Es gibt diese Momente an der Börse, in denen ein einzelnes Aktenzeichen mehr Wert entfaltet als ein ganzes Geschäftsjahr. Für Valneva war das der 14. August: An diesem Tag validierte die europäische Arzneimittelbehörde EMA die Zulassungsunterlagen für PF-07307405, den mit Pfizer entwickelten Impfstoffkandidaten gegen Borreliose.
Zwischen dem 14. und 17. August legte die Aktie rund 20 Prozent zu, der größte Tagesgewinn seit August 2025. Wer die Kursverläufe der vergangenen Wochen verfolgt, kennt das Muster: Biotech-Werte leben von binären Ereignissen, und Valneva liefert gerade eines der seltenen Beispiele, in denen ein europäischer Nischenanbieter zum Partner eines Weltkonzerns für ein Produkt wird, das es in dieser Form noch nicht gibt.
Das ist der größere Trend, den man hier beobachten kann: Die Pharmabranche sucht seit Jahren nach Impfstoffen gegen Krankheiten, die zwar keine Pandemie auslösen, aber stille, chronische Lasten verursachen. Borreliose gehört dazu.
Sollte PF-07307405 den Weg durch EMA und FDA schaffen, wäre es der erste zugelassene Lyme-Impfstoff für Menschen in Europa. TD Cowen initiierte am 11. August die Coverage mit einem Kaufvotum und einem Kursziel von 12,00 US-Dollar, verbunden mit der Prognose, der Impfstoff könne bis 2035 einen globalen Spitzenumsatz von 3,1 Milliarden Euro erreichen.
Am 12. August folgte von TD Cowen eine Hochstufung auf „Strong Buy“ mit der Begründung, das Basisgeschäft biete Abwärtsschutz, während das Pfizer-Programm einen bereits entschärften Wachstumskatalysator darstelle.
Doch wer nur auf die Zulassungsfantasie schaut, übersieht die zweite Geschichte, die sich parallel abspielt: den Rückzug aus einem Markt, der einmal die große Hoffnung war.
Am 14. August bestätigte Valneva die Rücknahme der US-Zulassungsanträge für den Chikungunya-Impfstoff Ixchiq, nachdem die FDA die Lizenz Ende 2025 wegen Berichten über schwere Nebenwirkungen ausgesetzt hatte. Das Unternehmen verlegt seine Vermarktungsstrategie nun auf Regionen, in denen Chikungunya endemisch auftritt – ein deutlich kleinerer, aber planbarerer Markt.
Diese Kehrtwende hat ihren Preis. Am 13. August meldete Valneva für das erste Halbjahr 2026 Gesamterlöse von 65,8 Millionen Euro, nach 97,6 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum, sowie einen Nettoverlust von 63,3 Millionen Euro.
Ursache waren der Rückgang der Drittanbieter-Verkäufe und einmalige Abschreibungen auf Ixchiq-Bestände. Die Jahresprognose blieb dennoch bestehen: Das Management erwartet Produktumsätze zwischen 135 und 150 Millionen Euro sowie Gesamterlöse von 145 bis 160 Millionen Euro.
Zum 30. Juni verfügte das Unternehmen über liquide Mittel von 121,5 Millionen Euro, gestützt durch eine im Jahresverlauf abgeschlossene Kapitalerhöhung über 34,3 Millionen Euro im Rahmen eines auf 84 Millionen Euro angelegten Angebots.
Seit Mai läuft zudem ein globales Restrukturierungsprogramm mit einem Stellenabbau von 10 bis 15 Prozent, das ab der zweiten Jahreshälfte positive Effekte auf den Cashflow bringen soll.
First Berlin Equity Research bestätigte am 19. August ein „Buy“-Rating, senkte das Kursziel jedoch von 4,50 auf 4,40 Euro und verwies auf einen Rückgang der Quartalsumsätze um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr sowie steigende Nettoverschuldungsprognosen.
Auch institutionelle Anleger positionieren sich neu: JPMorgan Chase und Marex Group meldeten am 12. August neue Positionen, die institutionelle Gesamtbeteiligung liegt inzwischen bei 11,39 Prozent.
Am Markt zeigt sich die Ambivalenz dieser Gemengelage deutlich. Die Aktie notiert aktuell bei 2,96 Euro, nur leicht unter dem gestrigen Schlusskurs von 2,98 Euro, nachdem sie binnen 30 Tagen um 37 Prozent zugelegt hat.
Zum 52-Wochen-Hoch von 5,34 Euro aus dem Oktober vergangenen Jahres bleibt aber ein Abstand von 45 Prozent, ein Hinweis darauf, wie tief die Aktie zuvor gefallen war. Ein RSI von 73,4 signalisiert zudem eine kurzfristig überkaufte Lage nach der jüngsten Rally.
Für das dritte Quartal stehen bereits die nächsten Prüfsteine fest: Phase-2-Daten für den vierwertigen Shigella-Impfstoffkandidaten S4V2 und Ergebnisse einer kontrollierten Infektionsstudie. Pfizer rechnet zudem binnen zwölf Monaten mit Entscheidungen von EMA und FDA zum Lyme-Impfstoff.
Valneva balanciert damit zwischen einem aufgegebenen Markt und einem möglichen neuen – eine Konstellation, die zeigt, wie volatil das Geschäft mit seltenen, aber lukrativen Impfstoffnischen bleibt.
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