Ein Kursziel sinkt, das andere liegt weit darüber. Bei Valneva zeigt sich derzeit ein ungewöhnlich großer Graben zwischen Analystenmeinungen. Der Grund: Die Zukunft des Impfstoffherstellers hängt stark an einem einzigen Kandidaten gegen Borreliose.
First Berlin senkt Ziel, TD Cowen startet euphorisch
Das deutsche Analysehaus First Berlin bestätigte seine Kaufempfehlung für Valneva. Das Kursziel senkten die Analysten dennoch von 4,50 auf 4,40 Euro. Grund waren enttäuschende Produktumsätze im zweiten Quartal 2026 – sie fielen um 21 Prozent. Für die zweite Jahreshälfte erwartet First Berlin allerdings eine Erholung.
Ganz anders positioniert sich TD Cowen. Die US-Bank nahm die Coverage von Valneva im August neu auf, mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 12 US-Dollar. Die Analysten bezeichnen den Lyme-Impfstoffkandidaten LB6V als „de-risked“ – also mit deutlich reduziertem Entwicklungsrisiko. Bis 2035 könnte das Programm zu einer verlässlichen Lizenzeinnahmequelle werden, so die Einschätzung.
Sparprogramm zeigt Wirkung, Verlust wächst trotzdem
Beim Blick in die Bücher zeigt sich, wie stark Valneva bereits gespart hat. Die Marketing- und Vertriebskosten fielen von 20,3 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum auf 13,5 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2026. Das Unternehmen reduzierte Werbeausgaben für den Chikungunya-Impfstoff IXCHIQ und baute Personal sowie Lagerkosten ab.
Auch die Verwaltungskosten sanken. Sie lagen bei 15,4 Millionen Euro, verglichen mit 19 Millionen Euro im Vorjahreshalbjahr. Niedrigere Personalkosten und geringere Beraterhonorare machten den Unterschied.
Trotz dieser Einsparungen verschlechterte sich das operative Ergebnis deutlich. Der operative Verlust stieg von 16,8 Millionen Euro im Vorjahr auf 49,9 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2026. Einmalige Restrukturierungskosten von 3,2 Millionen Euro trugen dazu bei. Das Management erwartet die eigentlichen Einspareffekte erst für die zweite Jahreshälfte und darüber hinaus.
CEO setzt auf Zulassung binnen zwölf Monaten
Vorstandschef Thomas Lingelbach äußerte sich auf der Telefonkonferenz zu den Quartalszahlen optimistisch über den gemeinsam mit Pfizer entwickelten Lyme-Kandidaten. Er teile die positive Einschätzung, die auch aus der Kommunikation von Pfizer spreche, so Lingelbach. Er zeigte sich sehr zufrieden mit den Fortschritten und rechnet mit einer Zulassung innerhalb der nächsten zwölf Monate. Das würde attraktive strategische Optionen eröffnen.
Kurs bereits stark gelaufen
Die Aktie schloss am Donnerstag bei 2,94 Euro, ein Plus von 1,2 Prozent zum Vortag. Auf Monatssicht steht dennoch ein Kursgewinn von 38 Prozent zu Buche – ein Anstieg, der fast ausschließlich auf den regulatorischen Fortschritten beim Lyme-Programm beruht. Der Titel bleibt trotz der Rally 45 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 5,34 Euro aus dem Oktober 2025.
Die Differenz zwischen den Kurszielen von First Berlin und TD Cowen macht sichtbar, wie unterschiedlich der Markt die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Zulassung einpreist. Bestätigt sich Lingelbachs Zeithorizont von zwölf Monaten, dürfte sich zeigen, welche der beiden Einschätzungen der Realität näherkommt.
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