Die EU-Kommission dreht an einer wichtigen Stellschraube für Europas Stahlindustrie. Am 17. Juli legte Brüssel eine Reform des Emissionshandels vor, die der Branche mehr Zeit für die Dekarbonisierung einräumt. Für Thyssenkrupp und den milliardenschweren Umbau zur wasserstoffbasierten Stahlproduktion kommt das genau richtig.
Mehr Zeit, mehr Schutz vor Importen
Kern der Reform: Kostenlose CO₂-Zertifikate sollen länger fließen als ursprünglich geplant. Das nimmt Druck von der Transformation. Thyssenkrupp treibt am Standort Duisburg das Projekt tkH2Steel voran – eine Umstellung, die nur mit verlässlichen regulatorischen Rahmenbedingungen wirtschaftlich funktioniert.
Parallel dazu wirken bereits verschärfte Importregeln, die seit dem 1. Juli gelten. Die EU senkte die zollfreien Einfuhrquoten für Stahl um 47 Prozent auf jährlich 18,3 Millionen Tonnen. Wer diese Menge überschreitet, zahlt einen Schutzzoll von 50 Prozent – doppelt so viel wie zuvor. Das Ziel: europäische Hersteller vor Billigimporten schützen und die Preise am Heimatmarkt stabilisieren.
JPMorgan sieht mehr Potenzial
Die US-Bank JPMorgan hat auf die neue Lage reagiert und das Kursziel für Thyssenkrupp von 11,80 auf 12,80 Euro angehoben. Analyst Dominic O’Kane begründet den Schritt mit der wachsenden Wirkung der politischen Schutzmaßnahmen. Er erwartet, dass diese die Gewinne der europäischen Stahlbranche im zweiten Halbjahr 2026 antreiben.
Die Einstufung bleibt bei „Neutral“. Das neue Kursziel signalisiert dennoch spürbares Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Kursniveau.
Marine-Sparte liefert zweites Standbein
Neben Stahl rückt die Marinesparte Thyssenkrupp Marine Systems stärker in den Fokus. TKMS gilt als bevorzugter Bieter für ein milliardenschweres U-Boot-Programm in Kanada – bis zu zwölf Einheiten könnten entstehen. Am 8. Juli billigte der Haushaltsausschuss des Bundestages zudem das Fregattenprojekt MEKO A-200 DEU.
Für dieses Projekt integriert Thyssenkrupp gemeinsam mit dem Partner Saab Kampfsysteme im Volumen mehrerer hundert Millionen Euro. Die Auftragslage im Überwasserbereich verbessert sich damit spürbar.
Charttechnisch entspannt
Die Aktie schloss den Freitagshandel mit einem leichten Minus von 0,25 Prozent bei 11,82 Euro. Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 27,45 Prozent zu Buche – ein Wert, der die Dynamik der laufenden Rallye unterstreicht. Der RSI von 57,5 zeigt eine neutrale Marktlage, keine Überhitzung nach den Kursgewinnen der vergangenen Monate.
Die kommende Handelswoche dürfte zeigen, wie der Markt die EU-Beschlüsse verarbeitet. Hält der Optimismus zu stabileren Stahlpreisen an, könnte die Aktie den Widerstand bei 12,30 Euro erneut testen. Zusätzliche Impulse könnten von Details zur geplanten Verselbstständigung der Kernsegmente kommen, die den Konzernumbau im laufenden Geschäftsjahr weiter prägen.
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