Manche Impfstoffe verkaufen sich über Angst, andere über Zahlen. Bei Valneva war es diesen Freitag beides. Die Aktie schoss um 27 Prozent nach oben, nachdem die Europäische Arzneimittelagentur EMA bekanntgegeben hatte, den Zulassungsantrag für den Lyme-Borreliose-Impfstoff PF-07307405 formal zur Prüfung anzunehmen.
Ein technischer Verwaltungsakt, könnte man meinen. Für ein Unternehmen, das seit Monaten unter roten Zahlen und einem gestrichenen Chikungunya-Geschäft leidet, war es der bislang deutlichste Beweis, dass die große Wette auf Zecken doch aufgehen könnte.
Der Kandidat, gemeinsam mit Pfizer entwickelt, basiert auf Daten der Phase-3-Studie VALOR, die eine Wirksamkeit von über 70 Prozent bei der Vorbeugung von Lyme-Borreliose bei Menschen ab fünf Jahren zeigte, bei guter Verträglichkeit.
Pfizer und Valneva teilten die EMA-Validierung in einer gemeinsamen Mitteilung mit. Eine Entscheidung der Behörde wird innerhalb der kommenden zwölf Monate erwartet, auch eine Validierung durch die US-Zulassungsbehörde FDA steht in den kommenden Monaten als nächster Katalysator an.
Ein Strukturwandel im Kleinen
Valneva war lange ein Nischenanbieter für Reiseimpfstoffe, zuletzt geschwächt durch den Ausstieg aus IXCHIQ-bezogenen Verträgen. Die am Donnerstag veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigten die Kehrseite dieser Umstellung: Die Gesamterlöse sanken im ersten Halbjahr 2026 auf 65,8 Millionen Euro von 97,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, der Nettoverlust verdreifachte sich nahezu auf 63,3 Millionen Euro von 20,8 Millionen Euro.
Das Management hielt dennoch an der Jahresprognose von 135 bis 150 Millionen Euro Produktumsatz fest und verwies auf eine Kassenposition von 121,5 Millionen Euro.
Parallel dazu trennt sich das Unternehmen von seinem Stammsitz in Nantes. Für 6,2 Millionen Euro wurde eine vorläufige Verkaufsvereinbarung mit der Metropolregion Nantes unterzeichnet, der Abschluss wird für September erwartet. Es ist die Art von Bilanzhygiene, die man von Firmen kennt, die sich auf eine neue Zukunft ausrichten und altes Ballast abwerfen — hier im Wortsinn den eigenen Firmensitz.
Genau darin liegt die eigentliche Geschichte hinter dem Kurssprung: Valneva verschiebt sein Zentrum von etablierten, aber margenschwachen Reiseimpfstoffen hin zu einem Partnerschaftsmodell mit einem der größten Pharmakonzerne der Welt. Der Zeckenimpfstoff ist dabei nicht irgendein Nebenprojekt.
Analystin Tara Bancroft von TD Cowen initiierte am 11. August die Coverage mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 12 US-Dollar; sie bezifferte das mögliche Spitzenumsatzvolumen bis 2035 auf rund 3,1 Milliarden Euro, wovon etwa 590 Millionen Euro als Lizenzerlöse an Valneva fließen könnten.
Ihr Argument: Das Basisgeschäft mit Reiseimpfstoffen biefe einen gewissen Puffer nach unten, während LB6V dank validierter Biologie und der regulatorischen Erfahrung von Pfizer als vergleichsweise entrisktes Projekt gelte.
Zwischen Euphorie und Kater
Wer sich die Handelsdaten ansieht, erkennt schnell, wie schnell aus Erleichterung Übertreibung werden kann. Der Kurs kletterte binnen sieben Handelstagen um 34 Prozent, binnen 30 Tagen um 39 Prozent und notiert nun 35 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt.
Der RSI von 80,6 signalisiert eine deutlich überkaufte Lage, die 30-Tage-Volatilität von 88 Prozent unterstreicht, wie nervös der Markt auf jede neue Information reagiert. Zum bisherigen Jahreshoch von 5,36 Euro, erreicht im August 2025, fehlen dennoch 43 Prozent — und auf Jahressicht steht die Aktie noch immer 18 Prozent im Minus.
Diese Diskrepanz zwischen kurzfristiger Euphorie und langfristiger Skepsis ist typisch für Biotech-Werte, die auf einen einzigen regulatorischen Meilenstein zusteuern. Die EMA-Validierung ist ein Etappensieg, keine Zulassung.
Bis eine endgültige Entscheidung fällt, bleibt reichlich Zeit für Rückschläge, neue Studienergebnisse etwa zum Shigella-Impfstoffkandidaten S4V2, dessen Daten im dritten Quartal erwartet werden, oder für Enttäuschungen bei der FDA.
Ob aus dem Zeckenstich am Ende ein nachhaltiger Wertzuwachs wird, hängt weniger vom Kursverlauf dieser Woche ab als von dem, was die Zulassungsbehörden in den kommenden zwölf Monaten tatsächlich entscheiden.
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