Thyssenkrupp steuert auf einen der größten Konzernumbauten der vergangenen Jahre zu. Die Werkstoffsparte TK Accelis soll noch in diesem Jahr abgespalten und an die Börse gebracht werden. Über den Schritt entscheidet eine außerordentliche Hauptversammlung am 7. August. Der Essener Konzern will nach der Abspaltung 51 Prozent an der neuen Gesellschaft halten.
Werkstoffsparte soll profitabler werden
TK Accelis peilt mittelfristig eine EBITDA-Marge von 4 bis 5 Prozent an, verbunden mit einem jährlichen Umsatzwachstum von mehr als 4 Prozent. Im Geschäftsjahr 2024/25 kam die Sparte auf einen Umsatz von 11,4 Milliarden Euro bei einer EBITDA-Marge von lediglich 2,0 Prozent. Die angestrebte Marge würde damit mehr als eine Verdopplung des aktuellen Niveaus bedeuten. Für Thyssenkrupp ist der Spin-off Teil einer strategischen Neuausrichtung, mit der einzelne Konzernteile eigenständiger und für Investoren klarer bewertbar werden sollen.
Die Aktie honoriert die Ankündigungen rund um TK Accelis bereits seit Wochen. Am Dienstag legte das Papier um 2,39 Prozent auf 12,19 Euro zu und liegt damit rund 22 Prozent über dem 200-Tage-Durchschnitt von 9,97 Euro – ein Zeichen für den ausgeprägten Aufwärtstrend der vergangenen Monate. Seit Jahresbeginn steht für die Aktie ein Plus von mehr als 31 Prozent zu Buche. Charttechnisch beobachten Analysten von LYNX Analysen aktuell eine Annäherung an eine relevante Kursmarke, die über einen möglichen weiteren Ausbruch entscheiden könnte.
Stahlbranche kommt nicht aus der Krise
Während die Aktie von der Konzernumstrukturierung profitiert, bleibt das operative Umfeld im Stahlgeschäft angespannt. Die deutsche Rohstahlproduktion stieg im ersten Halbjahr 2026 laut Wirtschaftsvereinigung Stahl auf 18,6 Millionen Tonnen und damit um 9 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, in dem die Produktion noch um 12 Prozent eingebrochen war. Trotz des Anstiegs liegt die Menge weiterhin unter dem Niveau von 19,4 Millionen Tonnen aus dem ersten Halbjahr 2024. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl spricht ausdrücklich nicht von einer nachhaltigen Trendwende: Hochgerechnet auf das Gesamtjahr ergäben sich rund 37 Millionen Tonnen, während für eine wirtschaftlich tragfähige Auslastung der Werke etwa 40 Millionen Tonnen nötig wären.
Als Gründe für die schwache Nachfrage nennt der Verband die Bau-, Maschinenbau- und Automobilindustrie, die allesamt weiterhin zurückhaltend bestellen. Seit Juli gelten zudem neue EU-Zollregeln für Stahlimporte; der Verband fordert zusätzliche Nachfrageimpulse sowie ein verbindliches Made-in-EU-Kriterium für öffentliche Aufträge. Thyssenkrupp reagiert auf das schwierige Umfeld mit dem bereits laufenden Stellenabbau im Konzern. Konkurrent Salzgitter dagegen hat seine Prognose für 2026 zuletzt angehoben – ein Hinweis darauf, dass sich die Lage in der Branche uneinheitlich entwickelt.
Rohstoffrisiken als zusätzlicher Belastungsfaktor
Verschärft wird das Umfeld durch steigende Rohstoffpreise. Die Internationale Energieagentur warnt in ihrem aktuellen Bericht zu kritischen Mineralien vor wachsenden Versorgungsrisiken: Zwischen Januar 2025 und April 2026 verteuerten sich Aluminium, Kupfer und Zinn um jeweils 33 Prozent, Lithium legte um mehr als das Doppelte zu, Kobalt um 130 Prozent infolge von Exportbeschränkungen in der Demokratischen Republik Kongo. Wolfram verzeichnete sogar einen Preissprung von 600 Prozent. Europäische Preise für Gallium und schwere Seltene Erden liegen der Agentur zufolge inzwischen beim Fünffachen des chinesischen Niveaus, da China und Indonesien die globale Raffination dominieren. Für energie- und rohstoffintensive Industriekonzerne wie Thyssenkrupp verschärft dieses Umfeld den Kostendruck zusätzlich, während die anstehende Hauptversammlung am 7. August über die konzernstrategische Zukunft der Werkstoffsparte entscheidet.
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