Ausgangslage
Thyssenkrupp hat am Donnerstag mit den Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/2026 geliefert, was der Markt seit Monaten hören wollte: Rückkehr in die Gewinnzone. Der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, das bereinigte EBIT verbesserte sich um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro.
Unter dem Strich stand ein Nettogewinn von 34 Millionen Euro, nach einem Verlust von 190 Millionen Euro im Vorjahr. Der Konzern hob zudem das untere Ende seiner Jahresprognose für das bereinigte EBIT auf 600 bis 900 Millionen Euro an und grenzte den erwarteten Jahresfehlbetrag auf maximal 700 Millionen Euro ein.
Die Aktie reagierte mit einem Sprung auf ein Mehrjahreshoch und notiert nun bei 13,79 Euro, nur 1,5 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch. Seit Jahresbeginn hat sich das Papier um 48 Prozent verteuert, allein in den vergangenen sieben Handelstagen um 10 Prozent.
Warum das jetzt zählt: Der Kurs hat sich damit weit von seinen gleitenden Durchschnitten gelöst – der Abstand zur 200-Tage-Linie beträgt 35 Prozent –, während der RSI von 71,5 auf eine überkaufte Marktlage hindeutet. Die Frage für Anleger ist nicht mehr, ob der Umbau Fortschritte zeigt, sondern ob die eingepreiste Dynamik durch die operative Substanz gedeckt ist.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor für die kommenden Monate ist, ob die Rüstungssparte Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) ihr Wachstumstempo tatsächlich in Marge übersetzt – oder ob der Kursanstieg vor allem eine Wette auf künftige Aufträge ist, die operativ erst noch abgearbeitet werden müssen.
TKMS hat den Auftragsbestand auf über 20 Milliarden Euro getrieben, wurde als bevorzugter Anbieter für Kanadas U-Boot-Programm mit zwölf Einheiten der Klasse 212CD benannt und unterzeichnete einen Vertrag mit der Deutschen Marine über vier Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU, mit Option auf vier weitere.
Parallel hob die Sparte ihre Umsatzprognose deutlich an, von zuvor 2 bis 5 Prozent Wachstum auf nun 10 bis 12 Prozent, bei einer erwarteten operativen Marge von 6,5 Prozent. Ob diese Marge bei der schieren Auftragsflut stabil bleibt oder unter Anlaufkosten leidet, dürfte über die nächste Kursetappe entscheiden.
Bullisches Szenario
Gelingt es dem Konzern, den Rückenwind aus Steel Europe und TKMS gleichzeitig zu halten, hat die Aktie fundamentales Aufwärtspotenzial. Die Stahlsparte hat ihr bereinigtes EBIT im dritten Quartal auf 73 Millionen Euro mehr als verdoppelt, nach neun Monaten steht ein operativer Gewinn von 373 Millionen Euro, doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum.
Der positive Sondereffekt aus dem im Juli abgeschlossenen Verkauf der HKM-Beteiligung an die Salzgitter AG hat das Nettoergebnis zusätzlich gestützt und zeigt, dass das Portfolio-Bereinigen Kapital freisetzt.
Bestätigt sich der eingeschlagene Kurs beim für Ende September angesetzten Kapitalmarkttag zur strategischen Neuausrichtung von Steel Europe, könnte die Bewertungsdiskussion neu aufgesetzt werden – mit einer Stahlsparte, die nicht mehr als Klotz am Bein, sondern als sanierter Werttreiber gilt.
Bärisches Risiko
Dagegen steht die Gefahr einer Überhitzung. Ein RSI von 71,5 und eine annualisierte Volatilität von 38 Prozent signalisieren, dass ein Teil der Rally spekulativ getrieben ist und Rückschläge schnell ausfallen können.
Zudem bleibt die operative Basis fragil: Das Rhein-Niedrigwasser hat den Konzern zu einer eigenen Taskforce gezwungen, weil die tägliche Rohstoffversorgung des Duisburger Werks von 50.000 bis 60.000 Tonnen aktuell nur über Ausweichen auf Bahnkapazitäten gesichert ist.
Finanzvorstand Axel Hamann bestätigte, ein Erkalten der Hochöfen sei nicht geplant – doch die Abhängigkeit von Wasserstand und Logistik bleibt ein Unsicherheitsfaktor, den die Kurszahlen nicht abbilden.
Sollte sich das Niedrigwasser verschärfen oder TKMS bei der Umsetzung der Großaufträge ins Straucheln geraten, könnte die Bewertungslücke zwischen Kurs und operativer Realität schmerzhaft schließen.
Ausblick
Solange Steel Europe seine Ergebnisverbesserung fortsetzt und TKMS die angehobene Margen-Guidance von 6,5 Prozent bestätigt, dürfte der positive Trend intakt bleiben, auch wenn kurzfristige Rücksetzer nach der jüngsten Rally wahrscheinlich sind.
Kippt hingegen die Logistiklage am Rhein spürbar oder zeigen sich bei TKMS erste Anzeichen von Anlaufschwierigkeiten, dürfte die überkaufte technische Verfassung schnell in eine Korrektur münden.
Der nächste konkrete Prüfstein ist der für Ende September angesetzte Kapitalmarkttag zu Steel Europe – dort wird sich zeigen, ob die strategische Neuausrichtung der Stahlsparte die hohen Erwartungen des Marktes untermauern kann.
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