Ein Auftragsbestand von mehr als 25 Milliarden Euro, zweistelliges Umsatzwachstum, eine angehobene Konzernprognose – und trotzdem notiert die Aktie rund 23% unter ihrem 52-Wochen-Hoch. Für mich ist genau diese Diskrepanz die eigentliche Geschichte bei TKMS, nicht die einzelne Meldung des Tages.
Operatives Geschäft liefert, der Markt zögert
Die Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/26, die TKMS am 12. August vorlegte, sind nach nüchterner Betrachtung stark: Der Umsatz kletterte in den ersten neun Monaten auf 1.890 Millionen Euro, ein Plus von 19% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Das bereinigte EBIT stieg um 13% auf 110 Millionen Euro.
Das Management reagierte mit einer spürbar angehobenen Prognose: Statt 2 bis 5% Umsatzwachstum werden nun 10 bis 12% für das laufende Geschäftsjahr erwartet, die bereinigte EBIT-Marge soll bis zu 6,5% erreichen. Die Mittelfristziele mit einer Marge von über 7% bleiben unangetastet bestehen.
Parallel dazu wächst der Auftragsbestand weiter. Unter Einbeziehung der vier MEKO A-200 DEU-Fregatten übersteigt er mittlerweile 25 Milliarden Euro, nach 20,1 Milliarden Euro auf reiner Konzernbasis. Das ist Rückenwind für Jahre im Voraus – und genau das macht die aktuelle Kursschwäche so bemerkenswert.
Geopolitik als Auftragsmaschine
Wer die operative Substanz verstehen will, muss die geopolitische Nachfragewelle mitdenken. Kanadas Premierminister Mark Carney verkündete im Juli den Zuschlag für TKMS zum Bau von bis zu zwölf U-Booten im Rahmen des Canadian Patrol Submarine Project – ein Vorhaben, bei dem die ersten vier Boote bereits 2034 geliefert werden sollen und dessen vertragliche Finalisierung bis spätestens Ende 2027 angestrebt wird.
Norwegen bestellte zwei weitere U-Boote der Klasse 212CD nach, die Flotte für die norwegische Marine wächst damit von vier auf sechs Einheiten. Und mit dem BAAINBw unterzeichnete TKMS einen Rahmenvertrag über Schwergewichtstorpedos für eben diese U-Boot-Klasse.
Auch strategisch bewegt sich etwas: Mit dem spanischen Partner Navantia unterzeichnete TKMS im Juli eine zweite Absichtserklärung, um die Zusammenarbeit im U-Boot-Segment zu vertiefen. Ziel ist ein verbindlicher Kooperationsrahmen für ausgewählte Projekte bis Jahresende – nach Gesprächen, die laut den beteiligten Unternehmen zu einer klaren Aufteilung komplementärer Kompetenzen geführt haben.
Wer diese Verdichtung von Auftragslage, Kapazitätsausbau und internationalen Partnerschaften betrachtet, kommt für mich schwer an dem Eindruck vorbei: Hier entsteht ein struktureller Nachfragezyklus, kein einmaliger Sonderboom.
Die Kursreaktion spricht eine andere Sprache
Trotzdem: Der Kurs schloss zuletzt bei 83,70 Euro, nach einem Minus von 1,3% am Vortag. Auf Monatssicht steht ein Rückgang von 13% zu Buche, während die Aktie seit Jahresbeginn mit 26% weiterhin deutlich im Plus liegt.
Diese Gemengelage – kräftiges Jahresplus, aber spürbare Korrektur der vergangenen Wochen – deutet für mich darauf hin, dass der Markt nach der fulminanten Rally zuvor nun Bewertungsfragen stellt. Eine Volatilität von 52% auf Jahresbasis unterstreicht, wie nervös das Papier aktuell gehandelt wird.
Bernstein Research reagierte auf die Zahlen vom 12. August mit einem deutlichen Schritt: Das Analysehaus stufte die Aktie von Market-Perform auf Outperform hoch und hob das Kursziel von 76 auf 125 Euro an.
Diese Einschätzung stammt allerdings aus der ersten Augusthälfte und lässt sich nicht als aktuelle Marktmeinung framen – sie zeigt aber, wie sehr die operative Entwicklung die fundamentale Bewertungsbasis verschoben hat, selbst wenn der Kurs diesem Sprung bislang nicht gefolgt ist.
Mein Fazit
Unterm Strich sehe ich bei TKMS eine seltene Konstellation: Ein Rüstungskonzern mit prall gefülltem Orderbuch, angehobener Guidance und wachsender geopolitischer Relevanz – dessen Aktie sich dennoch spürbar von ihrem Hoch entfernt hat.
Die fundamentale Story spricht für Substanz, die Kursbewegung der vergangenen Wochen für Skepsis oder schlicht Gewinnmitnahmen nach der starken Rally. Für mich überwiegen angesichts der Auftragslage und der bestätigten Mittelfristziele die Argumente für die operative Stärke – der Markt braucht offenbar noch etwas Zeit, um das nachzuvollziehen.
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