Thyssenkrupp fährt zweigleisig – und die Börse mag das offensichtlich. Die Aktie klettert am Mittwoch um 3,5 Prozent auf 12,45 Euro. Treiber ist eine kräftige Prognoseanhebung bei der Rüstungstochter TKMS. Im selben Atemzug meldet die Wasserstofftochter Nucera niedrigere Ziele. Der Konzern plant zudem für die geplante Konzernaufspaltung eine komplexe Finanzierung über verpfändete Vermögenswerte.
Ausgangslage: Ein Konzern, zwei Richtungen
Thyssenkrupp Marine Systems hebt am Mittwoch seine Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2025/26 deutlich an. Statt 2 bis 5 Prozent Wachstum peilt die Rüstungssparte nun 10 bis 12 Prozent an. Die EBIT-Marge soll auf bis zu 6,5 Prozent steigen.
Bei Nucera läuft es umgekehrt. Die Wasserstofftochter senkt ihre Gewinnziele, nachdem sie aus der Serienfertigung von SOEC-Elektrolyseuren ausgestiegen ist. Der Rückzug kostet im vierten Quartal rund 30 Millionen Euro an Einmalbelastungen.
Parallel dazu plant der Konzern die Finanzierung seiner Transformation über sogenanntes Asset-Based Lending. Vorräte und Forderungen der Tochter TK Accelis sollen als Sicherheiten für Kreditlinien dienen. Das Modell zeigt, wie eng der finanzielle Spielraum im Konzern derzeit ist.
Entscheidende Frage: Trägt TKMS den ganzen Konzern?
Für Anleger stellt sich eine zentrale Frage. Reicht die operative Stärke der Marinesparte, um die Risiken der Aufspaltungsfinanzierung und die Schwäche im Wasserstoffgeschäft auszugleichen?
Die Marktkapitalisierung liegt aktuell bei 7,73 Milliarden Euro. Ob dieser Wert die Summe der Einzelteile schon widerspiegelt, bleibt offen. Die „risikobehaftete“ Finanzierung der Abspaltungen könnte einen dauerhaften Bewertungsabschlag erzwingen – oder sich als Übergangsproblem erweisen, sobald TK Accelis eigenständig an die Börse geht.
Bullisches Szenario: TKMS liefert die Blaupause
Für eine Fortsetzung der Rally spricht vor allem die Auftragslage. Der Auftragsbestand der Marinesparte erreicht Ende Juni 2026 einen Rekordwert von 20,1 Milliarden Euro. Das gibt dem Geschäft für Jahre Planungssicherheit.
Der Umsatz von TKMS wuchs in den ersten neun Monaten bereits um 19 Prozent auf 1,9 Milliarden Euro. Neue Großprojekte könnten das Wachstum zusätzlich beschleunigen. Indien verhandelt über sechs U-Boote. In Kanada läuft Thyssenkrupp zudem als bevorzugter Bieter für ein Programm mit einem Volumen von über 15 Milliarden Euro.
Steigt die TKMS-Marge wie geplant mittelfristig über 7 Prozent, könnte das die Konzernbewertung tragen – selbst wenn Nucera vorerst tief in den roten Zahlen bleibt. Die Wasserstofftochter rechnet für 2025/26 mit einem EBIT zwischen minus 105 und minus 75 Millionen Euro.
Bärisches Szenario: Das Finanzierungskorsett
Das größte Risiko liegt in der Komplexität und den Kosten des Konzernumbaus. Die Besicherung von Krediten über Vermögenswerte schränkt den finanziellen Spielraum in Krisenzeiten ein, wie Marktbeobachter anmerken. Mit Ratings im spekulativen Bereich – Ba3 bei Moody’s, BB bei S&P – bleiben die Refinanzierungskosten hoch.
Auch Nucera bereitet Sorgen. Der Auftragseingang hat sich in den ersten neun Monaten zwar auf 471 Millionen Euro verdoppelt. Das operative Geschäft bleibt mit einem EBIT von minus 69 Millionen Euro aber deutlich defizitär.
Hinzu kommt die Nervosität am Markt selbst. Schwankt der Rüstungssektor sentimental, geraten Aktien wie Thyssenkrupp schnell unter Druck – unabhängig von den eigenen Zahlen.
Ausblick: Der Test am 52-Wochen-Hoch
Kurzfristig entscheidet sich die Richtung wohl am Widerstand von 13,34 Euro, dem 52-Wochen-Hoch der Aktie. Aktuell fehlen noch 6,6 Prozent bis dahin.
Ein zentraler Katalysator wird die weitere Konkretisierung des für Ende 2026 geplanten Börsengangs von TK Accelis. Läuft die Finanzierung über Asset-Based Lending reibungslos, dürfte das die Sorgen vor einer Kapitalverknappung dämpfen.
Kippt dagegen die Stimmung im Rüstungssektor, oder verzögern sich Großaufträge wie das Kanada-Geschäft, rückt die Schwäche in Stahl und Wasserstoff wieder in den Vordergrund. Dann dürfte die fundamentale Diskussion um den fairen Wert der Einzelteile neu beginnen.
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