Der japanische Halbleiterausrüster Tokyo Electron steht derzeit massiv unter Druck. Eine Kombination aus überraschenden technologischen Fortschritten der chinesischen Konkurrenz, wachsender Skepsis gegenüber dem KI-Boom und den Auswirkungen eines schweren Erdbebens belastet die Aktie des weltweit viertgrößten Herstellers von Chip-Produktionsanlagen erheblich.
Chinas Vorstoß in die Lithografie belastet den Sektor
Auslöser der jüngsten Verkaufswelle im gesamten Halbleitersektor sind Berichte über den technologischen Durchbruch chinesischer Staatsunternehmen. Laut Medienberichten haben Firmen wie Shanghai Aishengna und Shanghai Yuliangsheng mit der Massenproduktion von DUV-Lithografie-Maschinen (Deep Ultraviolet) begonnen. Diese Anlagen sind essenziell für die Herstellung von Chips und wurden bisher fast ausschließlich von westlichen oder japanischen Firmen geliefert. Dass China nun fünf dieser Scanner an heimische Hersteller wie SMIC, Hua Hong und CXMT ausgeliefert hat, schürt Ängste vor einem massiven Marktanteilsverlust etablierter Player.
Zusätzliche Verunsicherung lösten die jüngsten Quartalszahlen des südkoreanischen Speicherchipherstellers SK Hynix aus. Obwohl das Unternehmen ein Rekordquartal verzeichnete, verfehlte es mit einem Umsatz von 79 Billionen Won die Analystenerwartungen von 84 Billionen Won. Dies befeuerte Zweifel an der Nachhaltigkeit der massiven Investitionen in die künstliche Intelligenz (AI CapEx). Parallel dazu feierte der chinesische Speicherchip-Spezialist CXMT am Montag ein fulminantes Börsendebüt mit einem Kursplus von 466 Prozent, was den zunehmenden Wettbewerbsdruck aus der Volksrepublik unterstreicht.
Erdbeben in Kumamoto erzwingt Sicherheitsstopp
Zu der globalen Marktschwäche gesellt sich für Tokyo Electron ein regionales Risiko. Nach einem schweren Erdbeben der Stärke 7 in der Präfektur Kumamoto am gestrigen Dienstag sah sich das Unternehmen gezwungen, den Betrieb in seinen Werken in Koshi und Ozu vorübergehend einzustellen. Wie Tokyo Electron mitteilte, wurden bei ersten Inspektionen keine größeren Schäden an Gebäuden oder Anlagen festgestellt. Dennoch bleibt der Betrieb am heutigen Mittwoch für umfassende Sicherheitsprüfungen ausgesetzt.
Die Marktteilnehmer reagierten empfindlich auf die Nachrichtenlage. Der Titel notiert heute vorbörslich bei 272,35 Euro, was einem Rückgang von 7,99 % entspricht. Damit hat sich der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 439,00 Euro, das erst im Juni erreicht wurde, auf 37,96 % ausgeweitet. Innerhalb der letzten 30 Tage verlor der Wert bereits 36,81 % an Boden.
Analysten sehen Kaufchance im Ausverkauf
Trotz der aktuellen Kursverluste und der geopolitischen Spannungen gibt es optimistische Stimmen. Die Analysten von Goldman Sachs bewerten den jüngsten Rückgang bei japanischen KI-bezogenen Aktien als Kaufgelegenheit. Laut Bruce Kirk von Goldman Sachs bleibt der langfristige Wachstumsausblick für die Branche intakt. Er wies darauf hin, dass die Gewinnerwartungen für den japanischen Markt, exklusive SoftBank, für das zweite Quartal weiterhin ein deutliches Plus von 26 Prozent im Vergleich zum Vorjahr vorsehen.
Zudem betonen Marktbeobachter die Rolle von Tokyo Electron als Zulieferer für Schwergewichte wie TSMC, die wiederum die Chips für Nvidia fertigen. Während die Bewertungssorgen im Sektor zuletzt zunahmen – eine Umfrage der Bank of America zeigte, dass 45 Prozent der Fondsmanager KI als Blasenrisiko einstufen –, setzen Befürworter auf die weiterhin hohe Nachfrage durch Cloud-Giganten und Hyperscaler. Ob die anstehenden Quartalszahlen von Tokyo Electron den Abwärtstrend bremsen können, bleibt der zentrale Fokus der kommenden Handelstage.
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