Bei Thyssenkrupp Nucera geraten die Wachstumspläne im grünen Wasserstoffgeschäft ins Stocken. Der Konzern stoppt die Serienfertigung seiner SOEC-Technologie und muss dafür eine Sonderbelastung von rund 30 Millionen Euro verbuchen. Die Muttergesellschaft Thyssenkrupp reagierte am Dienstag mit einem Kursrutsch von 4,6 Prozent auf 13,27 Euro.
Auftragseingang verdoppelt, Umsatz bricht ein
Die Zahlen der Wasserstoff-Tochter zeigen ein zwiespältiges Bild. Der Auftragseingang in den ersten neun Monaten des Geschäftsjahres 2025/26 hat sich auf 471 Millionen Euro fast verdoppelt, nach 241 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Treiber war vor allem das Geschäft mit grünem Wasserstoff (gH2), wo die Order von 23 auf 184 Millionen Euro sprang.
Der Umsatz in diesem Segment entwickelte sich jedoch gegenläufig: Er fiel von 377 auf 80 Millionen Euro. Das operative Ergebnis rutschte auf minus 107 Millionen Euro ab, nach minus 39 Millionen Euro im Vorjahr.
Auf Konzernebene meldete Thyssenkrupp Nucera für die ersten neun Monate einen Umsatzrückgang von 663 auf 354 Millionen Euro sowie ein EBIT von minus 69 Millionen Euro.
Die Entscheidung, die Serienfertigung der SOEC-Technologie einzustellen, dürfte die zusätzliche Belastung erklären. SOEC gilt als eines der technologischen Zukunftsfelder der Wasserstoffelektrolyse, doch offenbar rechnet sich die Massenproduktion aus Sicht des Managements derzeit nicht.
Für Anleger ist das ein Dämpfer: Die Kluft zwischen anziehenden Bestellungen und schrumpfenden Umsätzen sowie tiefroten Ergebnissen im Kerngeschäft wirft Fragen zur Profitabilität der Wachstumsstory auf.
Stahlwende als zweite Baustelle
Parallel zur Nucera-Problematik steht Thyssenkrupp im Fokus der Debatte um die europäische Stahlwende. Die verschärfte EU-Klimapolitik zwingt Stahlkonzerne zu einer CO2-Transformation, die enorme Investitionen in Rohstoffe und grüne Energie erfordert. Neben Thyssenkrupp gelten in diesem Zusammenhang auch Unternehmen wie Siemens Energy als exponiert – dessen Aktie am selben Handelstag ebenfalls deutlich nachgab.
Der Kursrutsch bei Thyssenkrupp fiel damit in ein Marktumfeld, das ohnehin unter Druck stand: Steigende Anleiherenditen belasteten am selben Tag den gesamten europäischen Technologie- und Industriesektor. Für die Aktie bedeutet das eine doppelte Belastung – unternehmensspezifische Sorgen um die Wasserstoff-Tochter treffen auf eine ohnehin nervöse Marktstimmung.
Trotz des Rücksetzers bleibt die Kursentwicklung von Thyssenkrupp über einen längeren Zeithorizont bemerkenswert: Seit Jahresbeginn steht ein Plus von 42 Prozent zu Buche. Der jüngste Dämpfer relativiert diese Bilanz zwar, stellt sie aber nicht grundsätzlich infrage.
Anleger dürften nun genauer beobachten, ob sich die Diskrepanz zwischen Auftragseingang und Umsatzentwicklung bei Nucera in den kommenden Quartalsberichten auflöst – oder ob die Technologiewende beim grünen Wasserstoff teurer wird als bislang eingepreist.
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