten Übernahmerennen passiert. Der Sieger trägt die Last der Schulden, des Integrationsaufwands und der überhöhten Kaufpreise. Die Aktionäre zahlen die Zeche – manchmal über Jahre.
Beim Warner-Deal droht dasselbe Szenario. Netflix würde für HBO und die Studios ein Multiple von rund 25 Mal dem prognostizierten EBITDA 2026 zahlen. Zum Vergleich: Branchenführer Disney wird aktuell mit dem zehnfachen EBITDA bewertet. Selbst unter optimistischen Synergieerwartungen ist das eine aggressive Bewertung.
Die Kabel-Sparte, die bei einem Netflix-Deal ausgegliedert würde, macht die Rechnung noch komplizierter. Warner selbst schätzt deren Wert auf ein bis vier Dollar je Aktie. Paramount hält dagegen, dass die Schuldenallokation von rund 17 Milliarden Dollar den Eigenkapitalwert auf null reduziert. Ein Blick auf Versant Media, die kürzlich abgespaltene Comcast-Kabelsparte mit CNBC und dem Golf Channel, stützt diese pessimistische Sicht. Versant wird an der Börse mit gerade einmal dem 3,5-fachen des prognostizierten EBITDA 2026 bewertet – ein schlechtes Omen für Discovery Global.
Warum der Verlierer die bessere Aktie sein könnte
Hier liegt die eigentliche Investment-Logik dieses Bieterkampfs. Sobald ein endgültiger Deal steht, wird die Aktie des unterlegenen Bieters voraussichtlich steigen.
Netflix hat seit Ankündigung des Deals im Dezember rund 25 Prozent verloren. Die Aktie notiert aktuell bei etwa 77 Dollar und wird mit dem 25-fachen der für 2026 prognostizierten Gewinne bewertet. Für ein Unternehmen, dem Analysten ein jährliches Gewinnwachstum von über 15 Prozent zutrauen, ist das ein vertretbares Multiple – allerdings nur ohne die Schuldenlast einer Warner-Übernahme. Fällt Netflix als Bieter aus, kassiert der Konzern zudem eine Breakup Fee von 2,8 Milliarden Dollar. Das wäre ein doppelter Gewinn: kein Schuldenturm, frisches Kapital.
Paramount steht vor einer anderen, aber ähnlich attraktiven Logik. Ein Scheitern des Deals würde den Konzern davor bewahren, sich mit über 100 Milliarden Dollar Verbindlichkeiten zu belasten. Darüber hinaus könnten Warner-Assets – insbesondere die Cable-Sparte – zu einem späteren Zeitpunkt und zu deutlich günstigeren Konditionen verfügbar werden, etwa wenn ein Netflix-Deal an kartellrechtlichen Hürden scheitert. Antitrust-Risiken sind bei einem Zusammenschluss der beiden dominierenden Streaming-Plattformen tatsächlich nicht zu unterschätzen.
Was Anleger jetzt konkret beachten sollten
Der Bieterkampf um Warner Bros. Discovery ist kein Einzelfall. Er ist symptomatisch für die Konsolidierungsdynamik im globalen Medienmarkt. Traditionelle Inhalte-Assets werden zunehmend als strategische Notwendigkeit im Streaming-Zeitalter betrachtet – und genau deshalb zu Preisen gehandelt, die fundamentale Bewertungsmaßstäbe sprengen.
Die Warner-Aktie selbst reflektiert diesen Übernahme-Premium bereits. Mit einem Kurs von rund 28,50 Dollar und einem Plus von 16 Prozent seit Dezember ist das Upside begrenzt, solange der Deal noch nicht abgeschlossen ist. Das spekulative Element bleibt erheblich – Kartellbehörden, Finanzierungsfragen und mögliche weitere Bieter können das Blatt noch wenden.
Die eigentliche Gelegenheit liegt woanders. Netflix hat mit seiner weltweiten Dominanz im Streaming ein Geschäftsmodell aufgebaut, das in der Unternehmensgeschichte ohne große Übernahme funktioniert hat. Reed Hastings führte den Konzern zur globalen Marktführerschaft – ohne einen Deal wie diesen. Die aktuelle Schwäche der Netflix-Aktie, bedingt durch Übernahmeangst und Schuldenbedenken, könnte sich als temporär erweisen, sobald Klarheit über den Ausgang des Bieterkampfs herrscht.
Das Paradoxon als Investmentprinzip
Die Geschichte der großen Medienübernahmen zeigt ein konsistentes Muster: Bieterrennen erzeugen Preise, die Synergien vorwegnehmen, die nie vollständig eintreten. Die Schulden bleiben, die Integrationsprobleme auch – aber der Optimismus der Übernahmephase verflüchtigt sich schnell.
Wer also aus dem Warner-Deal eine Investmentstrategie ableiten will, richtet den Blick nicht auf Warner selbst. Die entscheidende Frage lautet: Wer verliert diesen Kampf – und wann wird die Erleichterungsrally einsetzen?
Das Paradoxon dieses Bietergefechts ist damit auch eine Lektion über das Wesen von Marktentscheidungen. Manchmal ist Zurückhaltung die mutigste und profitabelste Strategie. Anleger, die dieses Prinzip auf ihre eigenen Portfolioentscheidungen übertragen, sind dem Markt einen entscheidenden Schritt voraus.
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